Malta is more

 

Zum fünften Mal seit 2013 veranstaltete Maltas Hauptstadt Valletta vom 12. bis 28. Januar ihr renommiertes Barockmusik-Festival. Die Stadt ist UNESCO-Welterbe und mit ihrer einzigartigen Geschichte und Kulisse für ein solches Unternehmen in besonderem Maße prädestiniert. Im nächsten Jahr wird sie die europäische Kulturhauptstadt sein und schon jetzt sind die Vorbereitungen dafür in vollem Gange. Mit dem Slogan Malta is more – more to  do, more to see,  more to remember lockt die Malta Tourism Authority Besucher aus aller Welt zum Besuch der Insel mit ihren historischen Sehenswürdigkeiten – den barocken Palästen, Kirchen, Museen und anderen Zeugnissen der Geschichte. Auch die vielfältige Gastronomie der Region kennen zu lernen, dürfte für manchen Touristen verlockend sein. Es ist diese Kombination von Kunst, Kultur, Landschaft und Küche, welche den Reiz eines Festivals ausmacht und auch hier für große Resonanz bei den Besuchern sorgte. Ausverkaufte Aufführungen und Konzerte zeugten von der Attraktivität der Programme und mitwirkenden Künstler. Dem Artistic Director des Festivals, Kenneth Zammit Tabona, war auch im fünften Jahr ein abwechslungsreiches und vielseitiges Angebot von Oper und Oratorium über Sinfonik und Kammermusik bis zu Soloabenden gelungen.

Valletta International Baroque Festival 2017: die Casa Rocca Piccola 26/ Credit Viewingmalta/ Schröder

Wiederum hatte die Malta Tourism Authority zu einem Besuch der Insel eingeladen, operalounge.de war zum zweiten Mal dabei:  und ich war erneut von der überaus freundlichen Betreuung und perfekten Organisation der Reise beeindruckt. Mit ihrer vitalen, temperamentvollen Art und enormen Sachkenntnis war Audrey Marie Bartolo ein kompetenter Guide; Janet Grech Dimech, Marketing Manager, und David Bonnici, Marketing Executive, zeigten sich als informative und anregende Gesprächspartner in diversen Meetings, welche in angesagten Restaurants der Stadt stattfanden und imponierende Beispiele der regionalen Küche boten. Fischgerichte, Kaninchen in diversen Zubereitungen und Schnecken zählen zu den Nationalgerichten der Insel. Im Restaurant Palazzo Preca und in der Trattoria A.D. 1530 des Hotels The Xara Palace in Mdina, Maltas erster Hauptstadt noch vor der Erbauung Vallettas, konnte man sich von der hohen Qualität dieser schmackhaften Speisen überzeugen. Empfehlenswert für den Aufenthalt ist das vor zwei Jahren eröffnete kleine, aber feine Boutique Hotel Casa Ellul mit seinen gediegenen und individuell eingerichteten acht Suiten. Das alte Gebäude von 1837 wurde aufwändig restauriert und in modernem Design eingerichtet. Der Kontrast von Alt und Neu macht den Reiz dieses Hauses aus, das sich zudem durch seine zentrale Lage direkt gegenüber dem Teatru Manoel geradezu als ideal erweist für einen Aufenthalt während der Festspiele.

Valletta International Baroque Festival 2017: die St. John´s Cathedral/ Credit Viewingmalta/ Schröder

Das vielseitige Reiseprogramm mit Ausflügen und Besichtigungen bewies erneut die Attraktivität der Region mit den vor Vallettas Hafenszenerie gelegenen Three Cities Cospicua, Senglea und Vittoriosa in ihrem einzigartigen barocken Zauber, den labyrinthartigen St. Paul’s Katakomben in Rabat als frühen archäologischen Zeugnissen des Christentums in Malta und der ersten maltesischen Hauptstadt Mdina mit ihren stillen Gassen voller Anmut und Atmosphäre. Valletta selbst lockt vor allem mit seiner prachtvollen St. John’s Co-Cathedral, der Konventskirche des Malteser-Ordens, mit ihren vergoldeten Kammern und den beiden berühmten Caravaggio-Gemälden im Oratorium, oder der Casa Rocca Piccola, einem noblen Palast der maltesischen Familie des Marquis de Piro von 1580 mit antiken Gemälden, Möbeln und Bibliotheken.

