Nicht nur von Goethes Hand

 

Zu den Vergnügungen, die sich der bestimmt hochgestresste Weimarer Hof an seinem sommerlichen Urlaubsort Bad Lauchstädt (30 Km südlich von Halle) im späten 18. Jh. gönnte, gehörten nicht nur das hemmungslose Ränkespiel und für die Herren Geheimräte die Schürzenjagd auf dem Lande. Die Kurgäste strebten auch nach geistiger Erquickung. Seit spätestens 1776 wurden Stücke in einer „Komödienbude“ gespielt, und am Ende des 18. Jh. entschloss man sich zum Bau eines Theaters. Unter der Aufsicht von Johann Wolfgang Goethe, der ja von 1791 bis 1817 Theaterintendant war, entstand 1802 ein einfacher Saal mit Bühnenmaschinerie, welcher die Widrigkeiten der Zeit heil überstanden hat und inzwischen regelmäßig u.a. während der Händel-Festspiele bespielt wird. Nun besann sich die Intendanz des dokumentierten Repertoires, das in Bad Lauchstädt um 1800 geboten wurde, und setzte die deutsche Übersetzung von Cimarosas Matrimonio segreto auf den Spielplan. Christian August Vulpius, der Bruder von Goethes Lebensgefährtin und nachmaliger Frau Christiane, schuf sie, und daran beteiligte sich möglicherweise der Olympier selbst. Man wollte offensichtlich à la page sein, denn Cimarosas Buffa war erst einige Jahre zuvor, am 7. Februar 1792, in Wien uraufgeführt worden. Die Heimliche Heyrath, dessen Libretto Goethe hochschätzte (der Dichter, Giovanni Bertati, dessen Name er allerdings nicht kannte, sei „einer der geschicktesten die in diesem Fach gearbeitet haben“, schreibt er an einer Stelle) ging schon 1796 in Weimar unter Goethes Leitung und am 4. Juli 1798 in Bad Lauchstädt über die Bretter. Authentischer als mit einer Inszenierung dieses Werkes im Goethetheater kann man wohl kaum verfahren, würde man dementsprechend meinen, aber der musikhistorische Teufel sitzt eben im Detail. So entnimmt man dem dürftigen Programmheft, dass nur die Arien und Ensembles in der Verdeutschung von Vulpius bzw. Goethe vorliegen. Die gesprochenen Dialoge wurden von Regisseur Philipp Harnoncourt ergänzt, der damit zwar der historisch verbürgten Praxis folgte (italienische drammi giocosi wandelte man meistens in Singspiele ohne Rezitative um, wenn man sie ins Deutsche übertrug), aber nicht immer den richtigen Ton traf („Du Schlampe“ wäre bestimmt nicht aus der Feder des Bibliothekars Vulpius geflossen). Und diskret wird auf eine Orchesterfassung durch Karla Schröter hingewiesen. Es wäre nützlich gewesen, Näheres über die Quellenlage und die Bearbeitung zu erfahren (die Ouverture weicht z.B. von der herkömmlichen Fassung ab).

Musikalisch und szenisch hinterließ die Aufführung einen zwiespältigen Eindruck. Mit Harnoncourt als Regisseur und Joachim Neugart als Dirigent hatte man zwei erfahrene Künstler gewonnen, welche das ihnen anvertraute junge Ensemble mit sicherer Hand führten. Harnoncourt hatte sich zum Ziel gesetzt, das Publikum zu unterhalten, und das gelang ihm. Man wird lediglich seine Neigung, die attraktiven Sänger und Sängerinnen auszuziehen, sowie einige chargierten Stellen vor allem im zweiten Akt missbilligen. Von Neugart hätte man sich bisweilen etwas mehr rhythmische Flexibilität gewünscht, doch bot er insgesamt eine lebendige und kurzweilige Deutung. Das war umso bemerkenswerter, als mit Concerto Royal Köln ein vor allem in den Geigen intonationsschwaches und säuerlich aufspielendes Ensemble verpflichtet worden war, welches die „historischen Instrumente“, derer es sich bediente, ziemlich malträtierte. Unter den Sängern ragte Katarzyna Wilk heraus, die eine zwar kleinstimmige, aber stilsichere und auch szenisch gewitzte Caroline gab. Den Charakter dieser heranwachsenden Frau, die zickig, lustig und melancholisch sein kann (von Bertati bzw. Vulpius und Cimarosa feinfühlig beschrieben) traf sie vollkommen. Als ihr Gatte Falkenstein (im italienischen Original Paolino) zeigte Tobias Glagau einen angenehmen Tenor, den er in seiner bezaubernden und hier turbulent inszenierten Flucht-Arie im zweiten Akt effektvoll einsetzte. Rollendeckend agierten Frederik Schauhoff (Baron Wallenstedt), Achim Hoffmann (Gerbrand, Carolines Vater) und Eva Marti (Talma, Gerbrands Schwester). Nur Joanna Klisowska konnte mit unausgeglichener Stimme und allzu distanziertem Spiel als Elisabeth, Carolines launenhafte und oberflächliche Schwester, nicht überzeugen. Die zahlreich anwesenden Zuhörer erlebten eine vergnügliche Aufführung an einem warmen Juli-Nachmittag. Auch wenn nicht alles perfekt war, wünscht man sich doch weitere Ausgrabungen dieser Art. Goethes eigene Singspiele und Schauspiele mit Musik oder Cimarosas hinreißender Impresario in angustie, von Goethe übersetzt und inszeniert, wären dabei sicherlich eine gute Wahl.

