Letzte Weihnachtseinkäufe

 

Welcher Mann würde am Tag vor Weihnachten loslaufen, um seiner Geliebten Schuhe zu besorgen? Und dann noch ganz besondere, nämlich die der Zarin. Wakula scheut keinen Aufwand, versichert sich der Mithilfe des Teufels, fliegt mit diesem an den Hof der Zarin und erhält dann ohne große Diskussion deren Stiefelchen. Sie wird vermutlich noch ein zweites Paar haben. Pünktlich am Heiligabend trifft er mit den letzten Weihnachtseinkäufen wieder in seinem Dorf in der Ukraine ein, darf Oxana, die inzwischen erkannt hat, dass sie eigentlich gar nichts mag außer ihrem Wakula, die Schuhe überstreifen und sie heiraten. Eigentlich eine russische Weihnachtsoper par excellence mit Hexe und Teufel, singenden Wassernixen, Schneesturm, Feststimmung bei Hofe, deftig und prall, mit trinkfesten und geilen Männern, einer verträumten Dorfschönen und ihrem Liebsten, singenden und vor allem auch tanzenden ukrainischen Dörflern à la Jahrmarkt von Sorotschinzi – und trotzdem keine Konkurrenz für Hänsel und Gretel. Das kleine Theater für Niedersachsen Hildesheim setzt der vorweihnachtlichen Humperdinck-Dominanz Tschaikowskys „Opernerstling“ entgegen. Sowohl Der Wojewode als auch Undine fielen der Selbstkritik des Komponisten zum Opfer, für den Opritschnik verweigerte er die Drucklegung. Der gut gemeinte Hildesheimer Versuch empfiehlt jetzt (11. Dezember 2018) die seit Jahrzehnten nicht auf einer deutschen Bühne gezeigte Oper auch für erste Bühnen.

Die hübsche Geschichte „Die Nacht vor Weihnachten“ stammt aus Nikolai Gogols Sammlung ukrainischer Erzählungen „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“. Das Libretto schrieb der Romantiker Jakow Polonsky im Auftrag der Großfürstin Elena Pawlowna, die eine begeisterte Gogol-Anhängerin war und nach dessen Tod eine Ausgabe seiner Gesammelten Werke initiierte, für den Kritiker und Komponisten Alexander Serow. Nach Serows Tod wurde der Text von Peter I. Tschaikowsky für einen von der Großfürstin ausgeschriebenen Wettbewerb, bei dem er als Sieger hervorging, vertont: Wakula, der Schmied war 1876 am St Petersburger Marientheater ein mäßiger Erfolg, woran auch die Umarbeitung in den Pantöffelchen, bei deren Erstaufführung 1887 am Bolschoi-Theater Tschaikowsky notgedrungen sein Debüt als Dirigent gab, nichts wesentlich änderte. Tschaikowskys einzige komische Oper blieb ein Aschenputtel des Opernrepertoires und hat gegenüber Rimsky-Korsakows Weihnachtsnacht das Nachsehen; bei dem erwähnten Wettbewerb hatte sich Tschaikowsky übrigens vergewissert, das Rimsky-Korsakow nicht unter den Teilnehmern sei. Schier überquellend ist die Handlung, voll von russischen Märchenmotiven und Folklore. Sie weist vom Kleinen ins Große, vom Phantastischen und Märchenhaften ins reale Leben, zeigt russisches Welttheater, in dem der Teufel und die Hexe durchaus versöhnliche Figuren und keine schwarzen Kinderfresser, sondern liebestolle Alte sind, und ist verschachtelt wie eine russische Matrjoschka.

An eine solche erinnern in Hildesheim die weißen Häuschen, die der Teufel zu Beginn in die Schneelandschaft und auf die Anhöhe setzt. Der Teufel im weißen Après-Ski-Anzug und Zuckerwattefrisur ist der Spieltreiber, der Puck, in diesem Liebeshandel. Selbst nicht unbeteiligt, macht er, nicht ohne Hoffnung, der Hexe Solocha den Hof. Peter Kubik ist als Teufel so wendig und sportiv, als sei das ganze Dorf nur ein Aerobic-Studio, fegt durch die Lüfte, schaukelt in den Himmel, verdeckt den Mond und muss zu guter Letzt Solochas Sohn Wakula beistehen, damit dieser sein Weihnachtsgeschenk bekommt. Eigentlich hatte er wegen Wakula den Mond gestohlen, damit Oxanas Vater Tschub nicht in die Kneipe findet und Wakula deshalb nicht zu seiner geliebten Oxana kann. Doch das wird jetzt zu kompliziert….

