Musikalisch überragend

 

Nie wieder sollte Richard Strauss eine Partitur schreiben von geradezu kompromissloser Radikalität, die bis an die Grenzen der Tonalität geht und mit schrillsten Dissonanzen erfüllt ist wie in der 1919 uraufgeführten Elektra. Mit dieser Oper begann die kongeniale Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal, der ein düsteres Drama um die Atridentochter Elektra nach Sophokles geschrieben hatte und Strauss zur Vertonung drängte.

„Elektra“ an der Oper Bonn/ Szene/ Foto wie auch oben Thilo Beu

In der Bonner Oper dirigiert GMD Dirk Kaftan das riesige Bonner Beethoven Orchester mit genial wildem Expressionismus,lässt aber auch zu in den wenigen zarten Szenen und besonders für die drei Sängerinnen die Möglichkeit ihre Partien gesanglich und darstellerisch voll auszuspielen. Grandios, einfach überwältigend ist Aile Asszonyi als Elektra, eine dramatische Partie, welche die Sängerin zum ersten Mal singt. Vom Agamemnon Ruf zu Beginn, ein grandioses, die Oper auch beendendes Motiv, überzeugt Aile Asszonyi in jedem Moment dieser in der Operngeschichte wohl einmaligen Figur. Mit furchtloser Höhe bringt sie Hass, Rache aber auch zärtliche Töne. Nicole Piccolomini als von Angst getriebener Klytämnestra gestaltet mit beklemmender Intensität ihre Rolle. Ihr ausdrucksvoller Mezzo macht sie zur idealen Darstellerin der von Alpträumen heimgesuchten Frau. Manuela Uhl hat für die nach Ehe und Kindern flehende Chrysothemis den passenden klaren, stimmlich wandlungsfähigen Sopran, der manch mal an seine Grenzen stößt.. Johannes Mertes als Aegisth zeigt in seinem kurzen Auftritt einen wohlklingenden Tenor. Orest wird von Martin Tzonev mit dunkel timbrierten Bariton gesungen.Schrill und bösartig die vier Mägde: Charlotte Quadt, Susanne Blattert, Anjara I. Bartz und Rose Weisgerber. Mitleidsvoll die fünfte Magd von Louise Kemény, die nicht geschlagen wird, ihre Leiche wird gleich in einem Müllsack hinuntergeworfen. Auch die kleineren Rollen wie die Vertraute der Klytämnestra (Ji Young Mennekes), die Schleppträgerin (Karin Stösel), der Begleiter des Orest (Egbert Herold) und der alte Diener (Algis Lunskis) fügen sich harmonisch ins Geschehen ein. In der Partie des jungen Dieners überrascht David Fischer mit jugendfrischem Tenor.  Irritierend die acht Statisten, Doppelgänger des Orest, sowie acht Elektra-Doubels, die in regelmäßigen Abständen die vornehme Treppe in die Belle-Etage hinaufsteigen.

Enrico Lübbe, Intendant des Leipziger Schauspiels, inszeniert Elektra als Stück in der Zeit der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in dem Freud tief in die Abgründe der menschlichen Seele blickte. Für Lübbe ist die mit hunderten von Müllsäcken gefüllte Bühne ein Symbol der unbewältigten Vergangenheit der Handlungsträger (Besuchte Vorstellung 10. März 2019). Julia Poser