Mit den Augen einer Frau

 

Francesca Zambellos Inszenierung von Wagners Ring des Nibelungen entstand zwischen 2006 und 2011 als Kooperation der Opernhäuser in San Francisco und Washington. Die ersten Aufführungen des vollendeten Zyklus fanden im Sommer 2011 an der Westküste statt. Nun, nach einer Wagnerschen Frist von sieben Jahren wurden in der Sommersaison 2018 wieder drei Zyklen präsentiert, von denen ich den letzten besucht habe (26., 27. und 29. Juni, 1. Juli).

Vom Beginn an wurde Zambellos Sicht auf Wagners Welttheater gerne als ein „Amerikanischer Ring beschrieben, eine Bezeichnung, die einerseits der eindringlichen Bildlichkeit von Michael Yeargans Bühnenbildern Rechnung trägt, es andererseits riskiert, die Inszenierung als für ein nicht-amerikanisches Publikum irrelevant erscheinen zu lassen. Zambello selbst scheint diese Gefahr erkannt zu haben, denn die spezifisch „amerikanischen“ Bilder weichen im Laufe der vier Opern anderen, universelleren Darstellungen vom anhaltenden Angriff des Menschen gegen die Natur, den sie als Ursprung und Ursache der Endkatastrophe ansieht. Eine Konstante der Inszenierung – die wiederum für die Wiederaufnahme überarbeitet wurde – sind die Projektionen, die während der Vor- und Zwischenspiele zu sehen sind. Der Beginn vom Rheingold zeigt die (noch) unberührte Natur in Form reinen Wassers. Schnelle Kamerafahrten durch Wälder, in denen kalifornische Mammutbäume deutlich zu erkennen sind, stellen die Flucht Siegmunds und Sieglindes dar. Eine Generation später sind die Bäume gefällt und durch Strommaste ersetzt worden. Plakativ? Vielleicht, aber nicht unpassend. Die Bilder funktionierten sehr effektvoll als Verbindung zwischen den Szenen und wirkten immer wie von der Musik suggeriert.

 

Das Rheingold beginnt zur Zeit des Goldrausches Mitte des 19. Jahrhunderts mit Alberich als Goldgräber an einem kalifornischen Fluss – die von Frau Zambello beigesteuerten Untertitel waren diskret umgeschrieben: aus dem „Rheingold“ wurde ein allgemeineres „River Gold“. Die Götter gehören offenbar zu den Oberen Zehntausend der Goldenen Zwanziger. Froh und Donner tragen elegante Jacken mit dem Emblem irgendeines exklusiven Klubs, und des Letzteren Hammer ist ein Cricketschläger. Fasolt und Fafner werden eingeführt in einer Nachstellung des berühmten Fotos Mittagspause auf einem Wolkenkratzer. Der Einzug in Walhall erfolgt durch einen Laufsteg, der in diesem Kontext die dem Untergang geweihten Götter auf die Titanic zu führen scheint – im zweiten Akt der Walküre werden wir sehen, dass Wotan hoch über Manhattan thront.

Wagners „Ring“ an der San Francisco Opera/ Szene/ Foto Cory Weaver/San Francisco Opera

Eine Hütte etwa in den Appalachen ist das Zuhause des Hinterwäldlers Hunding, der seine Ehefrau begrapscht und misshandelt. Die geflüchteten Siegmund und Sieglinde werden von ihm unter einer verlassenen, halb zerstörten Autobahn eingeholt. Dass die Walküren eine Division von Fallschirmjägerinnen darstellen, ergibt sich zugegebenermaßen nicht zwingend aus dem Libretto, aber der Beginn des dritten Walküren-Aktes wurde dadurch ein szenischer Höhepunkt. Siegfried rief Erinnerungen an Götz Friedrichs Berliner Ring wach, denn Mime bewohnte ein Wohnmobil, Wotan kam als Landstreicher daher, und Fafner saß in einem gepanzerten Fahrzeug in einer verlassenen Fabrik. Auch die inzestuösen Instinkte der Gibichungen in Götterdämmerung hat man in Friedrichs ikonischer Inszenierung wahrgenommen. Bei Zambello lechzte auch Hagen unmissverständlich nach Gutrune, die als ein blondes Gift dargestellt wurde – keineswegs die Unschuld, die von der Musik angedeutet wird. Durch die weiträumigen Fenster der Gibichungenhalle sah man die Fabriken, die für deren Reichtum sorgten. Zu Beginn des dritten Aktes kam die Kehrseite dieses Wohlstands zum Vorschein: Die Rheintöchter sind obdachlos geworden und sammeln Plastikflaschen, mit denen ihr Fluss jetzt hoffnungslos verdreckt ist. Die Natur ist kaum noch vorhanden: Die Nornen leben im Inneren eines Welt-Computers, verbunden mit ihm durch Kabel, die reißen werden, als die Technik an ihre Grenzen stoßt.

