Mutter immer dabei

 

Verdis Simon Boccanegra hat Philipp Himmelmann an der Opéra de Dijon fein inszeniert, in modernen Kostümen, aber sonst sehr eng am Libretto mit ein paar klugen Zusätzen: So ist Amelia/Marias Mutter, Fiescos Tochter, nicht einfach gestorben, sondern hat sich aufgehängt – zu Beginn und zum Schlussbild sieht man sie im Hintergrund, dazwischen immer wieder den Schatten ihrer Silhouette. Boccanegra und Amelia fallen sich als neuentdeckte Vater und Tochter nicht unverzüglich in die Arme, sondern sind realistisch etwas benommen von der Überraschung. Zusätzliche Spannung entsteht, wenn Gabriele, der mit mörderischen Absichten in dessen Kabinett auf Boccanegra lauert, in der Wartezeit beinahe das von Paolo vorbereitete Gift trinkt. Generell ist die Personenführung dicht und natürlich, besonders gekonnt die Ratsszene, die mit ihren Massen sehr klar und lebendig inszeniert ist. Einziger kleiner Schatten über dieser Szene ist für mich, dass Himmelmann (wie allerdings viele seiner Kolleg/-innen) ganz am Ende nicht nur Boccanegra, sondern alle Anwesenden Paolo anstarren lässt – wenn wirklich alle wüssten, dass er Amelias Entführer war, warum dann die Scharade mit dem Fluch, warum keine Verhaftung?

Die Bühne von Étienne Pluss zeigt wandelbare Innenräume mit floraler Tapete; bei den Sichten aufs Meer blieb es für mich offen, ob es sich um Bilder oder Fenster handelt. Die Kostüme von Kathi Maurer sind nicht nur kleidsam, sondern charakterisieren die Personen griffig – Boccanegra im Prolog mit Jeans, Lederjacke und Pferdeschwanz trägt danach Anzug, seine grauen Haare aber immer noch halblang, die Lederjacke taucht bei Gabriele (die nächste Generation..) wieder auf, Paolos farbige Anzüge wirken stutzerhaft. Nur Fiescos Priesteranzug ab dem 1. Akt erschließt sich mir nicht.

Vittorio Vitelli ist der rundum erfreuliche Boccanegra mit souveräner messa di voce und schönem, für weiche wie heldische Farben geeignetem Timbre und bombiger Höhe. Die stets gewahrte Linie kommt ihm in der grandios gesungene Ratsszene besonders zu gute, die Interpretation lebt von intensiver, aber nie überzogener Emotion. Gegenüber Paolo findet er auch sarkastische Töne. Wollte man unbedingt noch etwas Verbesserungswürdiges finden, könnte man manche reichlich dunkle Vokale erwähnen. Vitelli hatte mich vor einigen Jahren in Marseille als Ezio begeistert und diesen guten Eindruck in der dramatischeren, längeren Partie bestätigt, die noch eine Grenzpartie sein mag (einige fahlere Töne im Schlussbild), aber wohl eine Station auf dem sich abzeichnenden Weg. Zudem ist er ein beweglicher Darsteller, der Autorität aus Überlegenheit bezieht und Boccanegra natürlich-heutig macht, ohne ihn dadurch zu verkleinern. Dass er Person und Handlung genauestens kennt, ist offenkundig.

„Simon Boccanegra“ an der Opéra de Dijon/ Szene/ Foto Bobrik

Auf gleichem hohem Niveau auch Armando Noguera als Paolo, dem der Ehrgeiz aus jeder Pore tritt. Auch stimmlich ist er – mit noch mehr Metall und enormem Biss – Vitelli ebenbürtig, was die Begegnungen der Kontrahenten akustisch noch spannender macht. Mit seiner zudem sehr klaren Diktion empfiehlt er sich sicher für andere Produktionen auch für die Titelpartie. Als expressiver Darsteller (auch bei seinem orror überzeugend) bleibt er Boccanegra auch szenisch nichts schuldig; an Amelia scheint er eher aus machtpolitischen als aus amourösen Gründen interessiert zu sein, aber das funktioniert ja auch. Eine Entdeckung war für mich Gianluca Terranova als Gabriele Adorno mit großer, eher heller Stimme mit gleißendem Metall, die er geschmeidig und ohne Druck in schöner, hochmusikalischer Linie führt. Seine eigentliche Arie beginnt er mezza voce, was also auch geht; Höhepunkte wie „dammi la morte“ erzeugen in ihrer souveränen Wucht wohlige Schauer. Dazu überzeugt er darstellerisch als tapferer, eifersüchtiger und nicht immer allzu schnell kapierender Liebhaber ohne Klischeegesten. Die tolle Amelia/Maria von Keri Alkema erweist sich als vom ersten Ton an individueller Charakter in Stimme wie Interpretation. Mit ihrem eigentlich durchaus schon dramatischen und voluminösen fruchtigen Sopran spinnt sie die Linie ihrer Arie ganz wunderbar mit sicherer Höhe, egal ob sie ins pp zurückgeht oder im ff Raketen abfeuert, packt die Worte und genießt Nuancen und Details der Gestaltung. Ihre ungewöhnlich willensstarke, selbstbewusste, dennoch von Ängsten keineswegs freie Amelia ergibt ein expressives, sorgfältiges Rollenportrait. Im Vergleich mit den vier anderen großen Rollen fällt Luciano Batinic etwas ab, ohne dass er schlecht singen oder spielen würde. Vielleicht ist es einfach nicht seine Rolle; für den wahren Gegenspieler Boccanegras fehlt es an Temperament, an Gestik und Mimik. Statt dem brennenden Racheverlangen Fiescos nahm ich eine eher unpersönliche Bedrohlichkeit wahr. Sein unveränderliches Gehtempo korrespondierte mit der Monochromie einer kompakten, metallischen Stimme, die durchaus die Tiefe und beim genauen Hinhören die Finsternis für die Partie besitzt.

Maurizio Lo Piccolo klang recht matt in der für ihn wahrscheinlich zu tief liegenden Partie des Pietro, kompetent Stefano Ferrari als Capitano und Sarah Hauss als Amelias Magd, prächtig in Spiel wie Gesang der Chor (Anass Ismat).

Vom atmosphärisch breiten, ruhigen Preludio an rückte Roberto Rizzi Brignoli am Pult das Orchestre Dijon Bourgogne als wichtigen Faktor des Dramas ins Bewusstsein. Da hörte man keine einfachen Sentimentalitäten, sondern beseelte, souveräne Dramatik. Das Vorspiel zum 1. Akt und die Begleitung von Amelias Arie erklangen präzise, aber man hörte in dem duftigen, auf den Aida-Nilakt vorausweisenden Geflecht nicht wie oft eine Nähmaschine, sondern Vögel und Blumen… Samuel Zinsli