Menschen im Hotel

 

Lichthof als Empfangshalle, um den herum sich auf mehr Etagen, als die Bühne sehen lässt,  die Zimmer abgehen. Robert Carsen lässt die ganze Geschichte der Arabella sich hier abspielen. Menschen im Hotel mit Musik. Den eleganten rotbraunen Raum im Stil der Zwischenkriegszeit hat Gideon Davy geschaffen, ebenso die bildschönen, dem Entstehungsjahr 1933 entsprechenden Kostüme. Davon abgesehen braucht es nur noch die bei Carsen garantierte sorgfältige, Karikaturen vermeidende Personenregie, und schon stellt sich der wohlverdiente Erfolg der Premiere (1.3. 2020) ein – bei der sich noch dazu zwei mit ihren tragenden Rollen vertraute Einspringer/-innen organisch einfügten.

Wenn wir schon von 1933 sprechen: Der Zufall will es, dass die letzte Oper, die ich vor Arabella gesehen habe, auch in diesem Schicksalsjahr entstanden ist, Schrekers Schmied von Gent. Und verglichen damit, wie dort in eine im Grunde einfache Volkssage Reflexionen übers Zeitgeschehen (in historischem Kostüm) eingebunden sind, fällt bei Arabella das Fehlen jeglicher Gegenwartsbezüge dann doch auf. Carsen setzt das Stück behutsam, aber klar in seinen zeitlichen Kontext, indem er die Handlung von 1860 in die späten 1930er Jahre schiebt. Arabellas drei Verehrer sind schwarz uniformierte deutsche Offiziere, zur Verwandlungsmusik zwischen 2. und 3. Akt gibt es ein gar nicht harmloses Ballett mit ebensolchen Offizieren und Lederhosentrachtlern (wir gehen davon aus, dass Davy darauf geachtet hat, dass es Tiroler o.ä. und keine Bayern sind), und zu den letzten Takten findet hinter Arabella und Mandryka, die sich endlich versöhnt haben, in der Halle der Anschluss Österreichs statt. (Den Damen in der Kantonsregierungsloge war offenbar schon diese wohl dosierte Geschichtslektion zu viel, sie verließen beim Ballett ihre Plätze…)

Julia Kleiter als Arabella war mit besonderer Spannung erwartet worden, hatte sie doch in der Vorgängerproduktion 2006 als Zdenka Furore gemacht – entsprechend groß das Bedauern über die krankheitsbedingte Absage. Aber die einspringende Astrid Kessler ließ einen (mich jedenfalls) das schnell vergessen, bewegt sich souverän in Rolle und Produktion. Die Stimme ist etwas schlanker, als ich sie mir rein subjektiv für Arabella vorstelle, aber unzweifelhaft mit der passenden Mischung aus Kühle und Sinnlichkeit im Timbre, zudem von etwas dunklerer Farbe als Zdenka. Legato, gute Diktion, ein bis in die Spitzen satter, runder Klang zeichnen sie zudem aus. Vielleicht ist diese Arabella eine Winzigkeit zu patent, zu sachlich für ihre schwärmerische Weltsicht im 1. Akt, die Entwicklung zur realistischeren Verliebtheit im 3. wird dadurch etwas kleiner als im Libretto angelegt. Dafür spielt sie wunderbar mit Ironie und anderen Schattierungen, und die Sachlichkeit (zusammen mit dem nicht schleppenden Tempo aus dem Graben) tut «Aber der Richtige» sehr gut – Emotion ohne Kitsch und Melodramatik. Valentina Farcas als Zdenka ist einer der überzeugendsten jungen Männer en travestie, die ich je gesehen habe, eine helle Freude. Mit Glanz und Schmelz im Timbre, höhensicher, variabel in Zwischentönen und dynamischen Stufen und ebenfalls gut verständlich. Dank der guten Fokussierung muss sie auch in ihren verzweifelten Momenten nicht forcieren. Anders leider ihr Matteo – Daniel Behle singt die ganze Partie mit martialischem, irgendwie zu heldischem Gestus, alles unter Druck, was der Linie schadet und die Höhen oft zu offen, kehlig werden lässt, während kleine Notenwerte in der Mittellage oft unhörbar werden. Ob ihn dazu die Anlage der Figur als Offizier verführt hat? Darstellerisch gibt es nichts zu beanstanden. Dean Power als schneidiger, hochgewachsener Elemer (der zweite Einspringer) gefällt mit hellem Tenor und klarer Diktion, und auch Yuriy Hadzetskyy (Dominik) und Daniel Miroslav (Lamoral) kann Arabella nicht aus musikalischen Gründen einen Korb gegeben haben. Für Mandryka, den Richtigen, findet Josef Wagner eine sehr schöne Balance zwischen impulsivem Slaven aus der Provinz und dem kultivierten Adligen, der er eben auch ist. Mit seiner Lockenmähne fällt er in der strenggescheitelten Wiener Gesellschaft auch sofort auf. Sein dunkler, kuppliger Bariton spricht im ganzen Stimmumfang gut an; die Stimme mag nicht unbegrenzt viele Farben haben, das wird aber mehr als wettgemacht durch den prägnanten Umgang mit den Worten – Wagners Diktion ist nicht nur exzellent, sondern trägt auch zum Ausdruck bei und ist dabei bestens in die vokale Linie eingebunden.

Michael Hauenstein, deutlich jünger als Arabellas Vater Graf Waldner, kompensiert das gekonnt mit seiner Größe. Auch verschießt er sein Pulver nicht gleich zu Beginn, sondern zeigt nach und nach verschiedene Seiten des unverbesserlichen Spielers – kein windiges Schlitzohr wie andere, sondern bemüht, die Fassade aufrechtzuerhalten. Die Stimme darf für die Partie noch reifen, sonorer werden, und noch ist die Tiefe nicht sehr entwickelt – kompetent gesungen und gestaltet ist das aber allemal. Als seine Gattin (was für ein optischer Kontrast) ist Judith Schmid mit Grethe-Weiser-Frisur purer Luxus, die ihren warmen Mezzo in allen Lagen sicher führt und weder akustisch noch als Person je zur keifenden Despotin wird. Einzige Überlebende von der Vorgängerproduktion ist Irène Friedli als Kartenaufschlägerin mit guttural-scharfen Tönen, und angesichts dessen, dass sie recht hat mit ihren Voraussagen, dürfte sie auch etwas weniger als outrierende Scharlatanin rüberkommen. Ob Strauss die Fiakermilli extra unsingbar komponiert hat? Unruhige Stimmführung und flache Phrasierung führen jedenfalls bei Aleksandra Kubas-Kruk zu unsauberer Intonation; die männlichen Ballgäste wickelt sie mit anderen Talenten aber spielend um den Finger. Tadellos hingegen Bogusław Bidziński als Welko und Luca Bernard als angemessen indignierter, gesungen wie gesprochen klar artikulierender Zimmerkellner sowie der von Ernst Raffelsberger betreute Chor.

Fabio Luisi dirigiert wie nicht anders erwartet einen spannend transparenten Strauss, keinen Klangrausch, aber expressiv und emotional und wechselt gekonnt und mit fließenden Tempi zwischen den vielen verschiedenen Stimmungen zwischen Elektra-Schroffheiten und Walzern. Nur seltsam, dass das Orchester zumindest am Premierenabend (was mir auch Menschen aus den akustisch besseren oberen Rängen bestätigten) trotzdem tendenziell immer etwas zu laut für die Stimmen war. Aber das lässt sich ja korrigieren (Foto oben Toni Suter, T+T Fotografie, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich). Samuel Zinsli