Nimm dich in acht vor blonden Frau‘n

 

Die Fischer in Santa Lucia sind bestens informiert. „Wie das Sprichwort sagt: Neapel sehen und sterben“, wissen sie frohgelaunt. Die Händler bieten Austern an, Straßenhändler ihre Waren, junge Frauen singen ein Liebeslied. Ein Stimmengewirr, das dem in Süden Siziliens geborenen Pierantonio Tasca offenbar so vertraut war, dass er es bequem auf Neapel übertragen konnte. Die Szene aus dem alten Hafenviertel Neapels, das zum Zeitpunkt seiner Oper A Santa Lucia bereits Geschichte war, wirkt jedenfalls wie abfotografiert. Sie erinnert ein bisschen an den zweiten Akt der Bohème mit ihrem Café Momus-Treiben und ist in ihrer naturalistischen Abbildung so authentisch wie die Morgendämmerung der Tosca, für die Puccini eigens nach Rom gereist war und die Engelsburg bestiegen hatte. Tasca fließt dieses Treiben operettenleicht und unaufwendig aus der Feder, die Volksmenge und die solistischen Einwürfe samt den späteren ariosen Einflechtungen, der leichte, anschmiegsame Canzonen-Ton und die Tarantella, die seinen 75minütigen Zweiakter einrahmt, dazu die Parlando-Unterhaltungen und das südländische Idiom. Doch so unbeschwert wie sich die schaulustigen Neapolitaner gerieren, ist das Stück, dessen Libretto ihm Enrico Golisciani nach einen Schauspiel Goffredo Cognettis eingerichtet hat, nicht. Rosella hat ein Kind vom Fischer Ciccillo, dem Sohn des Austernhändlers Totonno. Sie gibt es als die Tochter ihrer verstorbenen Schwester aus, weil Ciccillo seit seiner Jugend Maria versprochen ist. Maria liebt Ciccillo und unternimmt eifersüchtig alles, um Rosella auszustechen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung der beiden Frauen. Nur Totonnos Eingreifen kann Rosella vor dem Gefängnis bewahren. Ciccillo beschließ,t für ein Jahr auf einem Schiff anzuheuern. Das von Eifersucht, aber schließlich tiefer Liebe geprägte Duett der beiden ist ein Höhepunkt der Oper, die ansonsten liedchenhaft kurze Arien bevorzugt. Rosella findet bei Totonno Unterschlupf, der sich in die junge Frau verliebt hat. Bei Ciccillos Rückkehr steckt Maria dem Geliebten, dass nun nicht nur ihrer beiden Hochzeit, sondern auch die von Rosella und Totonno ansteht. Ciccillo sieht sich von beiden betrogen, gesteht seinem Vater, dass Rosellas Kind von ihm ist und stößt die unschuldige Rosella von sich. Diese stürzt sich ins Meer. Dies alles auführlich im Vor-Artikel zum Werk hier in operalounge.de

A Santa Lucia verdankte seinen kurzen Sensationserfolg vor allem dem Einsatz von Gemma Bellincioni, die zusammen mit ihrem Mann Roberto Stagno, zwei Jahre nachdem sie 1890 in Rom Cavalleria Rusticana erfolgreich zur Uraufführung gebracht hatten, eine Novität für ihre Tournee suchte – die Bellincioni hatte u.a. auch Giordanos Fedora kreiert. So kam es, dass die Oper eines bis dahin unbekannten Komponisten an Berlins Kroll-Oper herauskam. Es folgten weitere Stationen, auch Aufführungen unter Gustav Mahler, der sich ebenfalls für die Cavalleria Rusticana eingesetzt hatte, bis die Oper mit dem Karriereende der Bellincioni in Vergessenheit geriet.

Tascas Einakter „A Santa Lucia“ am Anhaltischen Theater Dessau/ Szene/ Foto Claudia Heysel

Das Anhaltische Theater Dessau, wo ich schon so tolle Ausgrabungen wie Esclarmonde und La muette de Portici gesehen habe, entriss am 1. April 2017 das Stück der Vergessenheit und verband es logisch und richtig mit der Cavalleria Rusticana, die diesen Verismo-Doppelabend eröffnete. Vermutlich hatten sich alle Mitwirkenden auf den unbekannten Tasca gestürzt, denn A Santa Lucia klang wesentlich überzeugender als die musikalisch gezähmte, etwas brav leidenschaftslose Cavalleria Rusticana. Als habe man mit der Gegenüberstellung der beiden Opern des Guten nicht schon genug getan, verzahnte Holger Pitocki das sizilianische und das neapolitanische Stück zu einem fast surrealen Geschehen über die Rachefeldzüge betrogener Frauen, die eine geschwängert, die andere lieblos zur Seite geschoben: Eine Bewerbung für das Dramaturgen-Oberseminar. Rosella wirft sich also in das Meer. Santuzza windet sich in ihren Wehen auf dem Bett. „Non è vero“ schreit sie, und der Tenor ruft ihr ein „Santuzza“ hinterher. Die Frauen verschwimmen zu einer Person, die blonde Santuzza sieht sich – Videoeinblendungen von Markus Schmidt – als rote Lola, und die rothaarige Rosella wird von der nun blonden Konkurrentin Maria in den Tod getrieben. Die ausgestoßene, aber ruchlose Santuzza ist wird ebenso schuldig wie die gedemütigte Maria. Nimm dich in acht vor blonden Frau’n. Der Irrgarten wird komplett durch die Mitwirkung der gleichen Sänger in beiden Werken, Iordanka Derilova ist die blonde Santuzza mit Babybauch und schwarzem Negligé sowie die rothaarige Rosella im braven Hausfrauenkleidchen, die greise Lucia im Rollstuhl wird zur fiesen Maria, die lüsterne rothaarige Lola zu Ciccillos Schwester. Nur Ray M. Wade ist der tenorale Felsen in dem Geschehen, der als Turiddu und Ceccillo die herbsten Schicksalsschläge ohne größeren darstellerischen Aufwand über sich ergehen lässt. Beide Male hat er ein kleines Liedchen, der Siciliana der Cavalleria entspricht das Lied von der kleinen Rose in A Santa Lucia, das von Rosella aufgenommen wird. Größere Erregung liegt ihm nicht. Das Duett der einstigen Geliebten Santuzza und Turiddu kommt ohne Hass und Leidenschaft aus, wirkt eher wir das resignative Fügen in das Unvermeidliche. Eine Beziehung ist zu Ende. Fehlt nur, dass sie sagen, „lass uns Freunde bleiben“.

