Lebende Bilder

 

Eine Einstimmung auf die Klangwelten des Komponisten Beat Furrer gab es während der Barocktage der Staatsoper im November des vergangenen Jahres, als das Vokalensemble Voces Suaves aus Basel im Pierre Boulez Saal Auszüge aus Monteverdis Madrigalbüchern interpretierte. In der Programmfolge fand sich mit „A sei voci“ auch ein Werk des 1954 geborenen Furrer, der darin sphärische Klänge zaubert und die menschliche Stimme flüstern, stammeln, kichern und aufschreien lässt.

Nun bringt die Staatsoper Unter den Linden mit Violetter Schnee das neueste Werk des Komponisten als Auftragswerk zur Uraufführung. Nach einer Vorlage von Wladimir Sorokin, die Händl Klaus zum Libretto formte, handelt es von fünf Menschen, die in einem Schneetreiben eingeschlossen sind und in einem unterirdischen Raum auf das Ende des Schneesturmes und die Wiederkehr die Sonne warten. Diese erscheint als ein gänzlich fremder, unwirklicher Himmelskörper und lässt den Schnee violett aufscheinen. Die fünf Bewohner befürchten eine Katastrophe und verstummen.

Beat Furrers Oper „Violetter Schnee“ in der Uraufführung an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Zu Beginn erscheint Tanja, eine rätselhafte Frau wie aus einer anderen Welt, und erzählt eine von Pieter Bruegels Gemälde „Die Heimkehr der Jäger“ inspirierte Geschichte. (Das Bild schmückt die Jahresbroschüre der Lindenoper.) Martina Gedeck wirkt in der Sprechrolle trotz starker Präsenz in ihrer Erzählweise distanziert und entrückt. Ihr Redefluss ist stockend, abgehackt und nicht immer verständlich, zumal er von einer Klangfolie des Orchesters untermalt wird, die auch noch anschwillt. Sie sitzt im weißen Kleid (Kostüme: Ursula Kudrna) auf einer Bank in einem Ausstellungssaal des Kunsthistorischen Museums Wien vor dem berühmten Gemälde (Bühne: Étienne Pluss), wird dann aber in die Handlung integriert. Schon der eingefasste schwarze Vorhang mit einem Quadrat aus leuchtenden Neonstäben, das wie ein Bilderrahmen wirkt, lässt an ein Museums oder eine Galerie denken. Und Arian Andiels Video-Einblendungen, die immer wieder Bruegels Gemälde überdecken und verändern, erinnern in ihrer grauen, verschwommenen Struktur an die verwischten Bilder von Gerhard Richter. Auch Regisseur Claus Guth bezieht permanent das Werk des niederländischen Malers ein und lässt Figuren daraus in slow motion durch das Geschehen ziehen. Seine Inszenierung ist geprägt von tableaux vivants, darf als ein Meisterwerk im Einfangen atmosphärischer Stimmungen gelten. Großen Anteil daran hat Olaf Freeses Lichtgestaltung. Seine Räume sind graue, neblig-diffuse Schnee-Landschaften von trostloser Öde, trübe beleuchtet von Straßenlaternen aus Neonröhren. Zunehmend nehmen sie eine bedrohliche, apokalyptische Weltuntergangsatmosphäre an. Für die finale Katastrophe steht eine gespenstische schwarze Sonne. Am Ende ist sie weiß und beleuchtet unter schmerzend bohrender Musik einen Raum, in dem alles Leben abgestorben ist. Man begreift die Botschaft des Stückes, unsere Welt vor dem drohenden Untergang zu retten, bewundert die hohe Kunstfertigkeit von Inszenierung und Ausstattung – ergriffen ist man freilich nicht und bleibt in seltsamer Distanz zum Geschehen. In seiner sprachlichen Verschachtelung und der konstruiert wirkenden Musik ist das Werk intellektuell zu überfrachtet, als dass es den Zuschauer emotional erreichen könnte.

Die Oper beginnt mit nervös auffahrenden Klängen, die sich zu aggressiven, dissonanten Clustern steigern, was an Alban Berg erinnert. Im Kontrast dazu stehen sphärische, wie aus einer fremden Welt kommende Töne. Die Stimmen der Sänger lässt Furrer summen, zischen, surren, brummen, lallen, flüstern und schreien. Mit Matthias Pintscher am Pult der groß besetzten Staatskapelle Berlin hat er einen kompetenten Anwalt für zeitgenössische Musik als Partner. Mit bewundernswerter Sorgfalt hat er die Komposition einstudiert hat und gibt sie mit der denkbar größten Genauigkeit wieder. Auch das Sängerensemble ist von Rang. Elsa Dreisig als Natascha und Anna Prohaska als Silvia sind phänomenal in der Bewältigung der exponierten Tessitura ihrer Partien. Letztere hat gegen Ende eine starke Szene, in der sie stammelt und stockend Unverständliches von sich gibt. Mit einer Flasche verletzt sie sich und bricht zusammen, wie auch zunehmend andere Personen Symptome von Erschöpfung und Tod zeigen und niedersinken. Mit großer Textverständlichkeit und sonorem Klang singen die Baritone Gyula Orendt als Jan, Georg Nigl als Peter und Otto Katzameier als Jacques. Trotz der  kompliziert notierten Rollen gelingt es ihnen sogar, die Schönheit ihrer Stimmen durch das musikalische Geflecht aufscheinen zu lassen. Das Vocalconsort Berlin, gleichfalls erfahren in  der Interpretation zeitgenössischer Musik, absolviert die Chor-Passagen souverän. Das Premierenpublikum am 13. 1. 2019 honorierte die Leistungen aller Mitwirkenden mit anhaltendem Beifall. Bernd Hoppe