Kubik singt mit einem nicht sehr klangschönen, begrenzten Bassbariton, wo ein richtiger vollmundiger Bass besser geklungen hätte, doch er kompensiert das mit seiner Spiellust, und ist im teuflisch rasanten Parlando und seinem Lied im zweiten Akt voll prägnanter Komik. Toll, wie chevaleresk und eifersüchtig er im tête-à-tête mit Solocha auftritt, das ständig von Nebenbuhlern unterbrochen wird, da die Hexe die Männer des Dorfes magisch anzieht. Nacheinander erscheinen der Bürgermeister, der Schulmeister und schließlich Tschub, die sich mit Liedchen vorstellen und nacheinander in Säcken versteckt werden, die Sohn Wakula rechtzeitig zum Fest entsorgt. Neele Kramer ist die jugendlich fesche Hexte mit hellem Mezzosopran, der in der Tiefe ein wenig ordinär klingt. Das Quintett mit ihnen Verehren ist eines der Kabinettstücke in Tschaikowskys Partitur, die vor allem in den Szenen des Teufels und der Hexe einen komisch, leicht beweglichen Konversationston pflegt; „typisch“ Tschaikowsky sind die ins 18. Jahrhundert weisenden Musiken am Hof mit geziertem Menuett und Polonaise und die großen Arien für das Liebespaar, deren Ton fast schon Pique Dame vorwegnehmen, und die in die Handlung greifenden Volksszenen, die in Hildesheim etwas sparsam ausfielen.

GMD Florian Ziemen konnte mit Chor und Orchester des Hildesheimer Theaters sehr eindringlich vermitteln, weshalb Tschaikowsky derart an seiner Oper hing, er verband lyrische Naturschilderungen mit tänzerischen Elementen und steigerte den gelegentlich auch etwas verzettelten Bilderbogen bis zu hymnischen Chorfinale (11. Dezember). Tschaikowsky erkannte Stärken und Schwächend es Werkes, „Hätte ich nur meine Inspiration in Schach gehalten! Die ganze Oper leidet an einer Überfülle an Einzelheiten und unter ermüdenden Verwendungen von chromatischen Harmonien“. Und nach der Überarbeitung, „„An das Schicksal der „Tscherewitschki“ als einer Repertoireoper glaube ich unbedingt und halte sie ihrer Musik nach fast für die beste meiner Opern“.  Das schrieb er auchn an Bruder Modest am 10. Februar 1887: „Ich glaube, dass Die „Pantöffelchen“, ebenso wie „Onegin“, nicht laut empfangen werden, sondern man wird nach und nach auch diese Oper lieben lernen. Die Liebe, die ich selbst für sie empfinde, lässt es mir sicher erscheinen, dass das Publikum sie eines Tages auch gern haben wird.“ Gespielt wurde in Hildesheim laut Programmheft eine anonyme deutsche Übersetzung von ca. 1898, die deutlich Patina angelegt hat, aber in ihrer betulich neckischen Art den märchenhaften Duktus trifft.

Tschaikowskys Oper „Die Pantöffelchen“ am TFN Hildesheim/ Szene/ Foto wie auch oben Falk von Traubenberg

Erst Ende des zweiten Akts stellt Oxana die entscheidende Aufgabe und schickt Wakula los, die Pantöffelchen zu besorgen. Es handelt sich natürlich nicht um simple Hausschuhe, sondern um Stiefelchen. Aus ihnen macht Anna Katharina Bernreitner, die den Vierakter szenisch aufputzte, goldene Turnschuhe mit leuchtenden Sohlen. Die Anbiederung mag ebenso wenig stören wie die Zigaretten, die Solocha raucht, die „open“-Leuchtschrift an ihrer Miniaturschenke, die Wärmestrahler mit Palmen am Zarenhof, der gesamte Hofstaat in weißer Unterwäsche oder die in Gestalt der Zarin durch das Fest schwebende Oxana sowie die gebremste Begeisterung für die phantastischen, geradezu chagallhaften Elemente, da Bernreitner auf schlichte Märchenhaftigkeit setzte und das Publikum nicht durch Motive aus dem heidnisch-christlichen Russland überforderte. Großen Anteil haben daran die sinnfällige Märchenhandlungen in den aufgeklappten Häuschen und der Schnee, den Hannah Rosa Oellinger und Manfred Rainer – zuständig für Bühne und die wattierten Kostüme – leise und poetisch rieselnd ließen, wobei ihnen im zweiten Teil in den phantastisch-höfischen Szenen bei den Nixen und am Petersburger Hof die Ideen ausgingen. Katja Bördner war eine selbstbewusste Oxana, der ihre Eitelkeit zum Verhängnis zu werden droht. Mit hartem, fast slawisch scharf wirkendem Sopran, der in der Vollhöhe an Sicherheit verlor, aber über einen ausschwingend glamourösen Glockenklang verfügt, bot sie eine überzeugende, wenn auch nicht warmherzige Oxana. Die Partie des Wakula ist für einen jungen Heldentenor bestimmt, einen frühen Hermann, der seine Leidenschaft draufgängerisch und stählern in vokale Linien hämmert. Wolfgang Schwaninger ist weder der junge noch der draufgängerische Held und bildet mit Börder ein reifes, wissendes Paar, er sang den liebenden Schied mit grummeliger Tiefe, strapaziert engem Ton, aber energisch und kraftvoll gestemmter hoher Mittellage. Uwe Tobias Hieronimi (Tschub), Levente György (Pan Golowa, er sang auch Durchlaucht und dessen pompöses Couplet) und Julian Rohde (Schulmeister) boten stimmlich und darstellerisch ausgezeichnete Gogol-Typen, Jesper Mikkelsen war der soigniert energische Zeremonienmeister.    Rolf Fath