Wieder mal ein Missverständnis

 

Hector Berlioz hatte sicher recht, aber nicht ganz. In seiner Rezension zur Uraufführung der Oper La Juive von Fromental Halévy am 23. Februar 1835 machte er sich lustig über die unmögliche Geschichte und prophezeite, es werde ein Tag kommen „nach dem Reich der Pferde“, indem die Musik und nicht die Ausstattung das Wichtigste sein werde. Er traf insofern ins Schwarze, als der Grand Opéra, welcher das ganze 19. Jahrhundert die am höchsten angesehen Gattung im Opernbetrieb war, im 20. Jahrundert nach und nach an Anziehungskraft verlor und sich seit dem Zweiten Weltkrieg allen noblen Wiederbelebungsversuchen widersetzt. Aber die erbärmliche Juive“, wie der scharfe Kritiker-Komponist sie in privaten Briefe nannte, war keine Tagesfliege (und eine teure dazu noch, denn mit 150‘000 Francs verschlang die Produktion so viel Geld wie kaum eine andere in der Geschichte der Pariser Oper), wie er das gerne gehabt hätte. Halévys Oper war vielmehr eine gute Investition und hielt sich überraschend lange auf den Brettern der Salle Le Peletier. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte sie bei weitem die 500 Vorstellungen übertroffen. Das bedeutet, dass sie im Schnitt für 60 Jahre jeden Monat mindestens einmal gegeben wurde! Dann ging auch ihre Zeit vorbei, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder entdeckt wurde. Von Richard Tucker bis Neil Shicoff waren es vor allem jüdische Sänger, welche das Potential einer Oper, in der unter anderem der Konflikt von Christentum und Judentum thematisiert wird, als ästhetisch annehmbaren Beitrag zur Bewältigung des Holocaust-Horrors erkannten.

"La Juive" in Nürnberg/ Szene mit Luca Lombardo/ header

„La Juive“ in Nürnberg/ Szene mit Luca Lombardo/ header

In diese Tradition fügt sich die Nürnberger Inszenierung, welche die Handlung in die Zeit um 1930 verlagert (die karge, stilisierte Bühne entwarf Dieter Richter, die nichtssagenden Kostüme Gabriele Heimann). Auch in Nürnberg spielt

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die Verfolgung der Juden die wichtigste Rolle. Sie gipfelt darin, dass Rachel am Ende der Oper in einem Taufbecken ertränkt wird. Nichts spricht dagegen, dass ein Stück von den nachkommenden Generationen umgedeutet wird, wie das der Fall mit der Juive zu sein scheint. Aber bei näherer Betrachtung handelt es sich um ein zwar fruchtbares, dennoch nicht unproblematisches Missverständnis. Die Zeitgenossen und noch mehrere Generationen danach sahen nämlich in der Juive, die ursprünglich in einer portugiesischen Kolonie und gar nicht in Konstanz im früheren 15. Jahrhundert hätte spielen sollen, kein Konzeptstück zum Antisemitismus, sondern sie nahmen Anteil an der tragischen Liebesgeschichte zwischen einem christlichen Prinzen, der sich als Jude ausgibt, und einem jüdischen Mädchen, oder – gerade in Frankreich – amüsierten sie sich über den offensichtlichen antiklerikalen Charakter der Oper. Ein Protagonist darin ist ja der Präsident des Konzils Kardinal Brogni, ein schmieriger, eitler und opportunistischer Monsignore. Bei ihm fühlt man sich an Fabrice del Dongo, den Protagonisten von Stendhals Roman Chartreuse de Parme, erinnert (der aber 1839 verfasst wurde). Am Ende der bisweilen etwas larmoyanten Handlung entdeckt Brogni voller Entsetzen, dass er gerade seine eigene Tochter zum Tode verurteilt hat. An dieser Gestalt kann die Kritik der Nürnberger Aufführung ansetzen.

Regisseurin Gabriele Rech gelang es nicht, auch nur eine minimale Differenzierung in der Darstellung der Charaktere zu entwickeln. Die pathetischen, eigentlich mitreißenden Szenen wie das sogar von Berlioz zähneknirschend gelobte Trio im zweiten Akt wurden allesamt verschenkt, und es ist wohl alles gesagt, wenn man berichtet, dass das Publikum in Gelächter ausbrach, als Léopold und Rachel rasch ihr Begehren am Boden stillen wollten oder als die Prinzessin Eudoxie den Hünen Léopold mit einer Ohrfeige niederstreckte. Die Sänger hingen meistens herum und waren mehr schattenwerfende Requisiten denn handelnde Menschen. Wer Nicolai Karnolsky als quirligen Figaro in Mozarts Nozze erlebt hat, weiß, über welch schauspielerisches Talent dieser Sänger verfügt. In der Juive war keine Spur davon zu sehen. Bei ihm (aber dasselbe gilt im Grunde für alle) gab es keine Entsprechung zwischen der Gesangsleistung, die dank seinem kernigen, sicher geführten Bass erstklassig war, und der Bühnengestalt, die steif und blass z.B. in der Fluch-Szene blieb. Ähnliches kann man von der Protagonistin behaupten.