Tascas Einakter „A Santa Lucia“ am Anhaltischen Theater Dessau/ Szene mit Rita Kapfhammer (als Maria), Iordanka Derilova (als Rosella)/ Foto Claudia Heysel

Entsprechend zahnlos Santuzzas Fluch „A te la mala pasqua“. Wade kann im Duett mit Rosella einen kompakten Tenor günstig ausspielen, ein arioses Changieren, das in ähnlicher Form bei Wolf-Ferrari wiederkehrt, doch eher in den Buffoopern als in den auf einen Text Goliscianis entworfenen Goielli della Madonna, wo sich der Verismo zu einem groben Abgesang nochmals nach Neapel begibt. Auch die Szene mit Alfio bleibt zurückgenommen, was an Ulf Paulsen liegen mag, der nicht den draufgängerischen Macho und geifernden Betrogenen gibt und dem die Partie überhaupt nicht so richtig liegt, nicht in der Höhe und nicht in der vokalen Attacke (und im trockenen Ton); da zieht er sich lieber mit einfarbig festem Bariton aus der Affäre. Iordanka Derilova kann in den beiden Partien der Bellincioni, von der Heuberger gesagt hat, sie sei eine „Doppelgängerin der Duse“ und „die größte Seelenmalerin unter den derzeitigen Opernsängerinnen“, einen großen persönlichen Erfolg verbuchen. Nach Brünnhilden, Ortrud und Elektra und den dramatischen italienischen Partien ist es erstaunlich, zu welch feiner Emission und Lyrik sie als Rosella fähig ist, wo sie natürlich und kraftvoll singt und sich die Stimme noch immer von großer Homogenität zeigt. Als Santuzza ist die Stimme mehr energisch als voll, wirkt der Text doch etwas pauschal ausgedeutet. Wie denn, wie schon gesagt, die Cavalleria dünner als gewohnt wirkte. Mascagnis Sonntagsbauern singen ihre schönen Chöre, die Dörfler ergehen sich in Duetten und Szenen, deutlich durch die gleißenden, in den Zuschauerraum gerichteten Scheinwerfer wie durch Blenden abgetrennt, alles in allem die Sicht des Norditalieners auf das exotische Sizilien, das in Vergas Romanvorlage wesentlich krasser erfasst ist. Auch wenn Tascas A Santa Lucia in Dessau durchaus überzeugend gegeben wurde, wird sie wegen ihrer fehlenden musikalischen Dramatik und länglichen Kleinteiligkeit der Cavalleria kaum ihren Platz an der Seite der Pagliacci streitig machen.

Potocki und seine Bühnenbildnerin Lena Brexendorff lassen die Cavalleria am Hafen spielen, zwischen Speichern und Pollern, vorn hat man sich das Meer vorzustellen. Dort ist auch das Bett der Santuzza. Links ein Hausaltar mit Teddybär und Kerzen. Der blaue, wie von Magritte gemalte Himmel, der gegen Ende der Cavalleria die graue Hafenszene aufhellt, hängt auch über Santa Lucia, das nach der Pause wie ein Disneyland-Ausflug in die 50er Jahre ausfällt mit weißen, von roten Blümchen umrankten Holzzäunen, einem bunten Amüsierpublikum in duftigen, pastellzarten Kostümen, einem Jahrmarktstreiben mit Colombinen und Clown, Luftballons und roten Herzen – eine kitschige Traumszenerie, die sich später langsam in die dunkel dräuende Hafenszenerie zurückverwandelt, in der sich Rosella irgendwie ins Meer stürzt. Die Regie wurde widerspruchslos hingenommen, die Aufführung gefeiert, was Markus L. Frank und die Anhaltische Philharmonie für ihren feinsinnigen Tasca verdient hatten, ebenso der Opernchor, der in der Cavalleria noch dünn und unausgeglichen klang, dazu der Kinderchor, Rita Kampfhammer als herrisch dunkle Lucia und energische Maria, Cornelia Marschall als verführerische Lola und verständnisvolle Concettina. Und dann hört man auch noch Cezary Rotkiewicz als Tore sowie David Ameln als Stimme des Fischers (Foto oben: Tascas Einakter „A Santa Lucia“ am Anhaltischen Theater Dessau/ Szene mit Ray M. Wade, Jr. (als Ciccillo), Iordanka Derilova (als Rosella)/ Foto Claudia Heysel). Rolf Fath