Lustfeindliche Inszenierung

 

Eigentlich wollten wir über so „normale“ Bühnenwerke wie die neue  Salome an der Berliner Staatsoper nicht berichten, haben wir uns bei operalounge.de doch dem Seltenen und Ungewöhnlichen verschrieben. Aber der gewisse Ausnahmecharakter der die Aufführung begleitenden Umstände macht für uns einen Bericht sinnvoll. G. H.

 

Dies solle definitiv seine letzte Inszenierung in Berlin sein, hatte Hans Neuenfels vor der Premiere von Strauss‘ Salome in der Berliner Staatsoper verkündet, und nach der Premiere am 4.3. 2018 kann man nur inständig hoffen, dass das keine leeren Versprechungen waren. Der selbsternannte Kämpfer gegen Lustfeindlichkeit, durch die christliche Kirche in die Welt gebracht und in Berlin natürlich ganz besonders präsent und damit zu bekämpfen, stellt in einem längeren Gespräch im Programmheft seine Sicht auf das Werk vor, in dem nun Jochanaan (bezeichnenderweise haust er nun in einem Riesenpenis) sich nur mit Mühe davon zurückhalten kann, sich auf Salome in gieriger Lust zu stürzen, während diese, mit dem sie stellenweise auch vertretenden Oscar Wilde persönlich auf innigste verbunden, schon deshalb bar aller Verführungskünste bleibt, weil sie streng wie eine Gouvernante frisiert und in einen schwarzen Hosenanzug gekleidet ist, den Tanz der Sieben Schleier mehr oder weniger züchtig als Paar-Gesellschaftstanz mit Wilde (in Lederriemen, mit Totenkopfmaske und Blume zwischen den Zähnen) absolviert, zwar genüsslich an einigen der 42 Köpfe des Jochanaan knabbert, aber auch durch Zerdeppern von einigen derselben zu erkennen gibt, dass es sich nicht um Fleisch und Knochen, sondern lediglich um Keramik handelt. Wie viele davon die Staatsoper in den künstlerischen Werkstätten bestellt hat, weiß man nicht, das wird vom Erfolg oder Misserfolg der Produktion abhängen. So wie sie sich in der letzten Szene präsentieren, lassen sie eher an eine Hinterlassenschaft von IS-Kämpfern denken als an Strauss‘ Oper, die für Neuenfels offensichtlich weit mehr ein Werk von Oscar Wilde als eines des deutschen Komponisten ist, den er im Programmheft als Spießer und Antisemiten bezeichnet. Und warum sowohl Salome als auch kürzlich Isolde an gleicher Stelle ein Faible für Hosenanzüge haben, ist des Nachdenkens wert.

„Wilde is coming“ verkündet  eine rote Leuchtschrift als ziemlich einziger Farbkontrast im in grauen Schattierungen gehaltenen Bühnenbild samt wechselnden Stühlen von Reinhard von der Thannen.  Dieser ist die inzwischen ins Erwachsenenalter gelangte Ausgabe der Jüngelchen, die Neuenfels so gern zusätzlich zum vom Libretto vorgesehenen Personal in seine Inszenierungen einbaut, die den Duca zur Cabaletta staubaufwirbelnd umtanzten oder Nabucco unter dem Tisch kauernd entmannten. Dem Schauspieler Christian Natter hängt aus der Hose etwas Weißliches heraus, das zumindest vom Rang her nicht eindeutig zu definieren ist. Kein Zweifel jedoch besteht daran, dass er zeitweise Salome vertritt, ohne dass jemand der auf der Bühne Anwesenden dies bemerkt.

Sicherlich schaden die uncharmante Optik, zu der die Regie Salome verdammt hat, das Fehlen eines mehr oder weniger erotischen Tanzes der sieben Schleier der Sängerin der Titelpartie. Aber wenn Ausrine Stundyte, gerade an der KOB in Schrekers Die Gezeichneten erfolgreich, gnadenlos ausgebuht wurde, so lag das an der hier viel zu kleinen Stimme, die in der Höhe nicht aufblühte, sondern schrill wurde, die wenig Mittellage hatte und die nichts von dem sinnlich flirrenden Klang, den man sich von einer Strauss-Stimme wünscht, aufweisen konnte. Umjubelt wurde hingegen Gerhard Siegel als Herodes, kein Altherrensänger in seiner letzten Partie, sondern ein kraftvoll mit schneidendem Charaktertenor auftrumpfender, über unerschöpfliche Reserven verfügender Singschauspieler, der es verdiente, dass er den meisten Beifall entgegen nehmen konnte. Eine hoch elegante Herodias war Marina Prudenskaya, auch sie im Zenit ihres sängerischen Vermögens stehend, mit warmem, forderndem Mezzosopran die Tochter in jeder Hinsicht weit in den Schatten stellend. Kraftvoll und rollengerecht mit Stentorstimme sich Respekt verschaffend, war Thomas J. Mayer ein angemessener Jochanaan. Nikolai Schukoff sang, bereits Heldisches anklingend lassend, einen leidenschaftlichen Narraboth. Anika Schlicht war mit warmem Mezzo der besorgte Page. Die als Comedian Harmonists mit zu langen Frackschößen auftretenden Juden gaben vielen Studiomitgliedern die Möglichkeit, sich auf der Bühne zu behaupten, als Erster Nazarener konnte Adam Katny besonders gefallen.

Obwohl nicht anwesend, verdient Christoph von Dohnányi eine besondere Erwähnung. Er war für den schwer erkrankten Zubin Mehta eingesprungen, hatte dann aber, weil er mit der Regie von Hans Neuenfels nicht einverstanden war, bereits die Generalprobe nicht mehr dirigiert. Damit erfüllte er eine Pflicht, zu der sich eigentlich alle Dirigenten, einst die mächtigsten Personen an einem Opernhaus, bekennen sollten: Werk und Sänger (und auch das Publikum) vor Unzumutbarkeiten zu schützen, die der wie auch immer gearteten Phantasie von Regisseuren entspringen, ohne in Libretto oder Musik verwurzelt zu sein. Der erst 24jährige Thomas Guggeis, Assistent von Daniel Barenboim und bald  in Stuttgart Kapellmeister an der dortigen Staatsoper (nicht Konzertmeister, wie Intendant Jürgen Flimm ansagte), war erst für die letzte Vorstellung vorgesehen gewesen, übernahm aber nun sämtliche Aufführungen.  Er machte seine Sache sehr gut, ließ all das hören, was auf der Bühne nicht zu sehen war, und bewies auch bereits eine große Geschicklichkeit im Kaschieren sängerischer Unzulänglichkeiten.  (Foto oben: Monika Rittershaus/ 4.3.2018). Ingrid Wanja