Müdes Empire

 

Für die Neuinszenierung von Händels Opera seria  Poros kehrte Harry Kupfer an die Komische Oper Berlin zurück, wo er von 1981 bis 2002 die Position des Chefregisseurs innehatte. Die Stückwahl ist nicht zufällig, denn zu Beginn seiner Laufbahn hatte er bei den Händelfestspielen Halle 1956 dieses Stück als Regieassistent betreut. Entsprechend der damaligen Tradition waren die Kastratenrollen für Bariton und Bass transponiert. So sang der renommierte Liedsänger und später in aller Welt als Beckmesser gefeierte Günther Leib die Titelrolle, wovon auch eine Eterna-Schallplatteneinspielung existiert. In der Bundesrepublik gab es in dieser Zeit eine ähnliche Aufführungspraxis – man denke nur an Besetzungen von barocken Titelpartien mit Dietrich Fischer-Dieskau oder Hermann Prey. Das aber ist Vergangenheit und seit Jahrzehnten nicht mehr üblich – befremdlich daher, dass der Regisseur in seiner Neuproduktion auf diese längst überholte Praxis zurückgriff. Auch die Verwendung der deutschen Sprache (hier in einer Nachdichtung aus dem Italienischen von Susanne Felicitas Wolf) erinnert an vergangene Hallenser  Zeiten.

Die Besetzung der Titelrolle mit dem geschätzten Bariton des Hauses, Dominik Köninger, empfand ich dann auch als das Problem der Aufführung. Er wirkte fremd in diesem musikalischen Idiom, ließ matte Koloraturen und gelegentlich hohl klingende Passagen hören. Besser lagen ihm die getragenen Arien ohne virtuoses Zierwerk (wie „Dieses Herz wird dich stets lieben“  oder die berühmte Nummer „Wer einmal vom Dämon der Liebe verwundet“), aber den vehementen Titeln wie „Entzünde das Feuer“ fehlte es eindeutig an rasantem Ausdruck und Gewicht. Immerhin war die Partie für den Starkastraten Senesino komponiert, der sie bei der Uraufführung des Werkes 1731 in London kreierte. Erstaunlich, dass der Rivale des indischen Königs, der britische Offizier Alexander, der in Halle noch einem Tenor zugeordnet war, hier doch mit einem Countertenor besetzt ist. Eric Jurenas kann mit seiner feminin-verzärtelten, oft auch larmoyant klingenden Stimme die kriegerischen Absichten der Figur freilich nicht vermitteln. Für das rhythmisch bewegte Solo „Den Mörder wolltet ihr retten“ wünschte man sich größeren Furor und weniger keifende Töne, für die Bravour-Arie „Treue ist die größte Tugend“  eine souveränere Beherrschung der Verzierungen. Wie in Halle war eine weitere Kastratenpartie, Poros’ Vertrauter Gandharta, einem Bass zugeteilt. Philipp Meierhöfer sang sie recht grob mit resoluter, körniger Stimme und unorthodoxer Formung der Koloraturen.

Händels Indienoper „Poros“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto wie oben Monika Rittershaus

Eine aparte Schönheit ist Ruzan Mantashyan als Königin Mahamaya, deren Herz Poros gehört. Sie begann etwas verhalten mit lieblich-hellen, in der Höhe klaren Tönen, steigerte sich imponierend im Verlauf des Abends, so zu entschlossenem Nachdruck und klangvoller Emission in „Sagt ihm, dass ich ihm treu bin“ oder zu schmerzlicher Klage in „Er wurde mir entrissen“. Der Sopran war auch gebührend flexibel für die virtuosen Passagen, verblendete sich aber nicht ideal mit Köningers Bariton. Poros’ Schwester und Gandhartas Verlobte Nimbavati fand in Idunnu Münch eine intensive Darstellerin von exotischer Ausstrahlung, deren strenger Mezzo sich vor allem in der oberen Lage klangreich entfaltete.

Am Pult des Orchesters der Komischen Oper Berlin bot der seit einigen Jahren zu großen Hoffnungen im Barock-Repertoire berechtigende Dirigent Jörg Halubek eine frische, vitale Interpretation. Da kontrastierten gewichtige oder fahle Akkorde mit den von Soloinstrumenten – Hörner, Flöten, Violinen – delikat umspielten Arien. Der Puls der Musik war den gesamten Abend präsent, sicherte diesem – im Gegensatz zum szenischen Geschehen – die konzentrierte Aufmerksamkeit des Publikums.

Kupfer sorgte für eine gediegene, etwas brave Inszenierung ohne Schnörkel und Verfremdungseffekte. Freilich gab es auch kaum ironische Brechungen, die in dieser wirren Handlung um Krieg, Liebe und Eifersucht durchaus ihren Platz gehabt hätten. Der Regisseur, sein langjähriger Bühnenbildner Hans Schavernoch und der Kostümdesigner Yan Tax setzten eher auf eine opulente Optik, wie sie in dieser Pracht auf unseren heutigen Bühnen selten zu erleben ist, die aber wenig aussagekräftig war bezüglich der Konflikte und politischen Verhältnisse. Die Handlung ist von der Antike in die Entstehungszeit der Oper verlegt, als die britische Kolonialisierung Indiens einsetzte. Eine exotische, wuchernde Urwaldlandschaft ist schon auf dem Gazevorhang zu sehen, setzt sich fort bis in den Bühnenhintergrund. Knorrige Äste und wuchtige Baumstämme senken sich hin und wieder bedrohlich herab. Zentrum der Szene und zumeist Spielfläche  ist ein gekipptes Podest, dessen rote Farbe einen Lavastrom  suggerieren könnte. Skulpturen eines buddhistischen Götzen, dessen Schoß Schutz bietet, und eines Panthers, an den Poros gefesselt wird, sorgen für regionales Kolorit. Von kostbarer Anmutung sind die Saris der Hofdamen und die prunkvollen Kostüme von Mahamaya und Nimbavati. Die Inder tragen rote Pluderhosen und goldene Brustpanzer, die Briten Tropenhelme und Safari-Uniformen, später weiße Sportkleidung.  Das letzte Bild zeigt zunächst die Projektion eines buddhistischen Tempels, wo im Hintergrund Flammen den bevorstehenden Opfertod Mahamayas anzeigen, bis Alexander für das lieto fine sorgt und die beiden Paare – Poros/Mahamaya und Gandharta/Nimbavati – vereint. Transportkisten der East India Company mit Gewehren und  Whiskey kündigen das zukünftige britische Handelsimperium an, Paare in eleganter weißer Kleidung die touristische Erschließung des Kontinents. Dann senkt sich der Vorhang herab, dessen Urwaldvegetation zur Hälfte bedeckt ist von der Flagge Großbritanniens (16. 3. 2019). Bernd Hoppe