Nicht kalorienarm

 

Das Leben als kalorienarmes Vergnügen? Nicht doch. Die Mahagonny-Parole „Du darfst“ bedeutet das Gegenteil. Fressen, Huren, Boxen, Saufen. Jack frisst sich zu Tode, Joe wird beim Preisboxen kaputtgeschlagen. Jim hält beim großen Saufen alle frei, bis er die Zeche nicht mehr bezahlen kann. Es ist das größte Verbrechen, kein Geld mehr zu haben. Die Freunde helfen ihm nicht aus. Jim wird zum Tode verurteilt. Es ist ein merkwürdiger Ort, diese von den Verbrechern Leokadja Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses gegründete Wüstenstadt, die Besucher mit Alkohol, Prostitution und Boxkämpfen lockt. Auch Jim und seine Freunde, die mit Holzfällen in Alaska Geld gemacht haben, lassen sich hier nieder. Doch das strenge Regime der Begbick und das lahme Vergnügen beim „Gebet einer Jungfrau“ ödete Jim bald an. Mit der Hure Jenny wollte er nach Georgia ziehen. Da nahte die Katastrophe. Ein Taifun droht die Stadt zu vernichten. Jetzt wird gelebt, wie wenn es kein Morgen gäbe. Jim überzeugt die Begbick, ihre Verbote aufzuheben, „denn wie man sich bettet so lebt man“ heißt es mal gassenhauerisch zuckersüß, mal derb stampfend. Das scheint alles eindeutig, und ist es doch nicht, ist auch Ironie, Persiflage, Anverwandlung von Vorlagen, ein schräger Stilmix aus Zitaten und Kompositionsformen, bewusst antiillusionistisch, dabei so sinnlich und verführerisch, wie es nur Weill unter einen Hut bringen konnte. Es endet ratlos: „Können uns und euch und niemand helfen“. Nichts sollte so sein wie in der verachteten kulinarischen Oper, als sich Brecht und Weil 1927 begegneten und an eine Zusammenarbeit dachten. Beide waren noch keine dreißig. Im gleichen Jahr folgte beim Musikfest in Baden-Baden das Mahagonny-Songspiel, die Keimzelle der späteren Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, deren Fertigstellung sich durch die „Dreigroschenoper“ verzögerte. Nach einem der größten Theatererfolge der Weimarer Republik 1928 mit der „Dreigroschenoper“ folgte zwei Jahre darauf mit der Leipziger Uraufführung von „Mahagonny“ einer der größten Skandale der Zeit. Was daraus machen? Einen Spaß? Eine Revue, war doch der Angriff auf die kulinarische Oper selbst zum Genussmittel geworden, wie es Brecht nannte. Am Mannheimer Nationaltheater tritt Markus Dietz die Flucht nach vorn an: mit einem Film, der zeigt wie die Begbick, Dreieinigkeitsmoses und Fatty von der Polizei verfolgt werden und einen Polizisten erschießen, Videoeinblendungen, die die Parolen und Merksätze Brechts in spielerische Ornamente auflösen (Thilo David Heins) und einer Choreografie (Lillian Stillwell), die die Holzfäller und Mahagonny-Männer zu einer perfekten Chorus-Line verschmelzen usw. Und natürlich einer Conferencière im bauchfreien Frack und Zylinder (Anne Diemer), die den Einstieg in das Stück erleichtert und für Tempo sorgt. Ines Nadler nutzt die technischen Möglichkeiten der nahezu leer geräumten Bühne mit Drehbühne, Hubbühne, Schrägen und Versenkung so virtuos wie selten, und Henrike Bromber hat Kostüme von entlarvender Bosheit geschaffen. Unter dem großen „M“ aus waagerechten Leuchtstrahlen, den Karibik-Bildern, im Gegenlicht der Helden, die auf der Schräge der Hebebühne wie auf der Schaufel eines Baggers sitzen, und im Schummerleuchten der Fleischbeschau im Bordell ereignet sich eine große Show, die sich recht amerikanisch ausnimmt. Aber auch ein Allgemeinplatz ist, denn Brecht wollte jede Betonung eines amerikanischen Milieus vermeiden. Derbe Piktogramme weisen auf die sexuelle Freiheit hin, bei Jennys „Alabama“-Song lösen sich die Texte zu einem romantischen Mond auf, zum „Gebet einer Jungfrau“ hocken die Bewohner wonnig auf ihren Schaukeln und Jims und Jennys Liebeslied ist so lange kuschelig, bis sie ihm eine Geldnote aus der Hose fischt. Mal lässt Dietz bei Jims großer Arie hell wird“ die Zeit von 4:30 bis 0:00 mitlaufen oder er richtet die Schweinwerfer ins Publikum – Antiillusionismus eben. Das ist fast wie aus einem Guss. Doch ein bisschen unbefriedigt bleibt man trotz des Oberflächenglanzes zurück. War nicht noch mehr?

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in Mannheim/ Szene/ Foto Hans-Jörg Michel

Das Publikum, das sich durch Jims Aufforderung „Denn wie man sich bettet, so liegt man“ im ersten Finale noch nicht zum Mitklatschen animieren ließ, ist am Ende restlos begeistert. Auch, weil Benjamin Reimers mit dem kräftig und mitreißend aufspielenden Orchester alle Widersprüche des komplexen Stücks in musikalisches Wohlgefallen auflöst, Fugen und Choräle, Arien und Rezitative, Melodram und Ensembles und die großen Finali opernhaft verdichtete. Große Opernstimmen werden aufgeboten. Die Wagner-Heroine des Hauses (Sieglinde, Kundry, Ortrud) Heike Wessels gibt die verluderte Begbick von den grundigen Tiefen bis zur gellenden Höhe, einschließlich eines musicalhaften Sprechsingens so glänzend, dass man unwillkürlich an die Amme von Richard Strauss denken muss, die Weill als Vorbild für die wilde Figur gedient haben muss. Vera-Lotte Böcker ist mit lyrisch-süßem Koloratursopran eine zerbrechliche Jenny, Will Hartmann gibt den Jim mit sich eindringlich steigernder Expressivität, klarem Heldentenor, und er ist großartig in seiner großen Arie „Wenn der Himmel hell wird. Thomas Jesatko, der Wotan und Klingsor des Hauses, gibt einen markanten Dreieinigkeitsmoses. Wirkungsvolle Gesangs- und Charakterstudien steuern vor allem Uwe Eikötter als Jack, Thomas Berau (sonst Wolfram, Amfortas) als Bill und Raphael Wittmer als Fatty bei (Foto oben: „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in Mannheim/ Szene/ Foto Hans-Jörg Michel).   Rolf Fath