Mörder-Mum macht Ansagen

 

Es fließt Blut an diesem Abend. Und zwar nicht wenig davon, das ganze Bühnenbild ist besudelt und verkrustet, es klebt an Wänden und Türen, ist zu grotesken Schüttmustern und Schlieren eingetrocknet und am Schluss öffnen sich wieder die Schleusen und es läuft in Bächen die Wand hinunter. Boah ey, echt krass, Alter! Täte man im regionalen Slang jetzt sagen… Sind wir hier bei Hermann Nitsch? Oder am Set des neuesten Tarantino-Films? Nö, weder noch. Aber im Essener Aalto-Theater, wo, acht Jahre nach der letzten Inszenierung, die schrecklich nette Familie der Atriden wieder zu Gast ist. Und bei diesen Herr- und Damschaften gehören

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Blutvergießen, Mord, Folter und Rache zum Standardprogramm.

Die blutigen Hände zum Himmel: Rebecca Teem (Elektra) und Almas Svilpa (Orest) – Foto: Matthias Jung

Die blutigen Hände zum Himmel: Rebecca Teem (Elektra) und Almas Svilpa (Orest) – Foto: Matthias Jung

Um das Grusical in Szene zu setzen, hatte man mit David Bösch und seinem Team einen der gefragtesten Jungstars unter den heutigen Opern-Regisseuren gewonnen; und der hat den physischen und den seelischen Horror dieser kruden Saga schonungslos beim Wort genommen und geht in seiner Inszenierung dahin, wo es wehtut. In die verhunzte, deformierte Seele der Protagonisten nämlich, der visualisierte Blutrausch ist nichts im Vergleich zu den psychopathischen Verwerfungen, die hier über gut hundert Minuten Oper verhandelt werden. Das geht richtig tief hinein, unter die Haut ebenso wie in die Geschichte dieser verkorksten Sippe, im klaustrophobischen Bühnenbild-Kasten von Patrick Bannwart und Maria Wolgast wimmelt es nur so von Kindheitsrelikten und Erinnerungsstücken: Spielzeug, Kinderstühlchen, Grablichter und Fotos aus – vermeintlich – besseren Tagen, auf der Rückwand prangt als Motto der hilflos hingekrakelte Satz „Mama, where is Papa?“. „Fort, hinabgescheucht in seine kalten Klüfte“ ist er, und das war erst der Anfang.

Bei aller Drastik des Gebotenen – bei Klytämnestras Auftritt regnet es abgehäutete Tierkadaver und Orest richtet das Messer nach erfolgtem Sühnemord gegen sich selbst – driftet die Regie nie in Effekthascherei oder Voyeurismus ab, sondern bleibt über die gesamte Spieldauer ungemein präzise und atmosphärisch dicht und macht die Charaktere kompromisslos kenntlich, auch wenn man über einzelne Deutungsmomente natürlich diskutieren kann. So ist Orest hier nicht der heroische Spross und mannhafte Rächer, sondern ein traumatisierter Antiheld im schwarzen Hoodie (Kostüme: Meentje Nielsen), dem seine Tat die letzte Lebensenergie raubt. „Traumatisiert“ ist überhaupt das Stichwort, in dieser Oper und in dieser Inszenierung. Den größten Knacks von allen hat natürlich die Titelfigur selbst, die zunächst wie ein verschrecktes Kind daherkommt, eine junge Frau, nach der Ermordung des Vaters auf dem Stand einer Elfjährigen stehengeblieben… Wenn da nicht diese gewaltigen Texte wären! Und in der Tat locken uns der Regisseur und die Darstellerin zunächst auf eine falsche Fährte und, siehe da, nach Orests Erscheinen wird die Maske abgelegt und Elektra erweist sich als die kalkuliert Handelnde, die sie immer war, jetzt wird das Kinderspielzeug abgeräumt und von unter dem Bett die hochhackigen roten Pumps und der Sekt rausgeholt, zur Feier des blutigen Tages. Bösch zeigt nicht nur mit großer Lebendigkeit, was abläuft, sondern auch warum und was das mit den Figuren macht. Das gilt nicht nur für die drei zentralen Frauengestalten und die nicht ganz so zentralen Cavalieri, sondern auch für die zahlreichen Klein- und Kleinstpartien, die man selten so prägnant inszeniert und so ernst genommen gesehen hat. Die emotionale Nähe zum Geschehen wird dadurch umso größer, das muss man aushalten. Das ist grandioses Musiktheater. Die Vorfreude auf Münchens neue Meistersinger, inszeniert von David Bösch, steigt jetzt schon wöchentlich…

Das würde alles natürlich nicht so funktionieren ohne eine kongeniale Sänger-Besetzung, die sich voll auf Werk und Interpretation einlässt und agiert, als gäbe es kein Morgen. Das gilt vor allem für die Protagonistin, die Rebecca Teem mit gerade beängstigender Präsenz und Schonungslosigkeit spielt. Dass dabei mal der eine oder andere Ton verrutscht oder nicht ganz stressfrei gerät, ist kein Wunder, aber insgesamt steht sie die schier kein Ende nehmende Partie bemerkenswert durch und entfaltet, nach einem noch etwas vorsichtig genommenen Auftrittsmonolog, im Laufe des Abends zunehmend Durchschlagskraft und Sicherheit;im Gesamtpaket mit ihrer phänomenalen Rollengestaltung eine großartige Interpretation. Dennoch wäre sie gut beraten, zwischen den ganzen Elektras, Brünnhilden und Isolden gelegentlich noch die eine oder andere lyrischere Oase anzusteuern; schließlich wollen wir alle, die Künstlerin selbst und das Publikum, noch möglichst lange was von ihrer Stimme haben…