Nicht nur die Technik, auch die Männerwelt hat am Ende hoffnungslos versagt. In der letzten Szene der Götterdämmerung bleiben die weiblichen Personen des Dramas (inklusive des Damenchores) auf der Bühne versammelt und bringen einen neuen Anfang zuwege. Siegfrieds Leichnam wird von den Rheintöchtern kurzerhand hinter die Bühne abgekippt, mit Benzin übergossen und angezündet; Hagen ersticken sie mit einer Mülltüte. Nach Brünnhildes Opfertod bringt ein junges Mädchen einen Schössling herbei, den sie in die Vorderbühne einpflanzt – die neue Welt-Esche, die eine Erneuerung der Natur hervorbringen wird.

Vielleicht musste es einer Regisseurin vorbehalten bleiben, eine solche „feministische“ Sicht gerade vom Ring des Nibelungen zu wagen. Zambello selber lehnt diese Etikettierung entschieden ab; davon abgesehen erscheint ihre Deutung vor dem Hintergrund von Wagners Gesamtœuvre geradezu zwingend. Zwar gab es im Laufe der gut 16 Stunden Spielzeit hier und da Einfälle, die wenig überzeugend wirkten, etwa die unnötige physische Anwesenheit von Hundings Gefolgschaft (und deren Jagdhunden, die mehr Probleme verursacht haben als sie Vorteile erbrachten), sowie szenische Vorgaben, die besser hätten gelöst werden können – das Schwert etwa, das die ganze Zeit in Hundings Hütte hätte vorhanden sein sollen, erscheint plötzlich am Eschenstamm wie ein Springteufel, als es das erste Mal erwähnt wird. Die Plusseite war jedoch um ein Vielfaches umfangreicher, insbesondere was Zambellos detaillierte Personenregie betrifft. Dass Loge tatsächlich Zeuge des Goldraubes wird, wie er später berichtet, wird zwar nicht im Libretto festgelegt, schafft aber eine schöne Verknüpfung zwischen den beiden ersten Szenen vom Rheingold. Ebenso Frickas Anwesenheit am Schluss des zweiten Walküren-Aktes; da sie offensichtlich – und mit gutem Grund – ihrem Gatten nicht über den Weg traut, ist es wenig überraschend, dass sie das Einhalten seines Versprechens überprüfen möchte! Nachdem Wotan Brünnhildes Verbannung ankündigt, wenden sich alle anderen Walküren von ihr ab. Nur Waltraute wagt es, sie zum Abschied zu umarmen: diejenige Schwester, die sie im ersten Akt der Götterdämmerung wieder aufsuchen wird. Von solchen scheinbar unbedeutenden Details wimmelt es in Zambellos Inszenierung nur so. Stellt man sich auf ihre „amerikanisch-ökologische“ Deutung des Mythos ein (was diesem Zuschauer nicht schwerfiel), bietet sie reichlich Stoff zum Nachdenken, und um sich über die Modernität und  – ja, Relevanz  – von Wagners Werk aufs Neue zu wundern.

 

Donald Runnicles dirigierte Wagners „Ring“ an der San Francisco Opera/ Foto San Francisco Opera

Auf der musikalischen Seite der Aufführung gab es auch viel zu bewundern. Donald Runnicles – dessen Ring-Dirigat ihm bereits die Berufungen als Generalmusikdirektor zuerst nach San Francisco und dann nach Berlin erwirkte – ist heutzutage einer der überzeugendsten Interpreten des Zyklus. Seine wohlüberlegte Gestaltung von Wagners Partitur gebietet den größten Respekt – es ist offensichtlich, dass er bei den ersten Tönen des Rheingold-Vorspiels bereits die Schlussapotheose der Götterdämmerung im Auge hat. Die großen Orchesterpassagen, etwa Siegfrieds Rheinfahrt und dessen Trauermarsch, sind vollkommen in den erzählerischen Fluss der Musik integriert. Das Orchester erbrachte Abend für Abend eine großartige Leistung. Der Blechapparat klang sogar bei höchster Lautstärke stets rund und ausgewogen, die Holzbläsersoli waren voller Fantasie, die Streicher samtig und ausdrucksvoll – beim Cello-Solo im ersten Akt der Walküre stockte einem der Atem. Am Ende des vierten Abends kam das Orchester traditionsgemäß auf die Bühne und bekam – wohlverdient – eine orkanartige Ovation!

