Nur ein Traum von Liebe

 

Adriana Lecouvreur ist in den stärksten Momenten eine Oper zum Dahinschmelzen. Sänger schwelgen schokoladig in Schönklang, etwas bittersüß Genußvolles, lieblich und liebend, aber vergeblich und vergänglich, erklingt in den Melodien. Die Oper von Francesco Cilea wurde am 6. November 1902 in Mailand uraufgeführt und gilt als Paradestück für Primadonnen und bedeutende Tenöre, Enrico Caruso sang 1902 die Premiere, Anna Netrebko wird bspw. die Titelrolle im Sommer 2018 in Baden-Baden interpretieren. Ein Fest der Stimmen und Stimmungen! Und genau das gelang bei der Neuinszenierung des Badischen Staatstheaters durch eine gute Regie und starke Sänger. Regisseurin Katharina Thoma gelingt es, die Liebes-, Rache- und Eifersuchtsgeschichte anschaulich zu erzählen, der erste Akt profitiert vom Einsatz der Drehbühne und das dadurch erzielte Nebeneinander von Räumen und Situationen (Bühne: Dirk Becker, Kostüme: Irina Bartels, Licht: Stefan Woinke). Die Handlung spielt in einem unkonkreten Heute, das von der Schauspieltruppe aufgeführte klassische Stück ist historisierend auf einer Barockbühne, die im ersten Akt nie aus dem Blickwinkel verschwindet. Der zweite Akt ist ebenfalls durch Wechsel geprägt, der Regie gelingen gute Momente und doch mangelt es ein wenig an Dringlichkeit und Nachdruck in der Versteckszene. Der dritte und vierte Akt sind statischer erzählt, Requisiten wie Veilchenstrauß und Armband verlieren ihre Bedeutung und geraten in den Hintergrund.

Cileas „Adriana Lecouvreur“ am Badischen Staatstheater Karlrsruhe/ Szene/ Foto Falk von Traubenberg

Die Personenführung konzentriert sich auf die weibliche Rivalität der beiden Konkurrentinnen, das Intermezzo sinfonico des zweiten Akts zeigt, wie sie beide selbstzweifelnd im Spiegel ihr Äußeres begutachten – zwei nicht mehr junge Frauen mit der Sehnsucht, geliebt zu werden und alles für den Geliebten bedeuten zu wollen. Moritz ist attraktiv, aber kein strahlender Held. Bei der von ihm verkündeten Trennung („L’anima ho stanca“) von der Herzogin im zweiten Akt, kann er ihr nicht in die Augen schauen, sondern wendet sich von ihr ab, seine Erzählung im dritten Akt wird zur eitlen Show und Selbstdarstellung in einem prachtvollen an Napoleon III. erinnernden und aus dem szenischen Rahmen fallenden Militärkostüm. Das komponierte Ballett (Choreographie: Hélène Verry) darf als Schattenspiel ohne tiefer gehende Absicht die Handlung unterbrechen. Einen gravierenden Eingriff erlaubt sich die Regie im vierten Akt, der Jahrzehnte nach dem dritten spielt und ergraute Figuren zeigt, das Geschehen der ersten drei Akte ist eine längst vergangene Episode. Das Drama der Oper wird von der Regisseurin neu erfunden, es geht nun auf einmal um alternde Künstlerdie irgendwann ihren Beruf nicht mehr ausüben können und merken, sie werden immer weniger gefragt oder nicht verlängert und dann ist ihnen ein zentraler Teil ihres Lebens genommen. Das fand ich ebenso tragisch, wenn nicht tragischer als die Liebesgeschichte“, so Thoma. Eine willkürliche Entscheidung, die den 4. Akt zwar eine neue Richtung gibt, aber nicht die musikalische Folgerichtigkeit sabotiert. Adriana bekommt zwar vertrocknete (aber keine vergifteten) Blumen, die gealterte, abgedankte und an Depressionen leidende Schauspielerin begeht mit einer Überdosis Medikamente Selbstmord. Die Rückkehr Maurizios ist eine Phantasie der Todesagonie, das Duett nur ein Traum von Liebe, sie stirbt alleine.

Seit 2002 ist Barbara Dobrzanska Ensemblemitglied am Badischen Staatstheater und hat sich in zahllosen Hauptrollen in die Herzen des Karlsruher Publikums gesungen. Als sie nach einem anrührenden und berückend intensiv gesungenen vierten Akt vor den Vorhang trat, huldigte ihr das Publikum mit lautstarkem Jubel und Brava-Rufen. Sie konnte all das zeigen, was sie in den vergangen fast 15 Jahren zum Publikumsliebling werden ließ: ob piano oder forte oder in der Höhe, ihre Töne klingen mit Ausdruck und Farbigkeit, sie verleiht ihrer Figur Tiefe. „Io son l’umile ancella“ war bei ihr nachdenklich und fast ein wenig zu zurückhaltend, Adrianas zweite berühmte Arie „Poveri fiori“ und überhaupt der ganze vierte Akt ein Glanzpunkt. Und auch die Sprechstellen meisterte sie überzeugend und vorbildlich. Fredrika Brillembourg konnte da als Herzogin von Bouillon nicht stetig mithalten, manchmal vermisste man Nachdruck und Konstanz, als Figur ist sie allerdings von der Regie mit Selbstzweifeln angelegt, sie ist nicht unerbittlich und man hätte ihr auch nicht abgenommen, daß sie ihre Rivalin vergiftet. Auch Rodrigo Porras Garulo als Maurizio bleibt szenisch etwas zu unbestimmt, die Regie gesteht ihm wenig Substanz zu und im vierten Akt ist er nur als Phantasiefigur ohne Persönlichkeit auf der Bühne. Der mexikanische Tenor mit dem lyrisch-männlichen Timbre singt mit offener Stimme und zeigt Klangschönheit und Höhensicherheit. Die zweite anrührende Figur neben Adriana ist bei dieser Produktion Michonnet, den der koreanische Bariton Seung-Gi Jung mit junger, kräftiger und attraktiver Stimme als legitime Konkurrenz zu Maurizio erscheinen lässt. Die kleineren Rollen sind sehr gut besetzt, bspw. Konstantin Gorny als Fürst von Bouillon und Klaus Schneider als Abbé von Chazeuil. Dirigent Johannes Willig und die bestens aufgelegte Badische Staatskapelle musizieren mit filigraner, zarter Lyrik und treffen wunderbar die intime Atmosphäre dieses Stücks. Alle Beteiligten erhielten viel Applaus und Bravos vom Publikum (Foto oben: Cileas „Adriana Lecouvreur“ am Badischen Staatstheater Karlrsruhe/ Szene/ Foto Falk von Traubenberg). Marcus Budwitius