Musikalischer Sturm und Drang

 

Als Jean-Jacques Rousseau 1762 sein Stück Pygmalion schrieb, schien er eine gültige Antwort auf jene Frage gefunden zu haben, die beinahe seit den Anfängen des Musik-Theaters manchen gepeinigt hat: prima la musica o le parole? Obwohl Rousseaus Text als scène lyrique veröffentlicht wurde, war es keine Gesangszene, sondern ein gesprochener Monolog, der mit Musik hätte garniert werden sollen (was aber – wie es scheint – erst fast zehn Jahre später in Lyon geschah). Die so geschaffene, später Melodram genannte Gattung sieht keine Sänger vor, sondern Schauspieler (in der Regel einen oder zwei), während die musikalische Begleitung wie eine Art Kommentar zum Gesprochenen eingesetzt wird. Ab den 1770er Jahren waren Melodramen populär. In einer Gesellschaft wie jener des späten 18. Jahrhunderts, für die die Bühne ein zentrales identitäres Anliegen war, war das Genre eine der Möglichkeiten, über die Form der Oper hinaus das Potential der Kombination von Wort, Geste und Musik auszuloten. Die Pantomime, die mit Musik hinterlegten tableaux vivants, die in jener Zeit eine große Aufwertung erfahrende Bühnenmusik und verschiedene Mischformen zeugen von diesen Bestrebungen, die zwischen 1770 und 1820 besonders intensiv waren. Kann aber ein Zwitter wie das Melodram das heutige Publikum noch in seinen Bann ziehen?

Der 1876 gegründete Gemeinnützige Theater- und Konzertverein Erlangen (gVe) bewies Mut, indem er seine neue Saison mit dem Melodram Medea von Georg Anton Benda (1722-1794) eröffnete und dadurch die seltene Begegnung mit dem Genre ermöglichte. Der Böhme Benda, der lange in Gotha wirkte, hat wie kein anderer dazu beigetragen, die Gattung nördlich der Alpen durchzusetzen. Vor allem seine Ariadne auf Naxos von 1775 ermöglichte vielen prominenten Schauspielerinnen dankbare Auftritte. Im selben Jahr komponierte er die Medea auf einen Text des Literaten Friedrich Wilhelm Gotter (1746-1797). Der Titel, den Letzterer dem Text gab, trifft den Charakter des Stückes vollkommen: „ein mit Musik vermischtes Drama“. Wenn man von kurzen Passagen für eine „Hofmeisterin“ und die Kinder absieht, handelt es sich eigentlich um ein Zwei-Personen-Stück. Die letzte, hochdramatische Szene stellt den Selbstmord Jasons vor den Leichnamen seiner Kinder dar. Die Erlanger Aufführung wies zwei Besonderheiten auf. Zum einen wurde nicht die inzwischen mehrmals aufgeführte und eingespielte Fassung von 1775 gegeben, sondern eine 1784 von Benda erstellte Version, die nach Angaben des Germanisten, Soloflötisten im Nürnberger Opernorchester und gVe-Vorstands Jörg Krämer in Erlangen zum ersten Mal überhaupt in modernen Zeiten erklang (dazu auch der Artikel in takte-online).

Zum anderen hatte man die Schauspielerin Katharina Thalbach verpflichtet, die das Stück alleine bestritt. Eine geeignetere Interpretin hätte man dafür kaum finden können. Sie setzte ihre wandelbare, zu tiefen, sehr männlich klingenden Tönen wie zum einschmeichelnden Liebessäuseln fähige Stimme gekonnt ein (sie ließ sich dabei von der leider verkorksten und angesichts ihres Stimmvolumens wohl auch kaum notwendigen Verstärkung nicht irritieren), deutete aber mit wenigen markanten Gesten auch auf ein imaginäres Bühnengeschehen hin. Medea wurde mit all ihren Widersprüchen, die sie als liebende Mutter und rächende Furie auszeichnen, lebendig. Um diese gequälte Figur aus der „Sturm und Drang“-Zeit darzustellen, schreckte Thalbach nicht vor Pathos zurück. So manieriert das auch an Stellen gewirkt haben mag, gebührt ihr doch Anerkennung dafür, dass sie Gotters Text ernst nahm und keine ironische Distanz walten ließ. Die naturgemäß nicht einfache Koordination mit der Orchesterbegleitung war ausgezeichnet. Die für die Opernfestspiele Heidenheim gegründete Cappella Aquileia spielte unter ihrem Gründer Marcus Bosch engagiert und präzis. Benda sah eine größere Besetzung mit doppelten Bläsern vor, aber Bosch gelang dennoch die nötige Transparenz. Nach der Pause bot er mit seinen Musikern eine leidenschaftliche „Rheinische“ von Schumann, die sich durch den für den Dirigenten typischen Drive auszeichnete. Das überzeugte in den Außen-, weniger jedoch in den anderen Sätzen (das mit „sehr mäßig“ notierte Scherzo war eher furios als kontemplativ). Kann es sein, dass die Musiker zum Befreiungsschlag nach Gotters und Bendas Mischwesen ausholten? Die in meistens sehr kurzen Phrasen zerstückelte Begleitung gab zwar die im Text beschriebenen Gemütsregungen plastisch wieder, sie verweigerte aber auch bewusst fast vollständig melodische Linien, was nach einer Weile wohl nicht nur auf die Konzertbesucher, sondern auch auf die Musiker frustrierend wirkte. Die Begegnung mit Bendas Melodram erzeugte indes nicht nur theater- und musikhistorische Belehrung. Dank dem Einsatz von Thalbach und Bosch war der Abend ein spannendes künstlerisches Erlebnis, welches das zahlreich erschienene Publikum mit langem Beifall honorierte (Konzert vom 29. Oktober 2018). Michele C. Ferrari