Langeweile im Escorial

 

Endlich der originale Don Carlos! Mit großer Vorfreude reiste der Verdi-Fan nach Paris, um  am 16. Oktober 2017  im ausverkauften Saal der Opéra Bastille wirklich so gut wie jede ihm bekannte Note des französischen Carlos von 1867 zu hören  (minus das Perlenballett La pellegrina, nicht einmal ein einziges mouvement) – eine Ruhmestat, die vorher London 1983 und wenige andere Häuser vollbracht hatten (so Metz 2003 und Turin 1998 im italienisch-französischen  Doppelpack unter Gustav Kuhn). Hamburg und Wien (die skandalumwitterte Premiere) folgten 204/ 2005, auch sie komplett (ohne Ballett). Der Brüsseler Carlos in der legendären  Luc-Bondy-Inszenierung mit Alagna hatte seine coupures (die die Londoner Übernahme aufmachte), hingegen war die alte Inszenierung in  der Salle Garnier 1986 absolut komplett (einschließlich des bezaubernden Duetts Elisabeth-Eboli vor deren großem Solo im vierten Akt).

Verdis “Don Carlos”/ Szene/ Opéra National de Paris, © Photo: Agathe Poupeney/OnP

Nun also Paris la deuxieme fois, in der problematischen, opportunistisch upgedateten Version von Krzysztof Warlikowski. Don Carlos als Retro-Konzept (langweilig, weil´s wieder mal nicht klappte). Ein Sepiaflimmerfilm überdeckte den Front-Schleier und deutet das Vergangene an. Carlos im smarten weißen V-Pulli, blutgetränkte Tennisbänder an der Handgelenken – aha, er hatte Selbstmord begangen oder versucht. Ein antikes Bett nebst weißem Wasch-Stand deuteten Privates an, aber das verschob sich gern, auch das vielbenutzte Lager. Fontainebleau fand nur musikalisch statt: Spießig-adrett gekleidete Menschen zur Audienz bei la Princesse (im weißen Brautkleid)  hinter einer Kordel gaben hungrige Holzfäller vor. Es wurden viel die Hintergründe verschoben. Eboli und ihre lesbisch wirkende Damen-Entourage übten sich im Fechten und setzten unentwegt ihre Helme auf und ab. Schelmische Identitätssuche? Chez Philippe seul räkelte sich Eboli nach getaner Arbeit (wieder?) bekleidet, aber doch Bein zeigend (ah, les pêches) im Sessel  und hörte des Königs Selbstzweifel-Arie zu. Der Großinquisitor mit Glatze und Straßenmantel wirkte nicht sonderlich blind aber derb. Das Autodafé (spätestens nun ohne Stummfilm-Flimmer) ging´s in Stadionsformation unereignisreich an. Langeweile auch im Gefängnis, wo Carlos im Hühnerkäfig (gut beleuchtet: Felice Ross) Rodrigue nicht einmal die Hand geben konnte (der Maschendraht..). Letzterer verblutete elegant gekrümmt auf dem Boden.  Carlos durch die Mitte ab, von Eboli durch Volksaufstand befreit, während Elisabeth nun ihrerseits sich in den Käfig begab (natürlich – ihr selbstgewählter und finaler). Der Schluss dann vorhersehbar – alle tot würde man sagen. Aber eben nicht so schnell – lange, lange Minuten trennten uns davon, denn Carlos erhebt sich – oh Wunder – aus seinem Rollstuhl (!), fällt dann doch tot hin, Elisabeth rutscht von der Couch (Bett aus Akt 1, you remember?) wahrscheinlich tot, der Großvater (den wir den ganzen Abend hindurch als bemalte Dauer-Büste zu sehen bekamen) dräut aus der Gasse. Sepiaschleier. Es will kein Ende nehmen…

