Männerprobleme

 

Es ist nicht leicht, diese Nase zu lieben. Kowaljow, der Anti-Held in Nicolai Gogols Novelle Die Nase, liebt seine Nase selbstverständlich. Er leidet schrecklich unter ihrem Verlust. Doch den Dreiakter, den Dmitri Schostakowitsch aus der Novelle des unter seiner übergroßen hässlichen Nase leidenden Gogol machte, ist allen brillanten Aufführungen der letzten Jahre zum Trotz eher Gegenstand der Bewunderung als der Liebe. Unter den Fürsprechern befand sich 2002 an der Berliner Staatsoper auch Kent Nagano, der jetzt seine vierte Hamburger Spielzeit mit dem Opernerstling des jungen Schostakowitsch eröffnete, zu dem die Staatsoper aparterweise in der opera stabile auch Schostakowitschs Moskau, Tscherjomuschki gibt. Kowaljow ist entsetzt, fast so entsetzt, als sei ihm seine Männlichkeit abhanden gekommen – eine Pointe, die sich Karin Beier als letzten Trumpf ihrer Inszenierung nicht entgehen lässt. Sie macht aber keinen Stich damit.

Für was auch immer die Nase steht, den Verlust gesellschaftlichen Ansehens und beruflicher Positionen, Anerkennung, Ehre; in der zaristischen Rängehierarchie bedeutete dieser Verlust das gesellschaftliche Aus. Kowaljow fühlt sich ausgegrenzt und seiner gesellschaftlichen Stellung beraubt. Während er in der Zeitungsredaktion eine Suchanzeige nach ihr aufgeben will, hat sich die  mannsgroße Nase selbstständig gemacht und nimmt in der Uniform eines Staatsrates huldvoll die ihr zustehende Ehrerbietung entgegen. Nichts stimmt in dieser bunt zusammenphantasierten Geschichte, denn so unvermittelt wie die Nase aus Kowaljows Gesicht verschwand, sitzt sie auch wieder an der richtigen Stelle. Irrwitzig komisch, surreal, grotesk, alles ist aus den Fugen. Irgendetwas muss den 21jährigen Schostakowitsch daran fasziniert haben und an die gewaltigen Irren der 1920er Jahre in Moskau, aber auch die Aufbruchs- und Zukunfts-Euphorie gepaart mit einer Begeisterung für alles Modere von Corbusier bis Alban Berg, erinnert haben. Das alles packte er auch in die sechzehn Musikblöcke, die zehn Bilder und die wirkungsvollen Zwischenspiele, wozu das neuartige Solo der neun Schlagzeuger oder ein Galopp gehören. Überhaupt wirkt diese Musik in ihrer gelegentlich feingliedrigen Hurtigkeit, den schwer aus den kammerorchestral vertrackten Wendungen herauslösbaren Rezitativen eher wie die Begleitung zu einer Stummfilm- oder Ballettszene. Die Auffächerung des Orchesters und die Kombination der solistisch eingesetzten Instrumente ist ebenso gekonnt wie manche szenisch-musikalischen Effekte, darunter das Oktett der Angestellten in der  Anzeigenredaktion oder der Moment, in dem Kowaljow einen Brief schreibt, der im selben Moment von der Empfängerin gelesen wird. Der Text wird nebensächlich, kann in seiner Menge und im überhaspelnden Tempo kaum erfasst werden. Selten wurden Übertitel so dankbar angenommen (20 September). Keiner kann beschwören, ob tatsächlich die deutsche Übersetzung von Urich Lenz  gesungen wurde.

„Die Nase“ an der Hamburgischen Staatsoper/ Szene/ Foto wie auch oben  Arno Declair

Schostakowitsch packt alles in diese drei Akte, was er gehört und gelernt hat, er will modern und originell sein. Und man merkt das. Oft zu deutlich. Die kunstvolle Bravour ist das richtige für Kent Nagano, der die Herausforderung dankbar aufnahm  und der Musik eine feenhafte Leichtigkeit gab, aus der der Irrwitz der Moderne zwischen Bürokratie-Wahn und Massenpsychose umso deutliche herausstach. Außerdem konnte er sein Ensemble in gesamter Breite aufstellen Bo Skovhus, geliebter und seit Jahrzehnten ständiger Gast in Hamburg, gestaltet den Kowaljow großartig – mit Nase, ohne Nase und stattdessen einem Schweinerüsselchen – und darf gelegentlich auch richtige Gesangslinien singen. Ansonsten sind alle mit einem Rezitativ-Crescendo, Kreischen, verdruckstem Sprechgesang, Geräuschkaskaden, Singwispern beschäftigt: Hellen Kwon erinnert als Friseursgattin und vergewaltigte Brezelverkäuferin an frühe Koloraturfeuer, Renate Spingler rührt für den würdevollen Auftritt der alten Gräfin kräftig in den Tiefen ihres Mezzosoprans, Andreas Conrad ist der sich in der Höhe schier vor Wichtigkeit überschlagende Polizeihauptmeister, Bernhard Berchtold mit dezenter Tenor-Noblesse die Nase;  Levente Molnár als Friseur und Gideon Poppe als Kowaljows Diener Iwan sollen noch erwähnt werden.

Das Stück ist alles und nichts. Karin Beier macht die große Revue, bringt vieles und kann doch nur die Geschichte bunt betupfen. Auch sie tut des Guten etwas zu viel, schickt eine Theaterspektakel über Diktaturen und Utopien auf die Umlaufbahn der Drehbühne von der Stalin- und der Große Diktator-Groteske bis zu den Demos um den Hamburger G20-Gipfel, Fake News und so weiter. Eva Dessecker hat dazu das gesamte Personal in fleischfarbene und wattierte Ganzkörperanzüge gesteckt, die dicke Hintern und Bäuche machen und allen eine feiste Spießbürgerlichkeit geben. Als Kowaljow am Ende seine Nase wieder hat, wird der bisher schlanke Kollegienassessor genauso fett wie seine Mitbürger. Stéphane Laimé lässt auf seiner Bühnen-Metall-Konstruktion etwas vom avantgardistischen Theater jener Zeit spüren, Meike Dresenkamp und Severin Renke bieten Videos, die den Überwachungsstaat brennspiegelhaft greifen und die Choreographie von Altea Garrido hält die tanzenden Polizisten auf Trab. Da wird ständig etwas geboten, manchmal wünscht man sich das fokussierter, aussagekräftiger, ein bisschen ruhiger, wenn schon die Musik ständig weiterdrängt. Beiers Aktionismus wird durch eine genaue Personenführung, etwa in der hysterischen Szene des Massenauflaufs, gemildert. Meine Begleitung, unvertraut mit der Oper und dem ganzen Kram, war mehr als angetan. Der Funke sprang auch auf das höfliche Hamburger Publikum über.   Rolf Fath