Meisterhaft

 

Der feurige Engel, Titelfigur von Prokofjevs erst 1955, zwei Jahre nach seinem Tod, szenisch uraufgeführter Oper, ist der unsichtbare Kindheitsfreund von Renata, der sie verlassen hat, als sie als Teenager mehr als keusche Freundschaft von ihm wollte – so erzählt sie es zumindest. Kurze Zeit glaubte sie im Grafen Heinrich ihren Engel wiedergefunden zu haben, doch auch der verlässt sie (allerdings erst nach einer Affäre). Calixto Bieito ortet an der Oper Zürich in der Geschichte von der gequälten (in der Entstehungszeit der Oper sagte man noch: hysterischen) Renata wie andere Regisseure ein Missbrauchstrauma. Wohl darum beschäftigt sie sich in Hassliebe mit einem Fahrrad (das zum Finale in Flammen aufgeht). Den größten Teil der von Rebecca Ringst gestalteten Drehbühne nimmt ein annähernd würfelförmiges Gerüst voller Treppen, Plattformen und Zimmer ein, das vom gesamten Personal bevölkert wird, das von da aus die meist auf der Fläche davor agierende Renata beobachtet, allen voran der Alte (Ernst Alisch, laut Besetzungsliste der Vater), der sich zunächst im obersten Stock im Kinderzimmer aufhält, später auch Heinrich verkörpert – ähnelt der dem Vater oder ist er es wirklich? Die Inszenierung lässt solche Ambiguitäten wohl bewusst und dem phantastischen Stoff angemessen stehen. Ausrine Stundyte vollbringt als Renata eine gewaltige Leistung (wie schon in Lyon): Die Obsession mit dem Engel, die äußerst wechselhafte Beziehung mit dem von ihr faszinierten Ruprecht, die Blicke der „Gesellschaft“ und die Begehrlichkeiten der Männer, die sie erdulden muss, schließlich der Exorzismus, der an ihr im Kloster vollzogen wird, wohin sie sich zum Schutz geflüchtet hatte – intensiv in den Zuständen wie in den jähen Umschlägen spielt sie glaubwürdig eine Frau in den letzten existentiellen Nöten, und das pausenlose zwei Stunden lang, denn selbst in der einzigen theoretisch renatalosen Szene ist sie hier mit auf der Bühne. Auch stimmlich meistert sie die Partie unangefochten, wahrt noch in den dramatischsten Momenten bei aller Ausdrucksstärke sicheren Stimmsitz und schöne Rundung des Klangs. Auch das andere Ende des vokalen Spektrums setzt sie (gewiss gemeinsam mit dem Dirigenten) eindrucksvoll ein – ihr obsessives „Otojdi“ (Geh weg!) in der ersten Szene ist ungewöhnlich leise, dadurch eher beschwörend als verzweifelt abwehrend.

„Der feurige Engel“ am Opernhaus Zürich/ Foto Monika Rittersshaus

Bei einem solchen starken Fokus auf Renata ist es wohl folgerichtig, dass Ruprecht vergleichsweise blass bleibt. Fast die ganze erste Hälfte des Abends über hatte ich den Eindruck, Leigh Melrose sei kein sonderlich starker Darsteller, dessen Kopf- und Körperbewegungen teils sogar vom Gesang statt vom Geschehen gesteuert würden. Doch wie er die Krämpfe etc. nach seiner Verwundung im Duell spielte, belehrte mich eines Besseren. Ruprecht ist hier nicht Renatas weißer Ritter und scheiternder Retter, sondern eben auch einer der Beobachter, die sie immer mehr in den Wahn treiben. Auch er ist den Anforderungen vokal gewachsen, setzt seinen eher hellen Bariton aber oft grob ein, obgleich die Partie durchaus kantabel geschrieben ist, und drückt v.a. in der noch nicht so entwickelten Tiefe. Die fürs Russische zu flachen Vokale und der Eindruck (aber da mag ich mich täuschen), dass er nicht immer genau weiß, was er singt, wo die Wortgrenzen sind, enttäuschten aufs Ganze gehört.

