Luxuriöse Ko-Produktion

 

(…)  Bereits bei Betreten des Zuschauerraums blickt ein überlebensgroßes Porträt Anne Boleyns von einem Zwischenvorhang den Besucher an. Stefano Mazzonis di Pralafera, künstlerischer Direktor der Opéra Royal de Wallonie in Liège, blieb für diese Koproduktion von Donizettis Anna Bolena mit den Opernhäusern in Muscat (Oman), Bilbao und Lausanne (dort bereits im Februar 2019  gezeigt) bei dem vom Sujet vorgegebenen Ambiente der Tudorzeit und erzählt folgerichtig den Plot auch an Hand aller handlungsrelevanten Schauplätze, die ihm Gary Mc Cann auf die Bühne gebaut hat:  stilechte holzgetäfelte Innenräume von Schloss Windsor mit Schlosspark, königliche Gemächer, Kerker des Londoner Tower. In einer Anmerkung zu seiner Inszenierung im Programmheft begründet er dies explizit: „Ich möchte die Absichten des Komponisten und seines Librettisten respektieren und wollte deshalb die Atmosphäre und den historischen Kontext der letzten Tage im tragischen Schicksal Anne Boleyns nicht aus den Augen verlieren.“ So waren nicht nur die Protagonisten in überaus prachtvolle, zu ihrem historischen Umfeld passende Gewänder gehüllt; auch die knapp 40 Chormitglieder waren individuell und farblich abgestimmt gekleidet (Kostüme von Fernand Ruiz). Bis auf die Jagdszene im Schlosspark mit zwei lebendigen Jagdhunden und die Finalszene vor dem Schafott im Tower war die Bühne im Hintergrund trotz mehrarmiger Kerzenleuchter leicht abgedunkelt ( Lichtregie Franco Marri), sodass die hellere, vielleicht etwas einseitig ausgeleuchtete Vorderbühne zwangsläufig  zum Zentrum aller Aktionen wurde.

Donizettis Oper „Anna Bolena“ an der Opéra Royal de Wallonie Liège/ Szene/ Foto wie auch oben © Alan Humerose

Für diese Aufführungsserie der Anna Bolena, die seit knapp 40 Jahren nicht mehr in Lüttich zu sehen war, hatte der Hausherr ein klangvolles Donizetti-Ensemble zusammengestellt: So gab Olga Peretyatko, die bei einem Arienrecital vor drei Jahren in der ORW begeistert hatte, aber zuletzt harsche Kritiken wegen ihrer gesanglichen Leistung in der Wiener Lucia di Lammermoor einstecken musste, hier ihr Rollendebüt als Anna Bolena, und dies gelang überzeugend und beeindruckend: Sicher in Koloraturen und Vokallinien, auch belcantogemäß Varianten bei den Reprisen ihrer Arien einbauend, verzichtete sie nur erneut  auf manche „Acuti“, die man von einigen ihrer Rollenvorgängerinnen wie Beverly Sills, Nelly Miricioiu oder Edita Gruberova kennt und schätzt: so auch in  der genial komponierten mehrteiligen Schlussszene, einer Tour de Force, die die slowakische Primadonna einmal als ihr „Brünnhilden-Finale“ bezeichnete. Es ging mir schon zu Herzen, als Anna auf dem Weg zum Henker von ihrer drei Jahre alten Tochter Elisabeth (mit einer an die spätere „Virgin Queen“ gemahnenden roten Perücke) getröstet wurde. Spitzentöne in großer Zahl und mit Gusto (wenn auch  zum Teil mit hörbarem Druck produziert) servierte hingegen der an der ORW schon in anderen Donizetti-Opern reüssierende Celso Albelo als Jugendfreund und Ex-Geliebter Riccardo Percy, der neben einer erneut brillanten Darbietung von „Vivi tu“ (2.Akt) bei der zweiten Vorstellung aber auch verstärkt auf abgestufte Tongebung und leisere Töne setzte. Als Giovanna Seymour, Annas Hofdame, Freundin und Rivalin, zeichnete die Sopranistin Sofia Soloviy ein in jeder Hinsicht glanzvolles Charakterbild dieser späteren dritten Ehefrau Heinrichs VIII., so dass das Duett der beiden Konkurrentinnen im 2. Akt erwartungsgemäß zu einem Höhepunkt des Abends wurde. Den von Natur aus schlanken Darsteller Enricos hatte der Kostümbildner so ausstaffiert, dass er wie der von Holbeins Gemälde bekannte Monarch breitbeinig die Bühne beherrschte. Der zum ersten Mal in Lüttich gastierende Marko Mimica bestach bei dessen Darstellung durch eine wunderbar sitzende und mit variablen Stimmfarben ausgestattete Bassstimme, und man bedauerte, dass Donizetti ihm keine eigene Arie zugedacht hat. Die Gruppe der sechs in diesem königlichen Komplott Verwickelten  vervollständigten die junge Altistin Francesca Ascioti als Smeton mit ihren zwei bezaubernd gesungenen Kavatinen sowie Annas Bruder Rochefort, dem Luciano Montanaro in den Ensembles seine sonore Stimme lieh. Der junge Tenor Maxime Melnik als Heinrichs intriganter Spitzel Hervey ergänzte diese Sängerriege ausgezeichnet.

Der Chor der ORW in der Einstudierung durch Pierre Iodice beeindruckte vor allem mit der Homogenität der diese Oper dominierenden Frauenstimmen in deren „Solostücken“, und das hauseigene Orchester bewies einmal mehr seine herausragende Qualität, inspiriert und souverän mit der nötigen belcantesken Finesse und mitatmendem Gespür dirigiert von Giampaolo Bisanti.

„Alle sagen, dass sie sich nicht daran erinnern können, einen derart überwältigenden Triumph erlebt zu haben. Ich war so glücklich, dass mir nach Weinen zumute war.“ Das schrieb Donizetti seiner Frau nach der Uraufführung. Auch fast 200 Jahre danach entfachte dieses Meisterwerk lautstarke Begeisterung an beiden Abenden im „Königlichen Opernhaus von Lüttich. Walter Wiertz (Besuchte Vorstellungen: 9. April und 11. April 2019)