Magnifique!

 

Der Solocellist, der die Ouvertüre eröffnet, sitzt auf der Bühne, in dezenter Schweizer Tracht, und spielt. Ein idyllischer Moment, getragen vom expressiven, in sich selbst ruhenden Spiel von Stephan Rieckhoff. Die Bläser am Ende der Cellokantilene kündigen hier die habsburgischen Soldaten an, die den Cellisten verhaften und sein Instrument zerstören. So lässt David Pountney Rossinis Guillaume Tell am Grand Théâtre de Genève beginnen, und in vergleichbar plastischen Bildern setzt er seine Inszenierung fort. Genau wie in Rossinis Musik ist das Schweizer Lokalkolorit wohldosiert; er schafft den Balanceakt zwischen Verortung und Allgemeingültigkeit, der bei einer Produktion dieses Werks in der Schweiz besonders heikel ist. Das unterdrückte Volk trägt graue, ziemlich formlose Kleidung, die für einige Szenen wie die Hochzeitsfeier im I. Akt und den Schlussjubel durch einige Trachtenelemente aufgeheitert wird (Kostüme: Marie-Jeann Lecca; Bühne: Raimund Bauer). Diese Regie arbeitet nicht gegen die tableauartige Struktur des Stücks, sondern belebt diese schon auf die Grand Opéra hinweisende Dramaturgie innerhalb ihrer eigenen Grenzen erfolgreich.

"Guillaume Tell" in Genf/ Szene © GTG / Magali Dougados

„Guillaume Tell“ in Genf/ Szene © GTG / Magali Dougados

Jesús López Cobos und das Orchestre de la Suisse Romande tun das Ihre dazu mit meist eher zügigen, aber durchaus sensiblen Tempi, transparenter und vielfältiger Klanggebung und liebevoller Pflege der Details. Pomp bleibt den Momenten vorbehalten, wo er szenisch gefordert wird.

Tell ist Jean-François Lapointe mit noblem, sonorem Bariton, schöner Phrasierung und souveräner Höhe. Einzig in der tiefen Lage wird’s gelegentlich knapp, was aber nicht ins Gewicht fällt. Er ist hier wie meist ein sorgfältiger, aber eher verhaltener Darsteller – was dem Tell ausgesprochen gut bekommt. Kein hochtrabender Held und Retter, sondern einer aus der Menge, der nur konsequent seinem Anstandsgefühl folgt – eine Geschichte über Zivilcourage, nicht über blutrünstigen Patriotismus. Sehr schön im Kontrast dazu der jugendlich impulsive, aber auch zerrissene Arnold von Enea Scala, der der gefürchtete Partie mit gut fokussierter Stimme von beachtlicher Strahlkraft und reizvollem schnellem Vibrato jederzeit gewachsen ist, die (durchaus peppigen) Hochtöne sind technisch wie musikalisch stilsicher eingebunden und keine reinen Showeffekte. Er weiß zudem der Stimme fröhliche, heldische wie trauernde Schattierungen abzugewinnen. Und dass immer wieder ein italienischer Akzent auffiel, spricht im Grunde nur für die vorzügliche Diktion. Man kann ein Haus nur beglückwünschen, das solch einen Arnold als Zweitbesetzung bereithält (neben John Osborn) und ihn zudem in den andern Aufführungen als Ruodi einsetzen kann.

"Guillaume Tell" in Genf/ Szene © GTG / Magali Dougados

„Guillaume Tell“ in Genf/ Szene © GTG / Magali Dougados

Bedauerte man, dass die zweite Szenen zwischen Arnold und Mathilde gestrichen war, so lag das aber zu gleichen Teilen an ihm wie an seiner Partnerin Saoia Hernández, die vom ersten Ton an mit sattem, leuchtendem Klang fesselte, der sich für die lyrischen Momente ebenso eignete wie für einen Wirkung von bezwingender Autorität in der Auseinandersetzung mit Gessler. Vor allem begeistern die von schier endlosem Atem getragenen langen Bögen und die enorme Bandbreite der Dynamik gerade auch in der hohen Lage, furiose Ausbrüche wie makellose Piani. Man ist daher nicht allzu überrascht, liest man im Programmheft, dass sie u.a. bei Caballé studiert hat. Die eher kühle Bühnenausstrahlung erzielt ein interessantes Rollenportrait, bei dem Mathildes emotionale Anspannung erst mit der Zeit sichtbar wird.

Franco Pomponi singt den Gessler kernig und mit angemessen metallischem Nachdruck, vor allem aber trägt er, sowohl in Ritterrüstung als auch im Rollstuhl sitzend, den III. Akt szenisch praktisch im Alleingang. So ein faszinierendes Scheusal erlebt man auf der Bühne nicht alle Tage – bei seinem Auftritt isst er einfach nur einen Apfel, aber nur schon das so widerwärtig abstoßend, dass daraus das klare Bild eines gnadenlosen Ekels entsteht. Und trotzdem können wir immer wieder fast nicht glauben, wie zynisch und sadistisch er agiert – großartig!

Als Tells Sohn Jemmy erfreut Amelia Scicolone mit sauberem Gesang und einer erfrischenden, glaubwürdigen Darstellung des Knaben. Ihre Mutter Hedwige singt Doris Lamprecht pastos, namentlich das Gebet im letzten Akt; mir hätte dort szenisch Innerlichkeit statt großes Pathos mehr zugesagt – aber Spannung hat’s so schon auch. Ähnlich Michel de Souza in seinem gesanglich imposanten Auftritt als Leuthold. Des weiteren Alexander Milev (Melcthal und Walter Fürst), Erlend Tvinnereim (Ruodi), Jérémie Schütz (Rodolphe) und Peter Baekeun Cho (Chasseur), allesamt sehr kompetent, ebenso der vielbeschäftigte Chor (Alan Woodbridge). Das Ballett im III. Akt verkam dank der Choreographie von Amir Hosseinpour nicht zu einer pittoresken Einlage, sondern zeigte eindringlich die Situation von Unterdrückern und Unterdrückten auf, mag man sie Schweizer und Habsburger nennen oder auch ganz anders. Samuel Zinsli

 

Foto oben: Cello solo/ Stephan Rieckhoff/ Guillaume Tell © GTG / Magali Dougados