Michele C. Ferrari

Besuchte Aufführung am 30. Juli. Für Nachrichten zu Goethes Intendanz und Opern-Vorlieben sei auf zwei Bücher hingewiesen: Dietrich Fischer-Dieskaus lesenswerte Abhandlung Goethe als Intendant (München 2006) und Tina Hartmans Goethes Musiktheater (Tübingen 2004), wo allerdings nichts zu der Quellenlage der besprochenen Opern zu finden ist. Foto oben Die heimliche Heyrath/ Szene/ Foto Moritz Weißkopf

 

  1. geerd heinsen

    Zur gezeigten Fassung schrieb die musikalische Herausgeberin:
    Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Ferrari,
    über das Goethe-Theater Bad Lauchstädt bekam ich heute Ihre Rezension zu unserer Produktion von Cimarosa, Die Heimliche Heyrath weitergeleitet.
    Zuerst einmal herzlichen Dank für das Verfassen Ihres doch sehr durchdachten und inhaltsreichen Textes.
    Allerdings musste ich aus Ihrem Text auch herauslesen, dass das Programmheft wirklich zu spärlich in seinen Informationen ausgefallen ist und Fragen und Unklarheiten aufgeworfen hat. Leider hatte ich auf das Heft fast keinen Einfluss.
    Gerne hätte ich Ihnen in der Opernpause bereits einige Fragen beantwortet.
    Zunächst: ich habe nicht den gesamten Orchesterpart bearbeitet, sondern lediglich die Bläserstimmen ein wenig arrangiert und die Besetzung verkleinert, erstens aus Kostengründen, zweitens auch wegen der bescheidenen Größe des Orchestergrabens im Goethe-Theater.
    Bearbeitungen dieser Art sind an diesem Werk sehr viele vorgenommen worden, gibt es sogar eine moderne Fassung für kleines Kammerensemble.
    Da es sich bei dieser Produktion um ein absolutes low budget handelt, musste ich auch den Streicherapparat äußerst klein halten, mit jeweils 2/2/2 und der Rest in Einzelbesetzung. Diese schmale Besetzung eines aber höchst engagierten Orchesters mag das „säuerliche“ Gefühl in Ihnen ausgelöst haben.
    Sehr wichtig ist mir Ihre Bemerkung zur Ouverture: die von mir bedächtig ausgewählte Ouverture steht eben dieser Goethe-Vulpius-Version, die als Handschrift in Weimar und Rudolstadt liegt, voran. Der Komponist ist leider nicht bekannt, für mich war es jedoch sehr wichtig, auch dieselbe Ouverture, die damals erklungen ist, unserer Produktion voranzustellen und nicht die inzwischen gängige der Wiener Urfassung.
    Ein weiteres Mißverständnis sind die gesprochenen Dialoge. Natürlich existiert ein Libretto der gesprochenen Dialoge, das Philipp Harnoncourt auch verwendet hat. Allerdings hat er sie zum Teil, da vieles darin sehr kompliziert und breit gewälzt ausgedrückt ist, ein wenig in die heutige Sprache übertragen – vielleicht ist er damit manchmal etwas sehr weit gegangen….
    Ich hoffe, dass es für Sie in Ordnung ist, Ihnen hier ein paar Erläuterungen zu unserer Produktion gegeben zu haben.
    Mit den besten Grüßen,
    Karla Schröter

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