Märchen-Collage

 

Nach großem Erfolg in New York 1987 gelangte das Musical Into the Woods von Stephen Sondheim (Musik und Liedtexte) und James Lapine (Buch) erst 28 Jahre nach der Deutschen Erstaufführung in Heilbronn als Ab in den Wald nach Hildesheim. Craig Simmons hatte es übernommen, die Inszenierung und Choreographie der Original-Broadwayproduktion von Lapine auf die Bühne zu bringen, und das mit riesigem Erfolg. Esther Bätschmann sorgte für die passende Ausstattung mit wenigen treffenden Versatzteilen, schmalen grünen und braunen Hängern als Wald und hübschen, teils schrill plakativen Kostümen. Es wurde durchgängig die deutsche Fassung von Michael Kunze geboten, wobei manche Songs durchaus im englischen Original verständlich gewesen wären.

Die turbulente Geschichte bezieht ihren Witz aus der Verbindung verschiedener Grimmscher und anderer Märchen, die durch eine dazu erfundene Rahmenhandlung von einem kinderlosen Bäckerpaar, auf dem ein Fluch der nachbarlichen Hexe lastet, verbunden werden. Dabei sind u.a. Hans („im Glück“), Rotkäppchen und Aschenputtel. Um den Fluch zu lösen, muss der Bäcker vier Dinge für den Hexentrank herbeischaffen: Eine milchweiße Kuh, ein rotes Mäntlein, kornfarbenes Haar und einen goldenen Schuh. Ein Erzähler (Jens Krause) beginnt, mit „Es war einmal in einem fernen Königreich“ in den munteren Abend einzuführen. Alle Märchenfiguren, die nun auftreten, haben eigene sehnsüchtige Wünsche und treffen auf der Suche nach deren Erfüllung „im Wald“ zusammen; dabei entstehen witzige und brenzlige Situationen, wobei jedoch nur ein Riese im Laufe des Gefechts sein Leben lassen muss, bis sich alles positiv löst und auch die Hexe in eine schöne junge Frau verwandelt wird.

„Ab in den Wald“ am TFN Hildesheim/ Foto J. Quast

Da gibt es aber noch den 2. Teil; ein Jahr später stellt sich die Lage ganz anders dar: Die Witwe des getöteten Riesen will sich für den Tod ihres Mannes rächen und verlangt die Herausgabe des Mörders. Nun bricht zwischen den bisher offenbar friedlich zusammen lebenden Parteien ein heftiger Streit aus, in dem sie sich gegenseitig beschuldigen (Ensemble: „Du bist schuld“). Dabei werden die unterschiedlichen Charaktere deutlich und dass längst nicht alle so glücklich sind, wie sie vorgeben. Bei der Suche nach Hans, der den Riesen aus Versehen getötet hatte, stellt sich im Wald heraus, dass Aschenputtel von ihrem Prinzen mehrmals betrogen worden ist, dass er die Bäckersfrau verführt hat und schon nach Dornröschen schmachtet. Sein Bruder hat übrigens nach Rapunzel nun Schneewittchen im Auge. Schließlich bleiben nur noch Hans, Rotkäppchen, Aschenputtel und der Bäcker mit seinem Kind übrig, um den moralisierenden Schluss zu ziehen „Niemand ist allein“.

Achim Falkenhausen leitete das Orchester des TfN mit viel Schwung, der sich auf das gesamte Ensemble übertrug, das zu Höchstform auflief. Außer der häufig wiederholten Titelmelodie „Ab in den Wald“ blieben nur wenige Songs haften. Aus dem ausgesprochen spielfreudigen Ensemble seien einige Einzelleistungen hervorgehoben: Da gab es Franziska Becker, die darstellerisch und gesanglich als furchterregende Hexe ebenso wie als erlöstes, attraktives Glamour-Girl begeisterte. Das sympathische Bäckerpaar waren Alexander Prosek und Valentina Inzko Fink, die mit „Nur zu zweit“ eine ihrer Streitigkeiten beendeten.

Ein besonderes Highlight war der Auftritt von Tim Müller als Wolf mit „Hallo, kleine Frau“, der auch als Aschenputtels Prinz gute Figur machte. Er und Peter Kubik als köstlich ironisierende Prinzenbrüder rissen das Publikum mit „Liebesqual“ zu Beifallsstürmen hin. Ein quirliges Rotkäppchen war Sandra Pangl, deren nachdenkliches „Ich weiß jetzt mehr“ anrührend gelang. Als liebenswertes Aschenputtel gefiel die  schönstimmige Elisabeth Köstner.

Das Publikum dankte der nicht hoch genug einzuschätzenden Ensembleleistung aller mit stehenden Ovationen und lang anhaltendem Applaus (21. 1. 2018/ Foto oben: Sondheims Musical „Into the woods“ am TFN Hildesheim/ Foto J. Quast). Marion Eckels