MOZARTS GOTHIC OPERA

 

Tobias Kratzer ist eine große Regie-Entdeckung der letzten Jahre, seine Inszenierungen kombinieren scharfsinnig moderne Entsprechungen mit einfallsreichen Umsetzungen und sind hochgradig diskutabel, man kann sich über sie aufregen und/oder begeistern – Langeweile stellt sich sehr selten ein. 2019 wird der Regisseur in Bayreuth Tannhäuser in Szene setzen. Regisseur Kratzer analysierte seinen Ausgangspunkt für Lucio Silla: „Die Metaphorik der Arien kreist um Todessehnsucht„, Lucio Silla ist „fast schon eine proto-romantische Oper. Eine gothic opera, die virtuos auf dem schmalen Grad zwischen politischer Sehnsucht, zwischen diesseitiger Liebe und Nekrophilie changiert“. Kratzer suchte nach den passenden populär-medialen Entsprechungen und fand stattdessen ein Hollywood-Genre, aus dem er sich mit vielen Anleihen bediente, nämlich Vampirfilme. Auf der Drehbühne steht ein modern designter, schicker, gläserner Bungalow mit Jalousien und zahlreichen Überwachungskameras in einem Wald, der wie eine Wochenendresidenz eines wohlhabenden Politikers wirken soll (Bühne & Kostüme: Rainer Sellmaier). Man ist im Hier und Heute. Zur Ouvertüre sieht man eine Filmeinspielung (Video: Manuel Braun): John F. Kennedy, Trump, Putin, Kim Jong Un, Charlie Chaplin im großen Diktator  – Politiker und Despoten, Bilder der Macht(phantasien) und der Selbstinszenierung. Lucio Silla wird in dieses Bild nicht passen, er präsentiert kein nach außen inszeniertes Selbstbild, sondern hat  ein persönliches Geheimnis, das ihm die Amtsführung nicht erleichtert. Kratzer hat für den Diktator Lucio Silla ein modernes Sinnbild gefunden: der Despot als Blutsauger, doch bezieht sich dies nicht auf die politische Sphäre, sondern auf das Private. Vampire haben in den letzten  beiden Jahrzehnten in zahlreichen Filmen und Serien ihre Wiederauferstehung erlebt, Silla ist ein Vampir und ein Filme anschauender Voyeur und Vergewaltiger (Giunia ist sein Opfer). Cecilio erschießt ihn mehrfach, aber der Untote steht immer wieder auf. Auch beißt er schon mal zu und trinkt Blut, er verwandelt Giunia, die wiederum Cecilio beißt. Kratzer will das „Psychogramm eines Narzissten“ zeigen, „Kontrollzwang und Überwachung, bei gleichzeitigem Mißtrauen gegenüber dem engsten Umfeld. Und ein vollständiges Unvermögen, die Neigungen Dritter zu verstehen“ kennzeichnen Silla. Sein totaler Rückzug am Ende ist dann sowohl eine überraschende Herzensregung als auch erzwungen, die Polizei rückt an und verhaftet Silla ohne Gegenwehr, sogar Vampire unterliegen überraschenderweise der Macht der Ordnungshüter. Zuvor -bei Cinnas Arie „De più superbi il core„- sieht man, wie Silla die Videoaufnahmen eines gewalttätigen Ausbruchs ansieht -er schlägt Giunia brutal zu Boden- und beginnt Scham und Abscheu vor sich selbst zu spüren. Silla als Vampir? Oder Silla als psychisch Kranker? Was für eine Obsession und Pathologie hinter dieser Person stecken könnte, erkennen wahrscheinlich nur Psychiater, Sinn und Zweck der Blutsauger-Laune werden kaum ersichtlich und finden auch keine zufriedenstellende Auflösung. Die übrigen Figuren bleiben ungewöhnlich blaß. Im Umfeld höchster Macht entwickeln sich hier „hochgradige Persönlichkeitsstörungen“, Sillas Schwester Celia ist als „kleine Schwester festgelegt, wie autistisch eingekapselt„, sie spielt stets mit Barbie-Puppen und Puppenhaus – eine Verweigerung in die Erwachsenenwelt einzutreten. „Ihre Schwärmerei für Cinna … bleibt mehr lyrische Empfindung als wirkliches Begehren: die Hoffnung auf eine Ausbruchsbewegung, die auch sie aus dem Kokon ihres Ichs befreien könnte“. Cinna ist „ein politischer Gegner, der sich nur deshalb bis zur „rechten Hand“ des Diktators hochgearbeitet hat, um ihn aus nächster Nähe stürzen zu können“. Was Kratzer mit der Figur des Cecilio beabsichtige, bleibt hingegen unklar, mit Jeans und karierten Hemd will die Figur nicht ins Ambiente passen und erinnert bestenfalls an den hemdsärmligen Helden aus amerikanischen Kinofilmen. Giunia ist als tapferes Opfer ebenfalls einseitig ausgelegt. Der gut aufgelegte Chor erinnert an eine Mischung aus Vampir- und Zombie-Vorbildern.