Manche Szenen scheinen mir der Konzentration auf Renata etwas untergeordnet zu sein, am stärksten die wirtshauslose Wirtshausszene (in der sie ursprünglich nicht dabei wäre): Faust und Mephisto sprechen bei Bieito nicht zueinander und zum kellnerisch unbegabten Jungen, sondern mit Renata, sodass trotz Kürzungen die Übertitel nicht zum Bühnengeschehen passen wollen. Was stattdessen gezeigt wird – Renata auf einem Sofatisch, umgeben von allen lüstern-bedrohlichen Männern –, ist durchaus eine starke, im Konzept stringente Szene. Bei allen anderen Inszenierungen dieses Regisseurs, die ich bisher gesehen habe (und das sind doch fast ein Dutzend), gingen in meiner Wahrnehmung die alternativen Lesarten nach und nach entweder mit dem „Original“ auf oder entwickelten einen selbiges vergessen machenden Sog, eine starke eigene Logik. Dass sich dieser Effekt diesmal weniger einstellte, kann immer auch am Betrachter liegen – denn ich erlebte doch einen fesselnden, hervorragend gearbeiteten und hingebungsvoll umgesetzten Abend, an dem auch die uneitel passenden Kostüme von Ingo Krügler, die Videoeinspielungen von Sarah Derendinger und die Lichtgestaltung von Franck Evin Anteil hatten. An einem bestimmten Punkt begann ich mich zu fragen, ob der drehende Würfel quasi Renatas Erinnerungsgebäude, ihr Hirn darstellen könnte.

Dmitry Golovnin brilliert (wie in Lyon) als Agrippa (hier eiskalter Arzt, dessen gynäkologische Aktionen in der Reihe vor mir eine Zuschauerin den Saal verlassen ließen) und herrlich zynischer Mephisto, behauptet sich in ersterer Rolle gegen das tosende Orchester mit guter Fokussierung und Diktion, wo das reine Volumen nicht reicht. Dass die beiden Partien nicht nur mit einem einzigen Sänger besetzt, sondern optisch offenbar auch als die selbe Person gemeint sind, erschließt sich mir (anders als bei Immo Karaman kürzlich in Düsseldorf) inhaltlich nicht. Pavel Daniluk, der fast zwei Stunden gelassen in einem Sessel sitzt und einen riesigen schwarzen Hund  tätschelt (und ruhig hält), ist im Finale ein Angst einflößender Inquisitor mit tiefschwarzem Organ, das das für die Rolle nötige Ausnahmevolumen nebst Durchschlagskraft besitzt. Liliana Nikiteanu als Wirtin und Agnieszka Rehlis als Wahrsagerin und Äbtissin werden den Mezzorollen vokal wie szenisch mehr als gerecht, Iain Milne gefällt als Jakob Glock (und Arzt) besonders in einer saugut gespielten Belästigungsszene in Extremzeitlupe mit Renate, Dimitri Pkhaladze ist ein stimmgewaltiger Hausknecht; ausgezeichnet auch aus dem Opernstudio Soyoung Lee (1. Nonne), Deniz Uzun (2. Nonne und ein Skelett), Andrzej Filonczyk (Matthias Wissmann, Wirt, ein Skelett) und Stanislav Vorobyov (Faust, ein Skelett), intensiv und präzise der Chor, namentlich die Damen nebst Zuzügerinnen im Finale (die letzte Einstudierung von Chordirektor Jürg Hämmerli, der an der Première am 7.5. auch vom Hausherrn auf offener Bühne gewürdigt wurde).

Dass Gianandrea Noseda das russische Repertoire, das er mit bewundernswertem Einsatz auf Tonträgern und im Konzert- und Theaterbetrieb pflegt, eine Herzensangelegenheit ist, war unüberhörbar. Er dirigierte das hochexpressive Stück ganz als Stück des 20. Jahrhunderts, nahm die Streicher stark zurück, sodass in Bläsern und Schlagwerk die unerbittlich pochende und vorwärts stampfende Maschinerie besonders gut hörbar wurde, transparent und unter Betonung von Prokofjevs raffinierter Polyphonie, orgiastisch und doch ohne die Sängerinnen und Sänger zu bedrängen – meisterhaft (7. 5. 2017/ Foto oben: „Der feurige Engel“ am Opernhaus Zürich/ Foto Monika Rittershaus)! Samuel Zinsli