Musikalische Glanzleistungen

 

Der Golf von Neapel ist mit seinen dort gelegenen Inseln und den zur Metropolregion der kampanischen Hauptstadt gehörenden Nachbarstädten im 19. Jahrhundert Schauplatz einer ganzen Reihe von Opernstoffen. Erinnert sei an Pacinis L’ultimo giorno di Pompei, Aubers La muette de Portici und Félicien Davids Herculanum, in denen ein Ausbruch des Vesuvs jeweils das krönende Finale der Oper bildet. Zu dieser Gruppe von Werken gehört aber auch die gerade erst neuentdeckte Donizetti-Oper L’ange de Nisida, deren zwei erste Akte auf Nisida, der kleinsten Insel dieser Bucht, spielen. Auch Procida, die drittgrößte dieser Gruppe, spielt indirekt eine Rolle in der Operngeschichte, gehört sie doch zu den Besitztümern der adligen Familie gleichen Namens, deren prominentestes Mitglied der 1210 im kampanischen Salerno geborene Giovanni II. da Procida war: als Arzt, Politiker und Diplomat sein Leben lang eine wichtige Figur bei historischen Ereignissen des Mittelalters. Als treuer Anhänger der Staufer und Aragonesen war er auch entscheidend an der „Sizilianischen Vesper“ beteiligt, der am Ostermontag 1282 in Palermo begonnenen Erhebung der sizilianischen Bevölkerung gegen die französische Herrschaft unter Karl von Anjou, die zur Vertreibung des Hauses Anjou aus Sizilien führte.

Dieser „König von Sizilien“ spielt in der 1843 uraufgeführten deutschen grand opèra Die sizilianische Vesper von Peter Joseph von Lindpaintner eine tragende Rolle als despotischer Machtmensch, nicht aber in Verdis zwölf Jahre später an der Pariser Opéra uraufgeführten Les vêpres siciliennes, seinem ersten eigenständigen Beitrag zu diesem Genre. Mit ihrer deutschen Vorgängerin, die sich inhaltlich wesentlich genauer an der geschichtlichen Realität orientiert, hat diese lediglich den historischen Hintergrund gemein und als einzigen gemeinsamen Protagonisten ebendiesen Procida als Anführer der Revolution. Denn das Verdi  von Scribe vorgelegte Libretto war im Kern nichts Anderes als der Text zu Le duc d’Albe, den Donizetti 1839 jedoch nicht zu Ende komponiert hatte. Wie der Verdi-Experte Uwe Schweikert in der vom Bonner Theater  veranstalteten Matinee bestätigte, gilt es inzwischen als gesichert, dass Verdi von der ursprünglichen Verwendung dieses Librettos wusste und von Scribe nur seine Erweiterung um einen 5. Akt einforderte.

Mit diesem ersten Produkt gemeinsamer Arbeit zwischen der Pariser Opéra und dem nun auch in diesem Opernzentrum Erfolg suchenden Komponisten eröffnete die Oper Bonn eine dreiteilige Serie von Opern aus Verdis mittlerer Schaffensperiode, die alle in Koproduktion mit der Welsh National Opera und deren künstlerischem Leiter David Pountney als Regisseur sowie Will Humburg als musikalischem Motor in Szene gesetzt werden.

Die Bühne (Raimund Bauer) wurde beherrscht von variabel verschiebbaren  großflächigen viereckigen Stahlelementen mit in kaltes weißes Licht (Thomas Roscher) gehüllten Rahmen, die im 4. Akt auch durch Gitterstäbe erweitert das Gefängnis andeuteten. Diese sorgten  mithilfe der im Dauereinsatz befindlichen Statisterie für die unterschiedlichen Szenerien, aber auch symbolisch für die Trennung der Akteure in Ensembleszenen. Auf der Strecke blieb hierbei ein wenig die poetische Visualisierung, wenn z.B. Procida vor einem solchen Rahmen seine langersehnte Heimat Palermo besang. Beeindruckend gelang hingegen die Präsentation der sizilianischen Bevölkerungsgruppe hinter ihren starren goldenen Masken während der getanzten Lebensgeschichte von Henris Mutter in Montforts Arbeitszimmer. Auch die auf meterhohen Gestellen positionierten Wachen (1. Akt) und die mit überdimensionalen Beilen drohenden beiden Scharfrichter im 4. Akt sowie die im Schlussteil präsentierten beiden riesigen königlichen Figuren, unter deren Gewändern die für die Revolte notwendigen Sprengladungen versteckt waren, boten dem Auge spektakuläre Momente.