Ich sah kein Konzept und empfand nur akute Langeweile. Mal abgesehen von der einschläfernden und viel zu bekannten Nowadays-Optik des polnischen Regisseurs und seiner dto. Bühnenbildnerin Malgorzata Szczesniak würde ich letzterer die Saure Zitrone des Geschmacks 2017 zuerkennen ob ihrer abscheulichen und unkleidsamen Kostüme für die Damen. Namentlich die Sopranistin, die – sicherlich ihrerseits mollig – nun wirklich unvorteilhaft füllig und grotesk  aussah. Wer zieht denn sowas freiwillig an? Die übrigen trugen die sattsam bekannten Gehröcke und Alltagskleidungen. Langweilig und im Vergleich zu Gleichem bei Luc Bondy vor 20 Jahren ebenfalls altmodisch-unattraktiv.

Verdis “Don Carlos”/ Szene/ Opéra National de Paris, © Photo: Agathe Poupeney/OnP

Was auf dem Papier gut aussah und sicher teuer war, wies in der Realität doch erhebliche Einschränkungen auf: die internationale Sänger-Besetzung. Es bedarf schon eines gewissen Hochmuts, für die Hauptpartien – bis auf eine – keine Franzosen in diesem sehr französischen Werk zu besetzen. Einzig Ludovic Tézier hielt die nationale Ehre hoch. Er sang gepflegt und sehr wortverständlich. Aber er blieb doch über weite Strecken: langweilig. Und als acteur unüberzeugend. Er ist nicht wirklich ein Verdi-Bariton. Dennoch – mir schien er der subtilste und der französischen Vorlage am nächsten Kommende zu sein. Jonas Kaufmann sang in fast gewohnter Qualität den Titelhelden, aber er ist ihm entwachsen, blieb auf weite Strecken halsig, setzt die zu oft gesäuselte Höhe als eigenes Register hörbar auf die zu dunkle Reststimme und klang fast baritonaler als sein Seelenfreund. Certainment: Er ist ein schicker Mann auf der Bühne, nun mit grauem Bart und schönen Haaren (keine Locken mehr) und macht viel her. Aber überzeugen tat er mich nicht. Otellos und andere verwehren ihm den nötigen hellen, feurigen Klang eines  jugendlichen Helden. Zumal er (regielich bedingt?) auch merkwürdig lethargisch wirkte. Ildar Abdrazakov gab als König eher einen Filippo Due und beeindruckte durch Volumen, enormes Engagement und jugendliches Aussehen (jünger als sein Bühnensohn), vielleicht im Ganzen die beste Leistung des Abends, hat aber die unrichtige, un-französische Stimme für die Partie. Das gilt vor allem auch für Elena Garanca, deren Eboli eine Schwester der Carmen war, die fabelhaft sang, aber doch eher veristisch blieb und in den Ausbrüchen – beifallumjubelt – das Fürchten lehrte. Aber was für eine schöne Frau! Bleibt noch die Bulgarin Sonya Yoncheva, bête celèbre der gegenwärtigen Gesangsszene, die sich mit der Elisabeth vertan hatte, die optisch plump und ungraziös wirkte (na, bei den Kleidern), die in der Höhe auch scharf wurde und kaum Text verstehen ließ, die in der Tiefe abbrustete und die im Ganzen für mich eine uncharmante, maulige Fehlbesetzung blieb. Ihr Landsmann Dmitry Belosselskiy orgelte eindrucksvoll den Großinquisitor und gruselte gebührend (aber warum immer so viele Russen?). Eve-Maud Hubeaux gab den Thibault als  Sekretärin im Hosenanzug unauffällig. Julien Dran fiel als Franzose mit markantem und angehmem Ton als Cômte de Lerme auf (und ich freute mich, mit ihm die wiederhergestellte Kreuzübergabe Ebolis zu hören). Die Stimme von Oben kam von Silga Tiruma wirklich celestial. Die übrigen kamen von weiter her. Ach ja. Das Ganze klang eben nicht authentisch. Dies war globales Musiktheater, und man verstand einfach nicht genug Text, wenngleich natürlich Kaufmann exzellentes Französisch singt und Tézier ohnehin. Aber zu viel blieb im großen Saal auf der Strecke. Ich war entäuscht. Das war kein Plädoyer für die wunderbare Originalfassung.

