Nach wie vor putzig

 

Christian Thielemann setzte sich nach der Premiere von Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg an der Semperoper nachdrücklich für das Regiekonzept von Jens-Daniel Herzog ein, entsprach dieses doch seinem Wunsch nach einer „unpolitischen“ Lesart des Stückes. Bei den Salzburger Osterfestspielen 2019 war die Inszenierung herausgekommen, nun folgte am 26. 1. 2020 die Premiere in Dresden.

Der Regisseur präsentierte eine bilderreiche Theater-auf-dem-Theater-Variante, was immer wieder zu Verwirrungen führt, weil man nicht recht ausmachen kann, ob die einzelnen Vorgänge nun reale Handlung sind oder zum inszenierten Spiel gehören. Mathias Neidhardt hat das Portal des Semper-Baus auf der Bühne wiederholt – samt Proszeniumslogen und rot-goldenem Theatervorhang, hinter dem sich die zweite erhöhte Spielfläche befindet. Auf dieser ergibt sich anfangs ein stimmiges Bild, wenn die Gemeinde in historischen Kostümen (Sibylle Gädeke) in einem Kircheninnenraum mit gotischen Säulen und geschnitzten Madonnen den Choral„Da zu dir der Heiland kam“ anstimmt. Offenbar handelt es sich um eine festliche Aufführung für ein geladenes Publikum in heutiger Kleidung auf zwei Stuhlreihen vor der Bühne, dem anschließend Sekt gereicht wird und das sich sogleich intensiv den Smartphones widmet. Mit der Partitur (oder dem Regiehandbuch) gibt Hans Sachs, der hier als Theaterdirektor, Regisseur und Chorleiter fungiert, Korrekturen, während die Lehrbuben als Bühnenarbeiter in schwarzer Montur die Umbauten übernehmen und die Sitzgelegenheiten für das Singgericht der Meistersinger richten. Deren Porträts („Unsere Meistersinger 2020“) hängen als Fotoleiste über ihnen. Am Ende des 1. Aufzuges fühlt man sich plötzlich in ein ganz anderes Stück versetzt, denn wie aus einer schrägen Sommernachtstraum-Aufführung entsprungen, erscheinen drei monströse nackte Fabelwesen mit Engelsflügeln, die ihre Fettwülste lustvoll zur Schau stellen und mit den Hinterteilen zappeln. Da hat wohl Miss Piggy Modell gestanden.

Der 2. Aufzug beginnt in einem Büro des Opernhauses mit Monitor und dem Spielplanplakat  an der Wand, wo Sachs am Schreibtisch seinen „Flieder“-Monolog singt. Darüber befindet sich die Maske mit Schminktischen und Perückenschränken, später wechselt die Szene überraschend  zur Schuhwerkstatt des Theaters, wo Sachs, der neben seinen Leitungsfunktionen offenbar noch handwerklich tätig ist, mit dem Besohlen der Schuhe Beckmessers nächtliches Ständchen untermalt. Ein Stockwerk höher sieht man die Requisitenkammer, in der sich Walther und Eva für ihr Stelldichein verstecken. Immer wieder ermöglicht die Drehbühne neue Schauplätze – für Beckmessers Ständchen einen freien Platz mit Bäumchen, die bei der derben Rauferei der Nachbarn brutal herausgerissen werden. Auch David und Beckmesser beteiligen sich mit vehementem körperlichem Einsatz daran, bis ein technischer Kurzschluss auf der Bühne alles in Finsternis versinken lässt und der Nachtwächter in Polizeiuniform die elfte Stunde verkündet.

„Die Meistersinger von Nürnberg“ an der Semperoper Dresden/ Szene/ Foto wie auch oben Ludwig Olah