„Les vêpres siciliennes“ an der Oper Bon/ Szene/ Foto wie auch oben Thilo Beu

Musikalisch war dies ein Abend voller Hochspannung und sängerischer Glanzleistungen, initiiert und mit dem ihm eigenen Temperament dirigiert von Will Humburg, dem wieder einmal mit Beifall überschütteten Verdi-Spezialisten, der neben packenden Finalszenen auch immer wieder für atemlose Ruhepunkte und kurze Staccato-Sequenzen in den 210 Minuten sorgte. Ihm ebenbürtig war als vokaler Höhepunkt wieder einmal – wie schon in Giovanna d’Arco und I due Foscari Anna Princeva, die  traumhaft sicher alle vokalen Herausforderungen und Finessen ihrer Partie meisterte – und dazu auch noch schauspielerisch glänzte: beispielsweise im Schlussterzett des 5. Aktes mit Henri und Procida, in dem sie mich in ihrem Hin-und- her-Schwanken zwischen zwei Übeln an Robert im 5. Akt von Meyerbeers Robert le diable erinnerte. Und noch eine zentrale Stelle weckte Erinnerungen an Meyerbeer: Wie Uwe Schweikert in seinem Beitrag fürs Programmheft anmerkt, bewunderte Verdi dessen Prophète und setzte bei Scribe die Einbeziehung der Konfrontation Montforts mit seinem Sohn Henri im 4. Akt durch, bis dieser  jenen endlich voll Verzweiflung öffentlich zum ersten Male Vater nannte  (vergleichbar mit der Krönungsszene ebenfalls im 4. Akt jener Oper, in der Jean de Leyde seine Mutter Fidès vor allen Anwesenden verleugnet). Davide Damiani war ein wandlungsfähiger Despot Montfort mit der dazu passenden Baritonstimme, dem allenfalls in seiner großen Arie zu Beginn des 3. Aktes ein wenig die Legato-Bögen zu schaffen machten. Der junge Sizilianer Henri, der sich als dessen Sohn entpuppt, wurde von Leonardo Caimi in seiner zunehmenden Zerrissenheit glaubhaft dargestellt, wobei seine anfangs verschattet klingende Tenorstimme im Laufe des Abends immer mehr Strahlkraft und Stimmschönheit entfaltete. Jean de Procida, der „spiritus rector“ des sizilianischen Aufstands, hatte in Pavel Kudinov einen würdigen Anwalt seiner bis zum Hass auf die Besatzer gehenden obstinaten Vaterlandsliebe. Er sang ein großartiges „O toi, Palerme“ und war auch in den folgenden Akten trotz minimaler Konditionsschwächen immer präsent. Absolut  zuverlässige Leistungen boten Ava Gesell (Ninetta), Jeongmyeong Lee (Thibaut), David Fischer (Danieli/Mainfroid), Giorgos Kanaris (Robert), Leonard Bernad (Le sire de Béthune) und Martin Tzonev (Comte de Vaudemont). Der großartige Chor des Theaters Bonn, verstärkt durch den Extrachor (Einstudierung Marco Medved) erfüllte sowohl als in prachtvoll-farbige Uniformen gehüllte französische Besatzer wie auch als schwarzgekleidete einheimische Bevölkerung (Kostüme Marie-Jeanne Lecca) klanggewaltig und homogen seine vielfältigen Aufgaben. Eine grand opéra musste Ballettszenen enthalten, und so sahen wir im 2. Akt eine kurze Tarantella einheimischer junger Leute, die durch hinzukommende französische Soldaten in einer Gewaltorgie endete. Größere Bedeutung hat Verdis im Original halbstündige Komposition im 3. Akt, die als „Les quatres saisons“ in Konzerten ein Eigenleben geführt hat. Die Choreographin Caroline Finn präsentierte mit ihren begeistert gefeierten 6 Tänzer(inne)n die Beziehungsgeschichte zwischen Montfort und Henris im Sarg hereingefahrener Mutter als Totentanz, mit ihrer Vergewaltigung und der Geburt des kleinen Henri – bis auf die unnötigen Schmerzensschreie der Gebärenden geschmackvoll und virtuos-anrührend getanzt von Jessica Akers, Hellen Boyko, Paula Niehoff, Javier Ojeda Hernandez, Jack Widdowson und Hayato Yamaguchi.

Ein von Anfang an begeistert mitgehendes Publikum im voll besetzten Bonner Opernhaus entließ alle Künstler nach Bravo-Orkanen und mehreren Vorhängen ohne jegliche Missfallensäußerung in die verdiente Premierenfeier Walter Wiertz (Besuchte Vorstellung am 25.05.2019).