Musikalisch schaffte Philippe Jordan das kleine Wunder, den sonst felsenfesten Chor der Pariser Oper ins Wackeln zu bringen. Die Holzfäller/innen hatten ihr Tun, nicht das Reisig fallen zu lassen – pardon, sie standen ja geduldig in Reih und Glied. Ich wurde Jordans Tempi nicht froh und fand ihn unentschlossen, mal zu brisk und mal zu langsam, spannungsarm. Da hörte ich kein Konzept und keine Farben, wenig Sinnlichkeit. Aber natürlich: Das Werk mit einem ersten Orchester zu hören, war schon eine Freude, und die ganze Fassung nun zu erleben (und ich will hier nicht auf die Striche, und Generalprobe 1867 und die beiden Sängerinnen der Eboli und vieles mehr nebst den bekannten Zügen in die Vorstadt und anderes mehr eingehen, das hat operalounge.de woanders ausgebreitet), war ein besonderes Erlebnis. Wenngleich Erinnerungen an die Londoner Aufführungen in den 80ern oder die in Metz 2003 oder Paris 1986 sich nicht aus meinem Kopf vertreiben lassen wollten. Und natürlich: Die Opera-Rara-Aufnahme unter John Matheson von der BBC 1973 bleibt nach wie vor die wichtige, auch wenn sie nicht Jonas Kaufmann aufweist. Der kommt sicher auf die DVD.  „Ut desint vires“…. sagte mein Lateinlehrer: Wenn es auch an Kräften mangelt, so ist der Vorsatz doch zu loben. Eben! Stefan Lauter

 

PS.: Fairerweise muss ich sagen, dass die Radioübertragung von Radio France am 29. 10. die Stimmen besser heraus und nach vorne brachte. Die Mikros waren gut aufgestellt – im Riesensaal der Bastille ging live vieles unter. Und ohne die Bilder klang auch vieles besser – es ist erstaunlich, wie wir mit den Augen hören. Allerdings möchte ich fast schwören, bei der Arte-Übertragung derselben Vorstellung ein Mikroport-Kabel am Nacken von Kaufmann gesehen zu haben…. S. L.

 

 

  1. Dorothea Lenhart

    Ein Nachtrag Escorial oder? Seit wann beginnt bei einer Frau denn bei ihnen „Fülligkeit“ bei Kaufmann sah ich noch genug Locken als ob das zu einer Rezension gehört

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  2. Dorothea Lenhart

    Alle Sänger tragen Mikroport-Kabel bei jeder Übertragung ob aus der Met oder aus London, sonst müßten die Mikrofone ja über die gesamte Bühne verteilt werden,oder von der Decke hängen,wie sollte man sonst die Sänger hören. Das gleiche gilt für den Live-Stream. Wenn Sie bei einer solchen Übertragung mal im Publikum gesessen hätten, könnten sie das sehen. Übrigens haben es die Frauen da sicher leichter. Zur sogenannten Kritik sage ich lieber nichts. Also das Kabel war nicht nur am Nacken von Kaufmann….

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    1. Geerd Heinsen Artikelautor

      de gustibus…. jeder sieht und hört anders. und wenn sie den abend so wunderbar fanden, dann haben wir eben zwei verschiedene meinungen. IM HAUS sah man die kabel nicht. und als übertragung war der abend meines wissens für die besucher nicht angekündigt. und zwischen aktuellem schauen und radio/ tv ist immer ein enormer unterschied, die radioübertragung ohne die bilder war im ganzen viel zufriedenstellender als der besuch im riesennsaal der bastille. das TV hatte ganz andere akustische wirkungen als das radio, wo die stimmen fast aus dem lautsprecher sprangen, wärend sie im tv wie auch live sehr unter der größe der bühne/ bastille litten (auf meinem platz). aber offenbar hatten SIE einen befriedigenden abend, was mich freut! ICH fand die kostüme ungünstig für die sopranistin…. S.L.

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