In diesem Chaos von zerstörter Natur stimmt Sachs zu Beginn des 3. Aufzuges seinen „Wahn“-Monolog an. In einem Probenraum wirft er später im Konflikt mit seinen Gefühlen für Eva vehement Bücher und Schuhe zu Boden. Inzwischen wird unter Anleitung von David die Dekoration für die Festwiese mit illuminierten Girlanden und blühenden Sträuchern vorbereitet. Ein Mädchen in bayerischer Tracht balanciert ein Tablett mit Gläsern, Bierkästen werden herbeigeschleppt, den einzelnen Zünften Blumen und Sektflaschen überreicht. Auf Stuhlreihen nehmen die Meistersinger in Smokings Platz, Sachs trägt sogar einen Frack. Nach gelungenem Vortrag soll Walther als Preis sein Foto erhalten, doch er lässt es achtlos fallen. Sachsens Worte „Verachtet mir die Meister nicht“ werden hier nicht zur Ansprache an alle Bürger, sondern zum intimen Dialog mit Walther, da sich hinten der Theatervorhang schließt und die beiden Männer allein lässt. Fast zeigt sich Walther von der Botschaft des Schusters überzeugt, da zerstört Eva das Foto ihres Geliebten und zieht eilig mit ihm davon. Sachs bleibt mit dem leeren Rahmen allein zurück und verfällt in einen Lachkrampf, den jeder Zuschauer im Saal für sich zu deuten vermag.

Keine geteilte Meinung aber kann es über die musikalische Qualität der Premiere geben. Für Christian Thielemann ist Wagners Oper eine Herzensangelegenheit. Mit der wunderbar musizierenden Sächsischen Staatskapelle Dresden fächert er die vielschichtigen Klänge der Komposition faszinierend auf – von der festlichen Ouvertüre, die er in breitem Zeitmaß nimmt, bis zum letzten Vorspiel in seiner Tristan-Stimmung und dem majestätischen Finale. Die Streicher des Orchesters zaubern berückende Töne, die Bläser sorgen für funkelnden Glanz. Der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Jan Hoffmann) wächst über sich hinaus im überwältigenden „Wach auf“-Chor, nachdem er schon in der feierlichen Eingangsszene und der robusten Prügelfuge imponiert hatte.

Nach dem Rollendebüt in Salzburg wurde Georg Zeppenfeld für seinen Sachs auch in Dresden enthusiastisch gefeiert. Mit potentem hohem Bass von schier unerschöpflichen Kraftreserven stand er die Partie bis zum Schluss ohne jede Ermüdungserscheinung durch, imponierte darüber hinaus mit seiner vorbildlichen Artikulation. Die Schönheit seiner Stimme kam im „Flieder“-Monolog zu besonderer Geltung, auch der grandios gesteigerte „Wahn“-Monolog und die autoritäre Schlussansprache zählten zu den gesanglichen Höhepunkten des Abends. Sein Sachs war ein Mann in den besten Jahren und zutiefst menschlich. Adrian Eröd gelang ein beeindruckendes Porträt des Beckmesser. Sein sehr differenziert vorgetragenes Ständchen gibt er in historischer Kleidung mit Pumphosen, Wams und Barett. Nie verzerrt der Sänger die Figur, trotz aller Exaltiertheit, zur Karikatur und vermag sogar Mitgefühl für sie zu erwecken. Klaus Florian Vogt ist ein internationaler Interpret des Stolzing, der seltsamerweise in Zimmermannskleidung auftritt und auch ein zweifelhaftes Benehmen an den Tag legt, wenn er sich nach der Mahlzeit den Mund am Theatervorhang abwischt. Vogts Tenor hat inzwischen an Kern und maskuliner Tönung gewonnen. Die fordernden Preislieder absolvierte er in souveräner Manier. Über fast mehr Farben verfügt die Stimme von Sebastian Kohlhepp, der einen ungewöhnlich männlichen und sympathischen David fern jeder buffonesken Schablone gab, den heiklen Aufstieg in „Der Meister Tön’ und Weisen“ respektvoll bewältigte und auch mit zarten piani aufwarten konnte. Die Eva von Camilla Nylund wirkte reif und tönte anfangs auch recht herb, vor allem in der Höhe. Bei „O Sachs! Mein Freund!“ blühte ihr Sopran auf und führte auch das Quintett mit innigem Ton an. An ihrer Seite gab Christa Mayer eine resolute Magdalene mit strengem Mezzo. Ausgewogen war das Ensemble der Meistersinger, aus dem Vitalij Kowaljow als Pogner mit sonorem Bass von starkem Nachdruck und Oliver Zwarg als energischer Kothner herausragten. Alexander Kiechle sang die beiden Auftritte des Nachtwächters mit verquollen tönendem Bass. Das Publikum war sich einig bezüglich der musikalischen Interpretation und bejubelte diese enthusiastisch, während die szenische Deutung deutliche Ablehnung empfing. Bernd Hoppe