„Never give up“

 

Knapp vier Stunden Händel am Stück mit jeder Menge Da-capo-Arien, da müssen sich die Akteure szenisch wie musikalisch heute schon etwas einfallen lassen, um das Publikum im Opernhaus bis zum Finale bei der Stange zu halten. Wenn bei der, von wenigen Buhs mal abgesehen, begeistert aufgenommenen Ariodante-Premiere in der Stuttgarter Oper am 5.März ein italienischer Maestro wie Giuliano Carella am Pult steht, der am selben Ort schon Puritani und Rigoletto auf den Punkt gebracht hat, muss man sich da überhaupt keine Sorgen machen. Temperamentvoll, eindringlich und mit viel Leidenschaft stürzt er sich und das Pult für Pult optimal  vorbereitete Staatsorchester inklusive Continuo-Ensemble  in die Ouvertüre und hält das durchweg leichte, farbige und vor allem äußerst transparente Musizieren im Originalklang-Sound bis zum Schluss locker durch, was das Publikum bereits nach der Pause mit einem Sonderbeifall für die aus dem Orchestergraben hochgefahrenen Musiker honoriert.

„Ariodante“ am Stuttgarter Opernhaus/ Szene/ Foto: Christoph Kalscheuer

Dabei trägt Carella die Sänger sicher und behutsam durch ihre zum Teil aberwitzig diffizilen Partien, für die meisten von ihnen Rollendebüts, die sie sicht- und vor allem hörbar förmlich auskosten: Diana Haller, die mit ihrem wunderbaren, leicht beweglichen Mezzo die Leiden des Ariodante gefühlvoll vermittelt, sowie Ana Durlovski (Ginevra), deren brillante Koloraturen von Partie zu Partie perfekter und natürlicher werden, wobei beide Gesang und Darstellung perfekt kombinieren. Im spielfreudigen, äußerst homogenen Ensemble mischen durchweg bravourös mit: der kraftvoll-virile Countertenor Christophe Dumaux (Polinesso), der zu den Divertissements auch noch – en françaisKritisches von Jean-Jacques Rousseau deklamieren darf, Sebastian Kohlhepp (ein einfühlsamer Lurcanio), Josefin Feiler (eine betörende Dalinda), Matthew Brook als souverän auftretender König von Schottland und schließlich Philipp Nicklaus von der Jungen Oper (Odoardo).

Wie gewohnt holen Jossi Wieler und Sergio Morabito (Regie und Dramaturgie) über den vorgegebenen emotionalen Stoff hinaus  weit aus und zeigen, nicht nur im Programmheft, sondern auch auf der Bühne, womit sie sich auf intellektueller Ebene während der Vorbereitungen auf die Inszenierung  beschäftigt haben. So geht es an diesem Abend nicht nur um die von Intrigen getrübte Lovestory zwischen dem Ritter Ariodante und der schottischen Königstochter Ginevra, sondern um weitaus mehr. Wieler selbst betrachtet seine Inszenierung als „Hommage an unsere Theater als unverzichtbare Orte, an denen wir mit Gesellschaft, Identität, Gedanken, Erfahrungen und Träumen spielerisch und kreativ experimentieren können“. Und Morabito spricht von einer „Kultur der Verwandlung, Verkleidung und Verführung“, was natürlich für zahllose Opern gelten kann.

Für dieses Verwandlungs-Experiment hat Nina von Mechow (Bühne und Kostüme) zusammen mit Voxi Bärenklau (Licht und Video) eine von barocker Sinnlichkeit meilenweit entfernte asketische Bühne mit nackter Scheinwerferbrücke und der programmatischen Aufschrift „Never give up“ gebaut, Zirkus und Boxring zugleich, wo sich die Charaktere aneinander messen müssen, nachdem sie zu Beginn wie auf Sieg getrimmte Gladiatoren mit stolz geschwellter Brust zum Theater-auf-dem-Theater-Spiel  eingezogen sind. So richtig bunt wird´s erst  beim vermeintlichen „Happy End“. Da dürfen sich die Akteure barock gewandet und festlich präsentieren. Doch ganz so happy kann das Ende bei Wieler & Morabito natürlich nicht sein: Die glückliche (?) Braut Ginevra steht ohne Reifrock-Rock da, oben Barock, unten Jeans („Ariodante“ am Stuttgarter Opernhaus/ Szene/ Foto: Christoph Kalscheuer). Hanns-Horst Bauer