Mörder-Mum macht Ansagen: Doris Soffel als Klytämnestra (Foto: Matthias Jung)

Mörder-Mum macht Ansagen: Doris Soffel als Klytämnestra (Foto: Matthias Jung)

Noch eine Spur gewaltiger als die Protagonistin ist allerdings die dekadente Mörder-Mum Klytämnestra in Gestalt von Doris Soffel. Das kann man eigentlich kaum beschreiben, das muss man erlebt haben, wie diese famose Künstlerin einmal mehr demonstriert, dass man auch kaputte Typen mit intakter Stimme singen kann, ohne irgendeine Nuance der Verkommenheit schuldig zu bleiben. Diese Stimme steht voll im Saft, der Vortrag ist kontrolliert und differenziert, kennt harrsche Akzente und lockende Manipulation, kann auftrumpfen und schmeicheln. Soffels Klytämnestra ist das, was die Italiener so schön un mostro sacro nennen; gerade weil sie Übertreibungen und billige Effekte nicht nötig hat, auch die notorischen Stellen wie das „Kleid zerfressen von den Motten“ kommen gesungen und mit Nachdruck. Überhaupt wird Hofmannsthals Text von ihr nicht nur gesungen, sondern geradezu zelebriert; da hockt man auf der Sitzkante, um ja keine Note und kein Wort zu verpassen. Ein Ereignis!

Rollenbedingt deutlich verhuschter und weniger dominant agiert Katrin Kapplusch als Chrysothemis, die nichts weniger ist als die „Lichtgestalt“, als die diese Partie zuweilen immer noch gesehen wird; in ihrem Egoismus und ihrem brutalen Festhalten an brüchigen Konventionen stärken solche Charaktere die herrschenden Zustände. Das vermag die Künstlerin auch umzusetzen, wenngleich sie in Stimme und Spiel nicht so frei und souverän wirkt wie die Kolleginnen, insbesondere der für die Rolle charakteristische und nötige strahlende Höhenjubel erklingt nur ansatzweise. Weniger zu melden haben in dieser Oper die Herren, Orest und Aegisth sind eher Episodenrollen, bieten aber natürlich auch Raum zu charakterisierender Präsenz. In diesem Fall waren beide, Almas Svilpa als Orest und Rainer Maria Röhr als Aegisth, bereits in der letzten Essener Elektra-Inszenierung in diesen Partien am Start. Insbesondere Svilpa zeigte sich stimmlich gereift und gestaltete den zerrissenen Rächer sehr eindrucksvoll, aber auch Röhr setzte in seinem Kurzauftritt mit markant timbriertem Tenor Akzente. Beide stehen auch stellvertretend für eine homogene und engagierte Leistung des gesamten Ensembles, aus dem hier noch der prägnante Albrecht Kludszuweit als Junger Diener, der hipstermäßig flotte Bart Driessen als Pfleger und die hingebungsvoll singende Jessica Muirhead als 5. Magd herausgehoben seien.

Vom Dirigat her ist Elektra auch in Essen traditionell Chefsache; nach Stefan Soltesz 2008 stand nun der jetzige Hausherr Tomáš Netopil am Pult und sorgte mit den gut eingespielten Essener Philharmonikern nach etwas verhaltenem Beginn für eine klanggewaltige und dabei erfreulich transparente Wiedergabe. Auch in den großen Klangballungen und -entladungen behält das Orchesterspiel seine Fasson und wird nicht unkontrolliert lärmend, für den dramatischen Dialog der Figuren untereinander und mit dem Orchester findet Netopil immer wieder suggestive Farben und Temporückungen, was sehr gut mit der Regie korrespondiert. Fazit: eine grandiose Aufführung, die dem Ideal eines musiktheatralen Gesamtkunstwerks schon sehr nahe gekommen ist. In dieser Spielzeit noch am 22. und 29. Mai 2016 (Vorstellung am 16. 04. 2016/ Foto oben Matthias Jung). Fabian Stallknecht

 

Und diesen Beitrag entnahmen wir – wie stets mit Dank – dem Blog des Autors: fabiuskulturschock

  1. Ulrich Bräunlich

    Wie sich die Vorstellung von einem musiktheatralen Gesamtkunstwerk doch unterscheiden kann! Ich habe die Elektra mind. in 6 verschiedenen Inszenierungen erlebt, angefangen von Berghaus in Dresden über Halle bis Chemnitz u.a., und in keiner habe ich Blut fließen sehen. Es wird immer von Blut geredet, aber keiner der Morde geschieht auf offener Bühne. Elektra beklagt sogar, daß sie vergessen habe, dem Bruder das Beil zu geben. Und hier hat er es in der Hand. Widerspruch zum Text von Hofmannthal? Ich meine ja. Darf ein Regisseur das? Ich meine nein. Es sind Nebensächlichkeiten, aber sie stören mich!!
    Mir fehlt in der Rezension auch ein Hinweis auf die Publikumsreaktion. Gab es Applaus oder Buhs für den Regisseur, für die Sänger, für Musiker und Sänger? Die musikalische Qualität will ich gar nicht in Frage stellen, aber neugierig bin ich nicht geworden, eher abgeschreckt. Ich glaubte, die Zeit der blutbefleckten Regietheaterinszenierungen geht zu Ende. Nicht in Essen?

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