Zu den imposanten Spielstätten des Festivals zählen vor allem das historische Manoel Theatre, eines der ältesten Barocktheater Europas aus dem Jahre 1731, das National Museum  of Archeology mit seinem in pompejanischer Manier ausgemalten Salon und die St. Paul’s Anglican Pro-Cathedral. Die zwischen 1839 und 1844 erbaute Kirche in neoklassischem Stil ist mit ihrem 60 m hohen Turm ein Wahrzeichen Vallettas. Hier bot sich in einem Matineekonzert am 28. 1. Gelegenheit, die maltesische Sopranistin Claire Debono und das Ensemble Les Ambassadeurs in dem Programm Purcell’s Operatic Arias zu erleben. Unter ihrem Gründer, dem französischen Flötisten Alexis Kossenko, spielten die fünf auf das Barockrepertoire spezialisierten Musiker mit ansteckender Verve, mitreißender tänzerischer Vitalität und Affekt betontem Zugriff. Für die Solistin des Programms mit Purcells Songs und Ayres sowie Stücken von Henry Playford, der sich als Herausgeber von Tänzen und Tunes des 17. Jahrhunderts (The English Dancing Master) einen Namen machte, waren sie inspirierende Begleiter. Die Sängerin imponierte mit einem substanzreichen, dunklen Sopran und eminenter Expressivität. Purcells „O let me weep“ aus The Fairy Queen und „Ah me! to many deaths decreed“ aus Regulus gerieten in ihrer deklamationsstarken Interpretation in die Nähe von Monteverdis Tragödinnen. In starkem Kontrast dazu standen das übermütig-lebhafte „How happy the husband“ aus Love triumphant und das energisch-grimmige „There’s nothing so fatal as a woman“ aus A Fool’s Preferment, in welchem sie auch ihr bezwingendes mimisches Talent zur Schau stellen konnte.

Valletta International Baroque Festival 2017: das Ensemble „A Piacere“/ Foto VIBF

Unter dem Titel A Piacere stellte sich im stimmungsvollen Salon des Archäologischen Nationalmuseums eine weitere Formation von nicht alltäglichem Zuschnitt vor. Die Accademia del Piacere ist ein spanisches Ensemble, das sich besonders auf die französische und spanische Barockmusik spezialisiert hat. Der in Sevilla geborene Gründer und Leiter Fahmi Alqhai ist ein Virtuose an der Viola da gamba und darüber hinaus selbst Komponist und Arrangeur. Davon zeugten seine Bearbeitung der Tänze des Spaniers Gaspar Sanz (1640-1710) und die eigenen Stücke Xaracas & Folias sowie Variationen über ein Thema von Satriani. Das Programm wurde ergänzt von Werken der Franzosen Marin Marais (Les Voix Humaines/La Guitare) und Jean-Philippe Rameau (Les Sauvages), die in ihrem Wechsel aus Intimität und aristokratischer Pracht besonders reizvoll waren. Aber auch die spanischen Tänze in ihrer rhythmischen Verve und der mitreißenden Steigerung verfehlten ihre Wirkung nicht. Deren arabischen Einflüsse setzten Fahmi Alqhai, der in  Syrien aufwuchs, und sein Bruder Rami (Viola da gamba), Miguel Rincón (Barockgitarre), Javier Nuñez (Cembalo) und Agustín Diassera (Percussion) so rasant um, dass dieses Konzert das Publikum fast in einen tranceartigen Zustand versetzte.