Allerdings konnte Leah Gordon als Rachel über weite Strecke vergessen machen, dass die Regie sie nur hin- und herschob, denn sie bot eine berührende vokale Interpretation der Rolle. Die Partie fordert wenige spitze Töne. Ihre erste Interpretin, Cornélie Falcon, gab denn auch ihre Namen dieser Art von soprano corto. Dafür wird von der Rachel eine bedingungslose Konzentrierung auf die dramatische Linie verlangt, welche schon 1835 dem Spötter Berlioz die höchsten Töne der Bewunderung für die Urinterpretin der Partie entlockte. Gordon wurde mit ihrem festen, dunkel gefärbten Sopran den Anforderungen mehr als nur gerecht, zumal sie eine bewundernswerte klare Diktion einsetzte. Sie war das Zentrum der Aufführung und ragte deutlich heraus. Das Publikum erkannte die herausragende Leistung der Sängerin und bescherte ihr am Ende zu Recht begeisterten Applaus. Aus verschiedenen Gründen erreichten die anderen Sänger dieses Niveau nicht. Uwe Stickert hat in Nürnberg als Arnold und Raoul Beachtliches geleistet. Als Léopold scheint er sich unwohl gefühlt zu haben. Man genoss sehr wohl seine exquisite mezza voce, aber die Koloratur, welche die Rolle verlangt, war unsauber, die Spitzentöne Glückssache. Man wird die nur teilweise überzeugende Leistung auch der Besetzungspolitik des Hauses anlasten dürfen.

Raoul und Arnold wurden von Adolphe Nourrit uraufgeführt, der ebenfalls der erste Eleázar war. Es ist richtig, daß Nourrit zuerst Léopold hätte singen müssen, aber es ist ja bezeichnend, dass er das nicht tat, sondern den Vater Rachels übernahm. Bei der Premiere sang ein gewisser Marcelin Lafont den Prinzen – ein Tenor, der in einer Oper von Sacchini debütiert hatte und immer wieder leichtere, virtuose Stücke an der Opéra-Comique sang. Mit anderen Worten: Nürnberg verpasste die Chance, den Eléazar mit einem zur Verfügung stehenden Sänger zu besetzen, der den Stil der Rolle historisch gerecht und schönstimmig beherrscht hätte – und sie übrigens hätte vollständig singen können. Auch in Nürnberg verschwand nämlich wie so oft seit der Wiederentdeckung der Juive die musikalisch und textlich wichtige Cabaletta des Eléazar in der berühmten Arie „Rachel, quand du Seigneur“. Es ist zugegebenermaßen fraglich, ob Luca Lombardo sie gemeistert hätte. Der Sänger bekam von der Regie die Chance nicht, die erforderliche Vielschichtigkeit der Rolle zur Geltung zu bringen. Eléazar ist nicht nur das jüdische Opfer fanatischer Antisemiten, sondern er wird von einem tiefen Hass beherrscht, der weder im Gesang noch in der unbeholfenen Darstellung Lombardos sichtbar wurde. Die Auswirkungen seiner langen und honorigen Karriere zeigten sich im Positiven wie im Negativen: Er sang einerseits im besten Sinne des Wortes routiniert, teilte seine Kräfte gut ein und konnte somit die große Arie im letzten Akt mit Vokalreserven zum Besten geben. Die Anstrengung im oberen Register war aber hier nicht zu überhören, und insgesamt wirkte er als Fremdkörper auf der Bühne. An Stellen freilich wirkte das schöne, runde Timbre dieser urfranzösischen Stimme durchaus. Eudoxie wurde von Banu Böke angemessen gesungen und gespielt, die kleineren Rollen waren sehr gut besetzt, namentlich der Feldwebel von Jens Waldig und der Ruggiero von Kay Stiefermann. Trotz der Kürzungen war der Abend lang und dauerte über drei Stunden.

Unter einem anderen Dirigent hätte man sich wohl streckenweise gelangweilt. Halévy beherrschte den Wechsel von Ensemble- und Chorszenen und instrumentierte farbig und interessant, aber eins konnte er nicht: Melodien schreiben. Guido Johannes Rumstadt weiß aber, wie man einen derartigen Brocken ohne richtige Highlights dirigiert. Er leitete mit fabelhaft sicherer Hand die ausgezeichneten Chorsänger und die dem Chor in Nichts nachstehenden Instrumentisten des Staatstheaters, scheute nicht davor zurück, die Musik leichtfüßig schwingen zu lassen, wo das verlangt wurde, und versöhnte am Ende das Publikum mit einem Stück, auf das man in dieser Version und in dieser misslungenen szenischen Einrichtung eigentlich auch hätte verzichten können (Besuchte Aufführung: 27. Januar 2016; Foto oben: La Juive in Nürnberg/ Szene mit Luca Lombardo/ header/ Ausschnitt)). Michele C. Ferrari