Musikfesttage an der Oder

 

Ein Höhepunkt im Kulturleben der Grenzstadt an der Oder sind die alljährlichen Musikfesttage, die sich natürlich auch dem musikalischen Schaffen des großen Sohnes der Stadt, Carl Philipp Emanuel Bach, widmen. So galt ihm das Eröffnungskonzert am 3. 3. 2019 in der Konzerthalle „Carl Philipp Emanuel Bach“ mit seiner 1769 komponierten Matthäus-Passion. Deren Notenmaterial befand sich lange in der Musikaliensammlung der Berliner Sing-Akademie, die nach dem 2. Weltkrieg aber zum Beutegut wurde und als verschollen galt. 1999 wurde sie in Kiew im Staatsarchiv der Ukraine wieder gefunden und nach Berlin zurückgeführt. 2005 fand in der Frankfurter Konzerthalle durch die Singakademie der Stadt die erste Aufführung nach dem sensationellen Fund statt.

Die nunmehr zweite – wieder mit dem Großen Chor der Singakademie Frankfurt (Oder) und dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt – bezeugte die große Vertrautheit der beiden Klangkörper mit diesem Werk. Auch der Dirigent Rudolf Tiersch erwies sich als Kenner von Bachs Komposition und garantierte eine musikalisch hochkarätige Wiedergabe. Das Oratorium des ältesten Bach-Sohnes ist ein Pasticcio. Einige Teile stammen vom Vater  Johann Sebastian, andere  von Gottfried August Homilius oder aus seinen eigenen Werken, wie der Eingangschor „Christus, der uns selig macht“, den er dem Magnificat von 1749 entnahm.  Die Singakademie imponierte hier mit machtvollem Chorklang. Auch in den Chorälen, zumeist von Johann Sebastian, hörte man differenzierten und ausdrucksstarken Gesang. Und mit dem Schlusschor, „Christe, du Lamm Gottes“, den der Komponist der Johannes-Passion seines Vaters entnahm, beendete die Singakademie das Konzert höchst eindrucksvoll.

Auf unterschiedlichem Niveau die Gesangssolisten, die der Tenor Andreas Post als Evangelist anführte. Er machte die zentrale Figur des Werkes auch zum Zentrum der Aufführung. Der Bogen seiner Interpretation spannte sich vom Flüstern bis zum Aufschrei. Die Stimme hat einen keuschen Klang, ertönt aber mit äußerster Expressivität und in gestochener Diktion. Der zweite Tenor, Martin Lattke, übernahm den Petrus, den Falschen Zeugen und Hohepriester und vor allem die Tenor-Arien. Hier ließ er eine Stimme von lyrischer Substanz und weichem Klang hören. „Wende dich“ war getragen vom Ausdruck des tiefsten Schmerzes, „Verstockte Sünder!“ von dramatischem Furor und grimmigem Gestus. Als Jesus beeindruckte Jochen Kupfer mit einem Bassbariton von großer Autorität, resolutem Vortrag und resonanter Tiefe. Der Bariton Sebastian Noack sang die Bass-Arien und gab auch den Partien des Judas, Pilatus und Hohepriesters deutliche Kontur. Das AccompagnatoDen Menschenfreund willst du verraten?“  ertönte mit großem Nachdruck, die dramatische Arie „Donnre nur“ mit aufgewühlter Gebärde (bei nicht ganz präsenter Tiefe). Plastisch geformt waren die Kontraste in zwei unmittelbar aufeinander folgenden Arien: „Der Menschen Missetat“ mit drohendem, „Dann strahlet Licht“ mit tröstlichem Ausdruck.

Das Problem der Besetzung war Martina Rüping als Sopran I mit verengter, greller Höhe von oft gequältem, kläglichem Ton. Romelia Lichtenstein wagte das Experiment, sowohl den Sopran II als auch den Alt zu singen. In dessen AriosoDu, dem sich Engel neigen“ bewegte sie sich hörbar auf ungewohntem Terrain und klang in der unteren Region matt. Wohler fühlte sie sich in ihrer angestammten Lage beim AccompagnatoWie tobt das wilde Volk“, das sie mit tiefer Empfindsamkeit ausfüllte. Das Duett zwischen Sopran I und II – ein Stück von lieblichem Melos, doch mit vertrackten Koloraturen – litt unter der limitierten Höhe und dem keifenden Ton von Martina Rüping sowie dem Fakt, dass sich beide Stimmen kaum mischten. Im direkten Vergleich der beiden Soprane erwies sich jener von Romelia Lichtenstein als der mit dem nobleren Timbre und der reicheren Substanz, doch war die Wirkung ihrer Interpretation wegen der defizitären Partnerin leider eingeschränkt. Das Publikum im voll besetzten Saal feierte alle Mitwirkenden sehr herzlich und darf sich nun noch bis zum 22. 3. 2018 auf diverse Konzertveranstaltungen im Rahmen der Musikfesttage freuen. Bernd Hoppe