Macht der Verführung

 

Hans Werner Henze selbst bezeichnete Die Bassariden als sein „wichtigstes Theaterwerk“. Uraufgeführt wurde die Opera seria mit Intermezzo in einem Akt 1966 im Großen Festspielhaus von Salzburg in einer Inszenierung von Gustaf Rudolf Sellner mit der opulenten Ausstattung von Filippo Sanjust. Bei der Neuinszenierung in der Komischen Oper Berlin, wo das Stück mit Musikdrama in einem Akt untertitelt ist, setzen Regisseur Barrie Kosky und seine Ausstatterin Katrin Lea Tag dagegen auf eine strenge symmetrische Optik, die in ihrer Anordnung an das antike griechische Theater erinnert. Der in hellem Holz ausgekleidete und schwarz eingerahmte Bühnenraum wird dominiert von einem treppenförmigen Aufbau, auf dem zur Linken und Rechten Orchestermusiker platziert sind, wie sich solche auch auf den Rängen und in den Proszeniumslogen finden. Denn für das gewaltige Werk mit seiner riesigen Besetzung reicht der Orchestergraben des Hauses nicht aus, obwohl die reduzierte Fassung von 1992 mit verschlankter Besetzung gezeigt wird. Während der Aufführung bleibt der Saal erhellt, was ihr einen halbszenischen Charakter verleiht. Schon vor Beginn der Musik sieht man auf der Bühne Sänger, Akteure und das elfköpfige Tanzensemble bei der Vorbereitung auf den szenischen Ablauf. Es beginnt mit schneidenden Akkorden von Trompetern aus dem 2. Rang, die einen Klangkosmos von faszinierender Vielfarbigkeit einleiten. Vladimir Jurowski fächert Henzes in der Tradition der Spätromantik und Neuen Wiener Schule stehende Musik mit dem Orchester der Komischen Oper Berlin mit souveräner Führung und Übersicht auf. Er lässt in der Begegnung von Dionysos und Pentheus schwelgerisches, sinnliches Melos aufblühen, formt die Mahler nahen Passagen und melodischen Inseln klangvoll aus und gibt den erschütternden Szenen des Familiendramas um König Pentheus und dessen Mutter Agave eine packende tragische Dimension.

Das Libretto in englischer Sprache von Wystan Hugh Auden und Chester Kallman basiert auf Euripides’ Tragödie Die Bakchen. Ein Unbekannter kommt mit seinem großen Gefolge, den Bassariden,  nach Theben, wo König Pentheus als Vertreter der Vernunft regiert und den neuen Kult um Dionysos verbieten will. Der Fremde entpuppt sich als der Gott selbst, dem Pentheus schließlich verfällt und sich auf dessen Anraten als Frau verkleidet, um unerkannt am Fest teilnehmen zu können. Von seiner verwirrten Mutter wird er in einem Akt von  tranceartigem Rausch zerfleischt.

Zu Beginn preist das Volk von Theben den neuen Machthaber Pentheus mit einstudierten uniformen Beifallsgesten. Die Chorsolisten des Hauses und der Vokalconsort Berlin (Einstudierung: David Cavelius) setzen diese Vorgabe perfekt um, wie sie auch später das gestische Vokabular in absolut synchroner Weise ausführen. Sie wiegen sich wie Wellen, breiten Arme und Hände wie auf Knopfdruck aus, stellen die verführte Masse in ihrer Ekstase mit bedingungslosem körperlichem Einsatz dar. Gleichermaßen überwältigend ist ihr Gesang, der oft aus dem Off ertönt, träumerisch und entrückt klingt, sich aber auch zu hymnischer Klangpracht aufschwingt.

