Librettonah

 

Boris Godunov (gesehen am 15.11. 2018) spielt am Grand Théâtre von Genf in der Ausstattung  unserer Gegenwart; davon abgesehen inszeniert Matthias Hartmann librettonah und offensichtlich auch in guter Kenntnis von Traditionen der Rezeptions- sprich Inszenierungsgeschichte. Da gibt es Szenen und Momente, die ich besonders gelungen und/oder dicht finde, und welche, die ich meine, auch schon stärker gesehen zu haben – also eine saubere, werkdienliche Inszenierung, die ihre Akzente setzt und bei der man sich intelligent mit Handlung, Figuren und Musik beschäftigen kann. Einzig der Schluss störte mich: Die Frauen, die verächtlich Blumen und Erde auf den toten Boris streuen, sind per se ein starkes Bild – aber es ist m.E. einfach zu viel Bewegung und Geräusch für die verinnerlichten, leisen letzten Minuten Musik, das übliche Atemanhalten und die Gänsehaut haben sich bei mir nicht richtig eingestellt, und schon davor beeinträchtigt es Petrenkos gestalterische Möglichkeiten in der Todesszene. Sehr schade, aber ansonsten hatte ich viel Freude an der sorgfältigen Personenführung. Das Bühnenbild von Volker Hintermeier wird geprägt von sechs oder sieben fahrbaren Gerüsten mit je drei Ebenen, die dank gespannter Segel auf einer Breitseite auch als transparente oder nicht transparente Wände genutzt werden können und auch sonst ganz unterschiedliche Räume ermöglichen. Treppen, Möbel und kleinere Elemente kommen dazu, was schnelle Umbauten ermöglicht. Die Kostüme von Malte Lübben sind ebenfalls eher heutig, aber mit pfiffigen Verweisen auf Godunovs Epoche wie den mit andersfarbigem Stoff gefütterten Schlitzen in Šujskijs Hosen u.ä., und der Krönungsornat des Zaren entspricht natürlich den historischen Vorbildern.

„Boris Godunow“ am Grand Théâtre de Genève/ Szene/ Foto wie auch oben  © Carole Parodi