 

Die Sängerbesetzung bestand zum großen Teil aus US-amerikanischen Sängern und wies einige der am meisten gefeierten Interpreten der jeweiligen Partien auf sowie mehrere Rollendebüts. Greer Grimsley (im Foto/ Cory Weaver/San Francisco Opera oben) besitzt eine Kanonenstimme, die er für Wotans weite Phrasen mühelos einzusetzen in der Lage ist. Die großen Ansprachen – „Vollendet das ewige Werk“, „Nun zäume dein Ross“, die Schlusstakte aus der Walküre – gerieten großartig. Grimsleys Intonation kann allerdings im Eifer des Gefechts zu hoch werden. Die intimeren Seiten der Partie können bei ihm zu kurz kommen: Dem großen Monolog „Als junger Liebe Lust“ etwa fehlte es an feineren Nuancen und Schattierungen; die musikalische Gestaltung – auch durch Runnicles – wirkte hier etwas ungeduldig. Umso prächtiger klang er in der höher liegenden Partie des Wanderers, dessen Dialogszenen zu spannenden Höhepunkten wurden.

Kaum hatte Brünnhilde in der Gestalt von Iréne Theorin die Bühne betreten, bekam sie eine Runde Szenenapplaus für ihre „Hojotoho“-Rufe: Im Prinzip rügenswert, in diesem Fall völlig nachvollziehbar, und wohlverdient sowieso. Wie sie die hohen H’s und C’s agogisch dehnte und sich daran freute, das erlebt man nicht alle Tage. Aber Theorins Darbietung war viel mehr als vokale Pracht. Ihre Walküre konnte sich spürbar sowohl in Wotans (selbst gemachte) Probleme als auch in Siegmunds unverdientes Los hineinfühlen, und wie strahlte ihre Stimme, als sie den Namen des noch ungeborenen Siegfried verkündete! Bei ihrem Auftritt am dritten Abend brachte sie die Furcht, die die jetzt Sterbliche fühlt, auf ergreifende Weise rüber. Mit der langgezogenen pianissimo-Passage bei „Ewig war ich“ zog sie das Publikum in ihren Bann, und das Wunder wiederholte sich am Ende des nächsten Abends, als sie – „O ihr, der Eide heilige Hüter“ – dem Vergehen ihres Vaters vergab.

Der Siegfried von Daniel Brenna war vergleichsweise der schwächste unter den Hauptprotagonisten. Er ist ein sympathischer Schauspieler und gab mit Haut und Haar den bockigen Jungen, der Siegfried nun mal ist. Stimmlich verfügt er über ein ausgesprochen gutes Material, das er allerdings (noch) nicht ganz unter Kontrolle hält. Er klang am besten, wenn er seine Stimme wie eine Trompete spielen durfte: Das „Schmiedelied“ war ein solcher Moment, wie auch der Schluss des Duetts mit Brünnhilde, „Sie ist mir ewig“, sowie lange Strecken in Götterdämmerung – die Vöglein-Zitate in Siegfrieds Erzählung erschallten unermüdlich. Andererseits gelangen einige dolce-Phrasen des im Wald philosophierenden Jungen unschön (und zu tief). Brennas Potential kann sicher mehr hergeben.

Nachdem er einen ungewöhnlich stimmstarken Froh im Rheingold gegeben hatte, verkörperte Brandon Jovanovich am zweiten Abend den Siegmund. Er brachte zur Rolle ein breites Ausdrucksspektrum, das von schmetternden, rekordverdächtigen „Wälse“-Rufen bis hin zu einem „Zauberfest“ reichte, das Steine erweichen würde. Seine Atemkontrolle erlaubte es ihm, schöne lange Phrasen zu singen, und er legte auch eine sonore, beinahe baritonale Tiefe an den Tag. Die Stimme von Karita Mattila klingt naturgemäß reifer, vielleicht weniger strahlend als früher aber immer ausdrucksvoll. Sie krönte ihre bewegende Darstellung der Sieglinde mit einem ekstatischen „O hehrstes Wunder“.