Im Ensemble gibt es keinen Schwachpunkt und es ist kaum möglich, einzelne Sänger herauszuheben. Überwältigend ist Günter Papendell als Pentheus. Das geschätzte Ensemblemitglied fügt damit seiner langen Rollenliste eine weitere Glanzleistung hinzu. Sogleich beim wirkungsvollen Auftritt, wenn er im schwarzen Anzug von oben die steile Treppe herab schreitet, lässt er den potenten Bariton von autoritärer Kraft ertönen. Eindringlich sein Schwur, allen Gelüsten des Lebens zu entsagen, aggressiv sein Verbot an das Volk, solchen zu huldigen. Sodann macht er die zunehmende Verwirrung des Herrschers deutlich, der schließlich in einem weißen Ensemble und Pumps wie seine Mutter Agave erscheint und sich schwarz verschleiert auf den Berg Cytheron begibt, um sich ein Bild vom ekstatischen Treiben der Menge zu machen. Sein letztes Solo, „Ich sah ihre Augen“, ist in den blühenden schmerzlichen Lyrismen wie der tragischen Aussage von überwältigender Wirkung. Dann erscheint seine Mutter Agave mit aufgelöstem Haar in von Blut verschmiertem Kleid mit einer Plastiktüte in der Hand, welche die körperlichen Reste  ihres getöteten Sohnes enthält. Tanja Ariane Baumgartner, zu Beginn in einer Robe aus weißer Seide und hoch aufgetürmter Frisur ganz mondäne Dame, formt diese Szene gesanglich wie darstellerisch mit erschütternder Eindringlichkeit. Ihr Mezzo ist expressiv und durchschlagend, kann sich aber auch kantabel verströmen. Der Aufschrei Agaves beim Erkennen ihrer Tat ist einer der großen Momente der Aufführung, nicht weniger ergreifend ihr letzter Monolog, wenn sie die Tüte im Arm wiegt wie ein Kind. Ein Glücksfall auch die Besetzung des Dionysos mit dem Tenor Sean Panikkar, der mit geheimnisvoller Aura fasziniert und strahlenden Tönen verzaubert. Dass Pentheus ihm nicht widerstehen kann, wirkt ungemein glaubhaft, so wie der fast gewaltsame Kuss, den der Gott ihm raubt.

Mit pathologischer Deformierung und jammerndem Charaktertenor zeichnet Ivan Tursic den blinden Seher Tiresias im weiß/grauen Mantel-Kleid. Vera-Lotte Boecker als exaltierte Autonoe, Schwester der Agave, in eleganter Gewandung setzt deren exponierte Noten sicher. Weitere starke Rollenporträts steuern Margarita Nekrasova mit dunkel glühendem Alt von enormer Fülle als Pentheus’ Amme Beroe, Jens Larsen mit grimmigem, reifem Bass als Cadmus in gebeugter Haltung mit langem Zottelhaar und Tom Erik Lie als devoter uniformierter Hauptmann der Wache mit präsentem Bariton bei.

Wie zumeist in Inszenierungen von Kosky ist auch Choreograph Otto Pichler mit seinem Tanzensemble vertreten. Dessen Mitglieder in hellen, phantasievoll gemusterten Anzügen agieren vielfach auf der Orchesterumrandung und wie stets in stupender Perfektion. Ihnen ist das groteske Intermezzo „Das Urteil der Kaliope“ anvertraut, wo sie als Bäuerinnen mit Röcken, Schürzen und Kopftüchern verkleidet sind. Gezeigt wird der Streit zwischen Venus und Proserpina um Adonis, als der Lie seinen Travestie-Auftritten ein weiteres Kabinettstück hinzufügt.

Am Ende befiehlt Dionysos dem Hauptmann, den Palast niederzubrennen, ruft Persephone an, seine Mutter Semele aus dem Hades zu entlassen, und lässt die Stimme noch einmal in hymnischer Verklärung ertönen. Das letzte Wort hat der wunderbare Chor und dann folgen Jubelstürme des Premierenpublikums (13. 10. 2019/ Foto Hans Werner Henze/ Wikipedia/Bundesarchiv_B_145_Bild-F00827 0008-700,Schloss_Brühl,_Meisterkurse_Musik.jpg7.6.1960Köln; Schloss Brühl; Eröffnung der Internationalen Meisterkurse der Staatl. Hochschule für Musik
Hans Werner Henze, Komponist). Bernd Hoppe