Komplizierte Beziehungen

 

Es beginnt wie mit einem Glockenschlag. Mit einem Gong. Kraftvoll und markant, leidenschaftlich und aufgewühlt, ein Sturm wie in der Walküre. Für das folgende herbstlich getönte Kammerspiel entfacht Sebastian Fagerlund streckenweise einen musikalischen Hurrikan, in dem der Komponist nie seine Erfahrung mit großen sinfonischen Werken verleugnet und der das Vier-Personen-Stück gleichwohl gefällig ummantelt, Vergangenheit und Gegenwart illustriert und xylophonfeine Gedankensplitter aufgreift. Auch wenn die Zeiten des finnischen Opernwunders des ausgehenden vorigen Jahrhunderts vorbei sein dürften, als Schlag auf Schlag von Sallinen und Rautavaara u.a. neue Opern fabriziert wurden, die auch international ihre Repertoiretauglichkeit beweisen durften, startet die Finnische Nationaloper ihre neue Spielzeit 2017/ 2018 mit einem Auftragswerk, deren Thema sich im 100. Jahr der finnischen Unabhängigkeit nicht nationaler Mythen bedient, sondern recht unspektakulär zu Ingmar Bergmans Höstsonaten/Herbstsonate greift. Gunilla Hemming hat aus Bergmans Film eine Opernvorlage eingerichtet, die mit Fagerlunds treffsicherer Musik für einen – inklusive Pause –  zweihalbstündigen Abend ausreicht, der höflich geklatscht wurde. Mehr nicht. Für einen Erfolg reicht das nicht. Vor allem besitzt die prominent besetzte und inszenierte Oper kein Plus gegenüber dem Film von 1978 und dem daraus gefilterten Stück, dem man gelegentlich auf Kammerbühnen begegnen kann. Schreit die Herbstsonate nach Musik? Die Finnische Nationaloper hat immerhin ihr Möglichstes getan. Von außen sieht das Haus am Töölö-See, das im kommenden Jahr seinen 25. Geburtstag feiert, übrigens aus, als habe es seine besten Tage hinter sich, und in seiner klobigen Bräsigkeit ist es sicher kein Aushängeschild für die Design-Stadt Helsinki, doch im Inneren beeindrucken das 1350 Besucher fassende Auditorium und die große Freundlichkeit des Personals. Das alte Alexander-Theater, wo mir einst Jorma Hynninen als Merikantos Juha großen Eindruck gemacht hat, ist inzwischen ein Gastspielhaus.

 

Sebastian Fagerlunds „Höstsonaten“/ Finnische Nationaloper Helsinki/ Szene/ Foto Sakari Viika

Charlotte Andergast, die Hauptfigur, ist Musikerin, eine gefeierte Pianistin, die für ihre Karriere Privatleben und Familie opferte. Zurückgeblieben sind die Töchter Eva und Helena, die nie Liebe von der Mutter erfuhren. Die mit Viktor verheiratete Eva verlor ihren kleinen Sohn einen Tag vor seinem vierten Geburtstag. Weder Geburt noch Tod des Enkels hat Charlotte, deren Nahen der Gong so markant ankündigt, erlebt, da sie ihre Töchter seit sieben Jahren nicht besucht hat. Helena leidet unter einem Trauma, spricht nicht, ist pflegebedürftig und wird von Eva, die ihre Schwester aus dem Heim nach Hause holte, versorgt. Charlottes Partner Leonardo ist gestorben.