Mozarts „Lucio Silla“ am Badischen Staatstheater Karlrsruhe/ Szene/ Foto wie auch oben Falk von Traubenberg

Das klingt als erzähltes Regietheater unausgegoren und wirr, Kratzer unterbietet bei dieser Koproduktion des Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie, des Theater St. Gallen und des Badischen Staatstheaters seine bisherigen Leistungen, die Assoziationsfäden knüpfen sich zu keinem konsistenten Erzählstrang, sein Konzept ist nur über die Oper gestülpt und schmiegt sich wenig an. Dennoch -und das ist ein typisches Kratzer-Erlebnis- es funktioniert, wenn auch diesmal nur gerade so und mit bestem Willen. Die Vampir-Handlung mit ihren kratergroßen Lücken mag berechtigterweise skeptisch stimmen, wie die Geschehnisse um die  Figurenkonstellationen erzählt und verknüpft werden, überzeugt als spannender Thriller und unheimlicher Blick auf psychopathologische Abgründe mit billigem Happy-End. Die 23 Nummern der Oper werden kaum lang, weil Kratzer im Hintergrund viel passieren läßt. Die Opera Seria gilt oft als sängerische Virtuositätsdarstellung ohne psychologischen Charakter, Kratzer verbindet Psyche und Dacapo-Arie zu einer Studie, die man nicht mögen muß, der man aber gespannt folgt – darin erinnert Kratzers Interpretation an eine Mischung von Hitchcock Filmen (bspw. Psycho und Frenzy). Anleihen aus Hollywood-Filmen scheinen sich szenisch einige zu finden: das Glashaus im Wald könnte aus der Twilight-Verfilmung stammen, Cinna erinnert vom Aussehen an die Malfoys aus Harry Potter, Aufidio könnte im Tanz der Vampire mitspielen.

Dem Publikum gefiel es, denn vor allem sängerisch und musikalisch waren die Leistungen nicht nur wegen Franco Fagioli bravourös. Mozarts Oper ist nach dem Bösewicht benannt, die Hauptfigur ist allerdings Giunia. Ekaterina Lekhina ist als aufrechte, standhafte und gequälte Giunia eine sehr gute Besetzung – ein dramatischer Koloratursopran, der sich mit agiler und höhensicherer Stimme vor keiner Stimmakrobatik zu scheuen braucht. Franco Fagioli als Cecilio ist der Star und Publikumsmagnet der Vorstellungen im Juli 2018. Bereits bei seiner schweren Auftrittsarie „Il tenero moment“ zeigt Fagioli Bandbreite und Beweglichkeit seiner Stimme, „Ah se a morir mi chiama“ überzeugte durch Furor und Tempo. Als Lucio Silla hat man mit James Edgar Knight einen sehr jungen Tenor gewählt, der stimmlich gerne mit viel Pathos arbeitet und für die Rolle des hier sehr jungen Herrschers die perfekte Ausstrahlung mitbringt. Die bisher in Heidelberg tätige und zukünftig in Dortmund singende Irina Simmes ist als Cinna die souverän singende Überraschung. Bei den Schwetzinger Winterfestspielen sang sie regelmäßig in Barockopern, ihr ausdrucksstarker Sopran macht aus dem Verschwörer Cinna eine ausdrucksstarke, geheimnisvolle Figur. Für Celia und Aufidio fällt Kratzer überraschend wenig ein, Uliana Alexyuk macht das Beste aus ihrer Rolle als etwas irre Celia und überzeugt mit schöner, sich sehnender Stimme. Sillas Gehilfen Aufidio gibt Klaus Schneider ein sinister-rückständiges Auftreten. Dirigent Johannes Willig und die Badische Staatskapelle spielen dynamisch abwechslungsreich – ein frischer, mitreißend artikulierter und ausgeglichener Mozart-Klang, der keine Extreme bemüht und stets ideal das Maß hält. Das Publikum spendete gut gelaunten bis begeisterten Applaus und machte die Karlsruher Premiere zum Erfolg für alle Beteiligten. Marcus Budwitius