Michail Petrenko und die Inszenierung passen ideal zueinander – er ist in den privaten Momenten ein heutiger, glaubwürdiger und vielschichtiger Charakter, in den offiziellen strahlt er weit eher die Autorität eines Monarchen als eines Präsidenten aus und weiß sich mit nicht großen, aber wirksamen Gesten Geltung zu verschaffen. Den zunehmenden Wahnsinn spielt er intensiv und nie überzogen; auch hysterische Heiterkeit gehört zu den Nuancen, die er dabei raffiniert einsetzen kann. Die jähen Stimmungsumschwünge z.B. in der Szene mit Schujskij (Ironie, Wut, Bedrohlichkeit, Schrecken…) sind packend und natürlich gespielt. Mit seinem breit geführten, sonoren Bass kann er ebenso fein gestalten (auch dank der vorbildlichen Diktion) und färben. Obgleich er auch erfolgreich Partien wie Orest singt, ist er doch gewiss ein echter Bass mit starker Tiefe, was besonders in der Sterbeszene klar wird, wo man ihn im Unterschied zu vielen Rollenvertretern in der tiefen Lage über dem einsetzenden Sterbegeläut (Zvon! Pogrebal’nyj zvon!) bestens hört. In der zweiten großen Basspartie erwartete mich eine große Überraschung: Vitalij Kowaljow hatte mich persönlich bisher weder sängerisch noch darstellerisch je gepackt. Aber nun musste ich mich im Programmheft versichern, dass ich den selben Sänger vor mir hatte. Da strömte eine weitere großvolumige Bassstimme magistral, von angemessen kontrastierendem Charakter zu Petrenko – kompakter, etwas nasaler, aber dennoch mit Körperresonanz und Glanz und mit der gelassenen Alterswürde im Ausdruck, die man mit Pimen verbindet (und gewiss noch nicht mit dem Alter des Sängers), und die er mit den Bewegungen eines bejahrten, aber keineswegs tatterigen Hünen auch szenisch vermitteln kann. Und auch bei ihm versteht man jedes Wort. Die dritte große Bassrolle, Varlaam, war mit Alexej Tichomirov, den ich schon als profilierten Interpreten von Boris (Marseille 2017) und Pimen (Liège 2010) erlebt habe, absolut luxuriös besetzt. Zu meinem Vergnügen lernte ich nun auch sein komisches Talent kennen, mit dem er einen lebhaften, nicht chargierenden Bettelmönch auf die Bühne brachte. Neben ihm holt Andrej Zorin (schon von der Größe her ein schriller Kontrast) in wirklich schauerlich verbeulter Maske alles aus Varlaams Kumpan Misail heraus (und ist auch sängerisch präsent). Im 6. Bild gehören die beiden dann, offenbar zu neuen Würden gelangt und gesäubert, zu Boris‘ Gefolge. Überhaupt ist hier zu unserer Freude eine Besetzung ohne Schwachpunkt aufgeboten. Andreas Conrad ist ein prächtig aalglatter Schujskij (auch wenn ihm im letzten Bild etwas weniger Möglichkeiten geboten werden), den er zwar mit deutlichem Akzent, aber dafür wirklich singt, mit sattem Klang und gut verständlich. Natürlich eignet sich die Rolle für prägnante Sprechgesangstudien, aber so geht’s eben mit einem Bühnentier auch. Zudem sieht er zumindest in dem Kostüm Chrennikov verblüffend ähnlich, was natürlich für Musorgskij anachronistisch ist, aber dennoch passt – ein geschickter Taktierer (um es vornehm auszudrücken) in der Maske eines Anderen. Sergej Chomov singt einen höhensicheren, in allen Lagen gut fokussierten falschen Dmitrij und spielt ihn mehr ehrgeizig als sympathisch z.B. in der Traumerzählung sehr intensiv – manchmal trägt er mit Augenrollen und Ähnlichem etwas dick auf, aber ich saß weit vorn, vielleicht war’s für die Mehrheit des Saales auch gut dosiert. Mit leuchtendem Timbre und geschmeidiger Linie lässt Boris Stepanov aufhorchen und ist ein glaubwürdiger Gottesnarr. Dass ausgerechnet die Szene zwischen ihm und Boris schwächer als anderes wirkte, die Reaktionen v.a. des Zaren und seines Hofstaates ruhig hätten präziser und markanter sein dürfen, lag gewiss nicht an ihm. Schtschelkalow, der Schreiber der Duma, hat in der Regel szenisch wenig Entfaltungsmöglichkeiten, aber wenn v.a. seine Ansprache im ersten Bild mit einem solchen Prachtbariton wie dem von Roman Burdenko gesungen wird, bleibt er dennoch im Gedächtnis. Oleg Budaratskiy gefällt in den beiden Polizeioffizierrollen, und man glaubt gern, dass er als Zweitbesetzung auch Varlaam schon meistert. Boris‘ Kinder sind Melody Louledjian als Ksenija, die ihr Klagelied ohne Larmoyanz singt, und Marina Viotti als Fjodor, die sowohl mit der Sprache als auch mit der Darstellung eines pubertierenden Jungen gut zurecht kommt. In den restlichen kleineren Rollen glänzen idiomatisch Mitglieder des hauseigenen Chors: Mariana Vassileva-Chaveeva als geschäftige Wirtin (auch wenn ihre Wirtshausszene am Anfang etwas rüde gekürzt wurde), Victoria Martynenko als gediegene Amme, Rémi Garin als Leibbojar und besonders Harry Draganov als sonorer Mitjuch. Er fungiert als eine Art freiwilliger Funktionär, der zwischen der barschen Polizei und dem „Volk“ vermittelt – die Chormassen sind klug mit solchen einzelnen Figuren wie Wahlhelferinnen, Presseleuten etc. durchsetzt. Kein Wunder, dass da auch der von Alan Woodbridge einstudierte Chor als ganzer hoch zu loben ist – auch die Profondisten für die geistlichen Gesänge fehlen nicht.

Vom einleitenden pastoralen Englischhorn an treffen Paolo Arrivabeni und das Orchestre de la Suisse Romande stets den richtigen Ton und strafen das Vorurteil, Musorgskijs Orchestration sei farbarm, aufs Schönste Lügen. Samuel Zinsli