Für Charlotte hat sich Fagerlund, man könnte sagen, einen Trick ausgedacht, denn häufig ist sie umgeben vom Chor ihrer treuen Bewunderer, dem soignierten Konzertpublikum, das sie feiert und ihrer Kunst huldigt, aber für den Preis einer Konzertkarte auch Offenbarungen erwartet und Ansprüche geltend macht, ein antiker Chor im Konzertsaal, der Charlottes Verhalten kommentiert und gleichsam ihre innere Stimme ist. Fast unbemerkt, musikalisch aber klar gefasst, tritt Charlotte aus dem imaginierten Konzertsaal in Viktor und Evas Haus. Mehr als alles andere interessiert sie der Hosenanzug, den sie sich in Zürichs Bahnhofstraße gekauft hat und den sie zur Verwunderung Evas zwischendurch gegen ein Rotes von Dior eintauscht. Anne Sofie von Otter singt die Diva ohne divenhaft zu sein, mit einem Mezzosopran, an dem die 35jährige Karriere spurlos vorbeigegangen zu sein scheint und der immer noch wie einst klingt, als Gardiner meinte, die von Otter könne alles singen. Fagerlund hat die ausdrucksvollen Linien der Charlotte gut von Otters Stimme angepasst, die auch in exaltierten Passagen nie scharf wird und nur in den leisen Momenten, wenn sich Charlotte vor dem Zubettgehen Valium, Gesichtscreme und FAZ zurechtlegt und nochmals nach den Börsenkursen schaut, etwas trocken klingt. Sie spielt lakonisch wie Ingrid Bergmann, deren letzte große Filmrolle die Andergast war. Eine andere große Bergmann-Rolle hatte übrigens vor zwei Jahren Nina Stemme als Alicia Hauser in Notorious von Hans Gefors in Göteborg kreiert. Der Schlagabtausch mit Eva gerät wohl sortiert in einem wechselvollen Changieren zwischen Sprechen, Sprechgesang und Singen. Überhaupt lässt der 44jährige Fagerlund in seiner zweiten Oper nach Döbeln über den gleichnamigen skandinavischen General aus der Zeit Gustav Adolphs (2009) im durchkomponierten Parlando und spätherbstlichen Musikidiom stets Arien, Duette, darunter eine fast Arabella-inniger Moment der beiden Schwestern, und Terzette ohrenschmeichelnd durchschimmern. Erika Sunnegardhs verhärmte Eva, die niemals zu leben und lieben lernte und ihrem Mann verhärtet gegenüber tritt, wirkt wie eine in die norwegische Provinzgegenwart versetzte Kaiserin, höhenstark und schillernd, dabei weich und energisch. Mit der Bemerkung, dass sie manchmal in der Kirche Klavier spiele, buhlt sie um die Gunst der Mutter, die nonchalant auf ihre Erfolge in Los Angeles verweist und Evas Spiel mit „Jeder hat seine eigene Interpretation“ kommentiert. Vernichtender kann Lob nicht sein. „Mutter und Tochter. Hört das jemals auf?“ Der einst vielversprechende Tommi Hakala gibt den Viktor mit flexiblem, höhenstarkem und festem Bariton und versierter Verdi-Linie. Der kurzen Gesangspartie der Helena, die sich nur in scheinbar unkontrollierten Schreien und exponierten Koloraturkaskaden äußert, verleiht Helena Juntunen intensive Momente. Mit knarzigem Bass dringt Nicholas Söderlund als Leonardo in die Gegenwart (8. September). John Storgårds hatte mit Chor und Orchester der Finnischen Nationaloper aufgezeichnete Arbeit geleistet, die sich auch auf The Opera Platform verfolgen lässt. Vorzüglich auch die Inszenierung von Stéphane Braunschweig, die so zurückhaltend war, dass sie manchmal kaum auffiel und behutsam mit den fließenden Übergangen der Szenen korrespondierte. Und dennoch vollzog sich in den unterschiedlichen Räumen, die sich hinter dem Bett, das Eva für ihre Mutter vorbereitet hat, befinden, dem Krankenzimmer Helenas, der geheimnisvollen Kammer des Leonardo und dem durch das großartige Lichtdesign von Marion Hawlett u.a. als Konzerthalle und Herbstwald immer suggestiv genutzten großen Saal, ein subtiles Kammerspiel, in dem sich Charlotte vor Miniaturklavier und Stühlchen in das Kinder zurückverwandelt, das seinerseits keine Liebe von der Mutter erfuhr. Charlotte geht. Doch ihre Karriere scheint sie nicht wieder aufzunehmen. Mit ihrer Erkenntnis, es sei nie zu spät, nach einander zu schauen“ und einem zarten kleinen Gong klingt die Oper aus (Foto oben:Sebastian Fagerlunds „Höstsonaten“/ Finnische Nationaloper Helsinki/ Szene/ Foto Sakari Viika). Rolf Farh