Wagners „Ring“ an der San Francisco Opera/ Szene/ Foto Cory Weaver/San Francisco Opera

Jamie Barton gab Fricka als die klassische keifende Ehefrau, vermutlich regiebedingt; ihre schön timbrierte Stimme kam besser in Götterdämmerung zur Geltung, als sie die Zweite Norne und Waltraute übernahm. Ronnita Miller sang die Rheingold-Erda mit einem loseren Vibrato, als ich von mehreren Berliner Auftritten in Erinnerung hatte; in Siegfried – wie auch als Erste Norn – klang die Stimme kontrollierter, ein solider Fluss dunklen Tons. Melissa Citro war eine selbstbewusste Gutrune, und auch die Freia von Julie Adams (ein Rollendebüt) war stimmlich stärker als man in dieser Rolle für gewöhnlich hört. Zwischen ihr und Fasolt entwickelte sich übrigens ein deutlicher Fall von Stockholm-Syndrom. Ihre Verzweiflung, als er getötet wurde, war herzzerreißend – wenn auch äußerst kurzlebig! Wie üblich gab es einige Überschneidungen bei der Besetzung der Rheintöchter und Walküren, die allesamt in guten Händen waren. Die Woglinde, Stacey Tappan, übernahm auch das Siegfried-Vöglein mit klarer Koloratur.

Unter den Männerstimmen gab es ebenfalls die gängigen Verdopplungen. Brian Mulligan absolvierte mit geschmeidigem Bariton brillante Rollendebüts als Donner und Gunther. Fafner und Hunding wurden dem pechschwarzen Bass von Raymond Aceto anvertraut. Andrea Silvestrelli war als Fasolt jeden Zoll ein „rauer Riese“ mit körniger Stimme, die auch Hagens vorgegaukelte Jovialität widerspiegelte. Er phrasierte in langen Bögen: „Hier sitz’ ich zur Wacht“ glich einem kräftigen Kontrabass-Solo, und beim Ruf an die Mannen war er den mit ihm konkurrienden Posaunen ganz ebenbürtig. Štefan Margita legte als Loge eine helle, an Peter Schreier erinnernde Stimme an den Tag und machte viel aus dem Text. David Cangelosi wusste mit seiner Stimme zu agieren: Er gestaltete Mime durchweg mit gesanglichen Mitteln und (fast) ohne Übertreibungen.

Zu guter Letzt gilt es, dem Rollendebüt von Falk Struckmann als Alberich zu würdigen. Nach Wotan, Fafner, Hunding und Hagen ist das seine fünfte Ring-Rolle. Einige ungünstig liegende Phrasen zu Beginn schienen noch nicht ganz in sein Fleisch und Blut übergegangen zu sein; sie wurden jedoch geschickt kaschiert und durch einige bombenmäßige Spitzentöne, etwa beim Fluch des Goldes, mehr als wettgemacht. Struckmanns Charakterisierung von Wotans Antagonist ist auf beeindruckende Weise gelungen. Das Aufeinandertreffen der beiden im zweiten Siegfried-Akt, so oft als eine Art Vorprogramm zu Fafners Auftritt empfunden, geriet hier zu einer ungemein spannenden Aufeinandertreffen  zweier großartigen Stimmen.

Man weiß, dass es kommen wird, man hat sich fest vorgenommen, sich nicht darüber zu ärgern, und trotzdem ist es wie ein Schlag ins Gesicht: Nach einer 16stündigen Odyssee durch Raum und Zeit wird der letzte Akkord erreicht, die Hände des Dirigenten halten ihn noch, der Vorhang fängt an, sich langsam zu schließen, und… reihenweise springen die Zuhörer auf, jeder wird als erster sein „Bravo“ loswerden und zeigen, wie sehr es ihm gefallen hat. Auf das Risiko hin, als elitärer, „eurozentrischer“ Snob abgestempelt zu werden, muss ich an dieser Stelle sagen (ein Wort von Sir Thomas Beecham paraphrasierend): Wer so agiert, mag die Musik nicht – dem gefällt höchstens das Geräusch, das sie macht! Ich werde die mehrere Sekunden lange, unendlich vorkommende Stille nie vergessen, die auf jede Aufführung der Götterdämmerung in der Deutschen Oper folgt. Niemand will, dass es endet, keiner will wahrhaben, dass es vorbei ist. Während ich diese Zeilen abschließe, möchte ich nichts mehr, als noch einmal in die Es-Dur-Tiefe des Rheines eintauchen und Wagners Weltentstehungsmythos in Francesca Zambellos wunderbar durchdachter Deutung wieder durchleben. Carlos Maria Soarez