Machtübergabe

 

Als Schweizer EA zeigt Konzert Theater Bern Szymanowskis König Roger. Regie führt Ludger Engels, der schon mit dem eindrücklichen Peter Grimes in der Berner Reithalle gezeigt hat, dass er ein Gespür für ungewöhnliche Raumnutzung hat. So nun auch im Stadttheater. (12.12.19) Das Orchester sitzt auf der Bühne, gespielt und gesungen wird im vorderen Bühnendrittel und auf dem zugedeckten Graben, wo Ric Schachtebeck eine weiße Spielfläche mit einigen Stufen geschaffen hat. Also eine nüchtern-abstrakte Bühne für dieses rauschhaft-mystische Stück, wie letzte Saison in Frankfurt. Déjà-vu, dachte ich, und keins von den guten. Aber weit gefehlt. Engels fokussiert auf die Menschen und zeigt deutlich, wer sie sind und was mit ihnen in diesem Stück geschieht, auch beim fabelhaft individuell agierenden Volk (dem Chor). Zugleich versucht er aber auch nicht, die komplexe Handlung zu rationalisieren oder platt zu erklären. Die Ambiguität und damit die Faszination des Geschehens und einiger Figuren bleibt erhalten. Nehmen wir den Hirten, der von Liebe und Freiheit und der Sanftheit seines Gottes spricht – ob er Rogers Reich Befreiung oder Anarchie bringt, bleibt offen. Seine Botschaft ist befreiend und beglückend (bis hin zu einer Art improvisiertem CSD mit Stofftransparenten und Papptafeln, die selbst im Publikum zum Hochhalten verteilt werden – ich mag so was sonst überhaupt nicht, habe mich diesmal aber überraschend auch beim Hochhalten nicht unwohl gefühlt), die Macht, mit der er das ganze Reich mitreißt, aber durchaus beunruhigend. Andries Cloete ist in Aufgaben ganz unterschiedlicher Größe seit langem ein sicherer Wert in Bern, aber  der geheimnisvolle Hirte ist unter denen, in denen ich ihn gesehen habe, vielleicht seine beste Rolle. Ob im ersten Akt mit Langhaar und weißer Lederjacke, im zweiten im schwarzen Anzug, Strassnetz statt Hemd und Pumps oder als kalkweiße antike Statue im dritten (die generell einprägsamen Kostüme stammen von Heide Kastler), er strahlt die schillernde Faszination dieser Figur grandios aus. Das Lob seines Gottes singt er mit so einschmeichelnder, leuchtender, nie lauter Stimme, dass man nicht darauf gefasst ist, wie er in der selben Klangschönheit im zweiten Akt expandieren kann und übers ganze Orchester hinweg ekstatisch triumphiert. Einfach toll.

Die von ihm verzauberte Königin Roksana  hat letztlich nicht viel zu singen, aber immerhin zwei Soli, mit denen Evgenia Grekova nachdrücklich in Erinnerung bleibt. Ihre Sorge um Roger glaubt man ihr ebenso wie dass sie ihn dennoch für Höheres verlassen muss. Zur dritten Hauptfigur neben Roger und dem Hirten wird aber Edrisi, königlicher Berater und Freund und muslimischer Gelehrter. Als solcher ist er im Rahmen des europäischen Mittelalters so einerseits die rationalste, quasi-aufgeklärteste Persönlichkeit, andererseits hier aber auch der Vorurteilsfreiste, der den Hirten freudig erwartet. Dessen Botschaft erlebt er als befreiend, lässt sich aber anders als der restliche Hof nie völlig vom Rausch mitreißen und bleibt am Ende als einziger bei Roger. Engels macht daraus aber auch keine zu einfache, auf Szymanowskis Biographie zielende Comingoutmetapher. Ob die Freundschaft der beiden auch diese Komponente enthalten könnte, wird gegen Ende nur als eine (und gewiss nicht die entscheidende) Möglichkeit gestreift. Nazariy Sadivskyy spielt die vielschichtige Figur mit natürlicher Liebenswürdigkeit, Charisma und feinem Humor (der vielleicht der Schlüssel zu Edrisis souveräner Haltung ist) wie in dem Moment, wo Roger ihn beim Tanzen unterbricht und er erst realisiert, was er da macht. Er singt mit entspanntem melodischem Fluss (das Polnische legt dem ukrainischen Tenor auch keine Stolpersteine in den Weg) und ebenmäßigem Klang und brilliert in den Hochtönen mit strahlendem Metall.

Young Kwon orgelt eindrücklich den Erzbischof; er und Sarah Mehnert als Diakonisse (die lediglich ein paar Mezzotöne beisteuern darf) markieren angemessen verbiestert die Haltung der Kirche zum Hirten. Auch das Chorsolo von Mariusz Chrzanowski (der dazu als sich selbst vergessender Christ auch szenisch aus der Reihe tanzen darf) klingt gut.

Szymanowskis „Krol Roger“  beim Konzert Theater Bern/ Szene/ Foto wie oben Annette Boutellier

Wenn ich mich der Titelfigur als letzter zuwende, so ist das kein Zufall: Lange schien er mir im Vergleich eine blassere Figur als alle anderen – Mariusz Waldemar Godlewski hat als Roger wenig vom historischen intellektuellen, ja fast kosmopolitischen Roger II. von Sizilien, bleibt in seinem grauen Anzug zwischen den verschiedenen Erwartungen der anderen weniger hin- und her gerissen als vielmehr unentschieden. Umso frappanter aber, wie er gegen Ende des 3. Aktes zu Selbstbestimmtheit findet, einer viel geschmeidigeren Körpersprache und ganz anderen Bühnenpräsenz, nun z.B. auch lächelt. Sein sicher geführter Bariton steigt im Schlussgesang an die Sonne auch mühelos und mit Glanz in die neuen Höhen.

Der von Zsolt Czetner geleitete Chor absolviert seine großen Aufgaben vom hieratischen Kathedralengesang bis zur hymnischen Ekstase mit Bravour, als ob er nicht daneben auch noch mit fulminantem szenischem Einsatz die Verwandlung des Hofes in das Gefolge des Hirten spielen würde. Einziger Wermutstropfen des Abends ist der plärrende und wirklich heftig distonierende Kinderchor. Dann lieber ohne.

Die Befürchtung, das auf der Bühne platzierte Orchester könnte akustisch dominieren, erwies sich als völlig unbegründet. Matthew Toogood und das Berner Symphonieorchester entfalteten die ganze Sinnlichkeit und das Überwältigungspotential dieser Musik in tadelloser Balance (manchmal geradezu als schillernde Kammermusik), ohne je die Stimmen zu gefährden. Was kann man von einer Erstaufführung mehr wünschen, als dass sie die Faszination eines seltenen Stücks und die hochindividuelle harmonische und instrumentatorische Raffinesse des Komponisten so gekonnt ausbreitet? Samuel Zinsli