Mutiger Kraftakt

 

Nach umfangreichen Umbauten im Stadttheater (Neue Klimatechnik, Schallsegel zur Verbesserung der Akustik, Erneuerung der Bestuhlung und neue Studiobühne) wagte es nun das Theater für Niedersachsen (TfN), mit Richard Wagners großem Liebesdrama Tristan und Isolde wiederzueröffnen. Bei der Größe des Orchesters mit nur 30 Planstellen kam ich mit einer ziemlich großen Portion Skepsis nach Hildesheim, ob das Haus den mutigen Kraftakt wohl bewältigen würde. Im Ergebnis kann man bestätigen, dass dies in eindrucksvoller Weise gelungen ist. Im Programmheft wies der GMD und Operndirektor des Hauses Florian Ziemen darauf hin, dass man mit 23 Aushilfsmusikern die Originalversion spielen könne. Davon konnte man sich sogleich bei dem Vorspiel überzeugen, das fein differenzierend ausmusiziert wurde. Hier und über den ganzen Abend hinweg war das Orchester des TfN in allen Instrumentengruppen hörbar gut vorbereitet, was sich auch in den vielen glänzenden Soli zeigte. Als Beispiel dafür sei nur das ergreifende Englischhorn-Solo im 3. Aufzug genannt. Souverän führte Florian Ziemen mit teilweise zügigen Tempi, aber auch die schwelgerischen Passagen auskostend durch die ungemein vielschichtige Partitur. Außerdem zeigte sich, dass die früher manchmal reichlich knallige Akustik des Hauses deutlich verbessert wurde. Die teilweise vorgenommene Abdeckung des  Grabens half überdies den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne, mit ihren Stimmen durchzukommen, sodass eine gute Mischung mit dem Orchesterklang gelang.

Alle Sängerinnen und Sänger hatten am Premierenabend Rollendebüts, angefangen mit Julia Borchert als Isolde. Nach ihrer fulminanten Walküren-Brünnhilde im Vorjahr in Magdeburg hatte man doch einige Erwartungen an sie, die sie vollauf erfüllte. Erneut imponierte ihr durchgehend intonationsreines und textverständliches Singen, in dieser problematischen Partie mit ihren großen Intervall-Sprüngen und der vielfach hohen Tessitura keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Dazu kamen die glaubwürdige Darstellung und die leuchtenden Farben ihres Soprans bis hin zum ergreifenden, in zartestem Pianissimo beginnenden und wunderbar dahin strömenden „Liebestod“. Gegen diese Isolde hatte es der Tristan von Hugo Mallet nicht leicht; der britische Sänger verfügt über einen Tenor, der vor allem in den vielen ruhigeren Phasen überzeugte. In den dramatischen Passagen, vor allem in den gefürchteten fieberhaften Ausbrüchen des 3. Aufzugs fehlte manches an Durchschlagskraft. Neele Kramer gab eine treusorgende Brangäne, die stimmlich zu Anfang recht unruhig wirkte. Erst im Laufe des ersten Aufzug gelangte sie mit ihrem tragfähigen gut durchgebildeten Mezzosopran zu deutlich ruhigerer Stimmführung, was sich sehr positiv in den weich ausgesungenen Wachrufen des 2. Aufzugs zeigte.

Wagners Oper „Tristan und Isolde“ in Hildesheim/ Szene/ Foto wie auch oben  © T.Behind-Photographics

Eine glatte Enttäuschung war der sonst in vielen Einsätzen so bewährte Uwe Tobias Hieronimi, der sich mit der Bass-Partie des Königs Marke stimmlich schwer tat, obwohl er in letzter Zeit vermehrt im Bass-Fach eingesetzt wurde. Vor allem störte das viel zu starke Tremolo, das die große, von Selbstmitleid triefende Klage des Königs erheblich beeinträchtigte. Dagegen kam der rumänische Bassbariton Levente György als knorriger, Tristan treu ergebener Kurwenal mit der für ihn doch reichlich hoch liegenden Bariton-Partie erstaunlich gut zurecht. Der intrigante Melot war bei Roman Tsotsalas gut aufgehoben, während Julian Rohde schönstimmig einen zappeligen Hirt gab. Solide Leistungen erbrachten die Chorsolisten Chun Ding (Junger Seemann) und Jesper Mikkelsen (Steuermann). Seine wenigen Aufgaben erfüllte der von Achim Falkenhausen einstudierte Herren- und Extrachor des TfN stimmkräftig.

Und die Regie? Die Inszenierung von Tobias Heyder in der Ausstattung von Pascal Seibicke passte sich den Ausmaßen der kleinen Bühne geschickt an. Im 1. Aufzug blickte man in die Kajüte von Isolde und Brangäne, wo sich zu Anfang beim Lied des jungen Seemanns auch Tristan aufhielt, der von Isolde umarmt wird. Dafür, dass sich Tristan dort aufhielt, gibt es im Libretto allerdings keine Anhaltspunkte. Der 2. Aufzug spielte überraschenderweise in einer Seemannskneipe, wo das Liebespaar nicht allein für sich war; drei weitere Paare schmusten dort herum. Geradezu albern war es dann, wenn Isolde „die Leuchte löscht“, indem sie bei drei der sechs großen Lampen die Glühbirnen leicht herausdrehte. Schließlich war Spielort im letzten Aufzug offenbar der Hafen von Kareol, weil Tristan auf großen Stoffballen oder Ähnlichem lag und ansonsten Schiffstaue zu sehen waren. Sei’s drum – den Sängerinnen und Sängern wurde nichts abverlangt, was das Singen beeinträchtigen könnte. Positiv fiel besonders die dichte Atmosphäre im 1. Aufzug auf, vor allem bei der spannend inszenierten Auseinandersetzung der beiden Frauen – hier fand überzeugende Personenführung statt. Wie immer in Hildesheim war das Publikum hellauf begeistert und bedankte sich bei allen Beteiligten mit starkem, lang anhaltendem Beifall (16. 11. 2019). Gerhard Eckels