Hauptspielstätte des Barockfestivals Valletta ist das traditionsreiche Teatru Manoel an der Old Theatre Street ganz im Zentrum der Altstadt. Hier gab es am 26. 1. einen Abend unter dem Titel Inspired by Baroque mit dem Malta Philharmonic Orchestra unter Michelle Castelletti. Die Werke des Programms zeugten vom Einfluss Johann Sebastian Bachs auf Komponisten verschiedener Epochen von der Spätromantik bis zur Gegenwart. Da gab es eine von Gustav Mahler arrangierte Suite aus Bachs Orchesterwerken (Nr. 2 und 3), in der Mahler nur sehr zurückhaltend in das musikalische Gefüge eingegriffen hat und in der das Orchester noch etwas verhalten musizierte. Das änderte sich im zweiten Beitrag, Arvo Pärts „Collage über B-A-C-H“, wo man faszinierend fremdartige Töne hörte – sphärisch entrückt oder aufgewühlt-dissonant. Vor der Pause gab es noch Ottorino Respighis „Antiche Arie e danze per liuto, Suite No. 3“ in einer sehr delikaten Wiedergabe mit exzellentem Streicherklang. Den zweiten Programmteil eröffnete eine Uraufführung – das Concertino for Guitar, Harpsichord and Orchestra des Malteser Komponisten Reuben Pace, welches freilich kaum Einflüsse von Bach erkennen ließ. Die eigenwillig spröde, zerklüftete Klangsprache war gewöhnungsbedürftig, doch erwies sich der tänzerische Duktus einiger Passagen als passender Einstieg in das letzte Stück des Programms: Astor Piazzollas Cuatro estanciones porteñas for Solo Violin & String Orchestra. Mitreißender und aufregender hätte der Abend nicht enden können – nach den kapriziösen Tönen der Solovioline über einem Streicherteppich gewann  die Komposition mehr und mehr an Tempo und rhythmischem Schwung, hatte in ihrem Tango-nahen Duktus auch einen überaus sinnlichen Reiz. Da war es gänzlich unerheblich, dass hier weniger ein Einfluss von Bach denn der von Vivaldi hörbar war.

Valletta International Baroque Festival 2017: das Manoel Theatre in Valletta/ Credit Viewingmalta/ Schröder

Am selben Ort fand am 28. 1. auch das festliche Abschlusskonzert statt, diesmal mit dem VIBE – einem Klangkörper, der vor etwa zehn Jahren gegründet wurde, um dem Fehlen eines speziell auf Barockmusik spezialisierten Ensembles Abhilfe zu schaffen. So entstand das Valletta International Baroque Ensemble, das nun unter dem Titel Fit for a King mit zwei der populärsten Werke von Händel das Finale des Festivals bestritt. Die „Water Music“ ließ in der Ouverture bei den Streichern noch Intonationstrübungen hören, während sich die Bläser, vor allem die Hörner, von Beginn an durch einen exzellenten Klang auszeichneten. Die „Fireworks Music“ geriet in ihrem festlich-pompösen Gewand dann auch zum Triumph des Orchesters mit Catherine Martin am ersten Pult der Violinen.

Schon jetzt wurde das Programm des nächsten Festivals (13. bis 27. Januar 2018) bekannt gegeben. Es wird eröffnet mit Händels Acia and Galatea und schließt mit einem überaus seltenen Werk von Francesca Caccini: La Liberazione di Ruggiero. Auch das Oratorium La Sete di Cristo von Bernardo Pasquini ist eine Rarität und dürfte Liebhaber selten zu hörender Werke anziehen. Wieder ist Claire Debono zu hören (in einem Programm mit Händels Dixit Dominus und Jommellis Beatus Vir), auch Les Ambassadeurs treten wieder auf, diesmal mit Höhepunkten aus Opern von Rameau. Freunden der Barockmusik, aber auch entdeckungsfreudigen Reisenden sei ein Besuch der Insel Malta mit ihren aufgeschlossenen und zugewandten Menschen nachdrücklich empfohlen. Bernd Hoppe (Foto oben Valletta Europäische Kulturhauptstadt 2018/ Credit MTA Leslie Vella/ Schröder)

 

Nützliche Links zum Besuch von Malta: www.vallettabaroquefestival.com.mt/  www.teatrumanoel.com.mt/  www.visitmalta.comwww.casaellul.com/  www.casaroccapiccola.com/  www.palazzoprecarestaurant.com/  www.xarapalace.com.mt