La solita storia…

 

Was für ein grauer Abend an der Deutschen Oper, als sich im rappelvollen Haus Cileas gar nicht pastorale Dorfoper L`Arlesiana konzertant nur schwer vom Boden hob! 1897 hatte der junge Caruso (sehr sexy im Foto des dünnen Programmheftes) damit seinen Welterfolg an der Met.

Wikipedia schreibt dazu: L’Arlesiana ist eine Oper (dramma lirico) in vier Akten (Urfassung) von Francesco Cilea, die zuweilen auch mit dem deutschen Titel Das Mädchen aus Arles versehen wird. Den Text verfasste Leopoldo Marenco. Er basiert auf Alphonse Daudets Schauspiel L’Arlésienne aus den Briefen aus meiner Mühle Die Uraufführung fand am 27. November 1897 im Teatro Lirico in Mailand statt. Georges Bizet komponierte bereits 1872 die Bühnenmusik L’Arlésienne, die ebenfalls auf Daudets Schauspiel basiert. Cilea komponierte die Oper zwischen 1892 und 1897 zunächst vieraktig. Bei der Uraufführung im Teatro Lirico 1897 in Mailand brillierte der junge Enrico Caruso in der Rolle des Federico, was mit zu seiner späteren glanzvollen Sängerkarriere beitrug. 1898 schrieb Cilea eine neue Fassung, in der die Akte II und III zusammengefasst wurden. Durch das Hinzufügen eines Präludiums entstand 1912 eine dritte Fassung, die heute noch meist aufgeführt wird. Weitere kleinere Änderungen der Partitur wurden zwischen 1936 und 1940 vorgenommen.

Und nun Berlin: An der DOB hatten Chor (Jeremy Bines) und Orchester der Deutschen Oper  unter Paolo Arrivaben nicht den besten Abend, klangen – Verzeihung – zu robust und „rumsig“. Und im Ganzen war´s doch recht laut und uninspiriert. Vielleicht ist auch dieses unentschlossene musikalische Idiom zwischen Verhaftung in der italienischen Spätromantik (durchaus mit Catalani-Anklängen stark an Puccinis Villi oder Manon Lescaut erinnernd) und der Hinwendung zum aufdämmernden Expressionismus daran schuld, dass man eher von dem das Sujet vergewaltigenden Krach im Orchester genervt war. Zumal sich angesichts der Übertitel das Libretto von D´Alberts Tiefland wie Rilkes Dichtung liest: Häuschen und Hirten und zudem eine Ziege, die mit dem Wolf kämpft. Und das gar nicht heiter gemeint. Wie ungleich kraftvoller und stringenter sind da Cav & Pag, auch literarisch.

Gesungen wurde auch. Und nicht immer nett. Die Verpflichtung von Dolora Zajick als Rosa Mamai ist unerklärlich. Das ausgesungene Organ des routinierten Met-Stars  klingt – Pardon – wie ein Nebelhorn: hohl, unisono laut und keiner Differenzierung fähig, in der gebrusteten Tiefe azucena-esk und in den Stemm-Höhen geheult. Das ist jetzt sicher ungalant, das so deutlich zu sagen, aber da man auch den Eindruck hatte, sie habe die Partie nur vom Blatt gelesen, und da sie nicht einen Moment die Nase aus den Noten hob, blieb ihr Eindruck doch wie geschildert. Zumal man so gut wie nichts verstand. Tutto troppo tardi. Für ihre Finessen war Frau Zajick ja nie berühmt, eher fürs Grobe. Und warum nimmt man nicht eher eine Haus-Sängerin wie die von mir im Prophète so sensationell erlebte Ronnita Miller? Das wäre eine weitere Chance für sie und eine Überraschung für uns gewesen.

„L´Arlesiana“ konzertant an der Deutschen Oper Berlin: Mariangela Sicilia und Joseph Calleja/ Foto Bettina Stöß

Der Fall des international akklamierten Tenors Joseph Calleja liegt anders. Aber er wirkte ähnlich routiniert und auf eine merkwürdige Weise unsympathisch-rollenfern. Ich kann mich mit dem Kraus-ähnlichen schnellen Vibrato der Stimme nicht anfreunden (zumal wenn unter Druck), aber er sang zweifellos mit technisch schönen decrescendi, schönen Kopftönen und strammen hohen Noten den unglücklichen, verführten Federico. Als Rollengestalter blieb er mir zu blass, auch viel zu laut, mit zuwenig Schattierungen. Da habe ich kleinere Sänger wie William Matteuzzi bleibender in dieser Rolle in Erinnerung (von Ferruccio Tagliavini auf der noch immer gültigen Cetra-Aufnahme mit der prachtvollen Pia Tassinari ganz zu schweigen). Aber die große Arie des Federico („È la solita storia“)  geriet Calleja als set-piece effektvoll. Beeindruckt hat er mich nicht. „Mit großem Brustkorb, leicht breitbeinig aufgestellt, sieht man Calleja vor sich. … ein bisschen (…) unflexibel. (…)“ schreibt Kai Luehrs-Kaiser in seiner Besprechung der neuen Verdi-CD des Tenors bei Decca auf der Seite des rbb und lobt ihn für seine technische Verrichtung: Das deckt sich auch mit meinem Eindruck, zumal das schwarze T-Shirt  doch recht  spannte…

Die Übrigen schlugen sich tapfer. Markus Brück war (natürlich im gutsitzenden Frack wie die anderen Herren, wie es sich für eine festliche  Konzert-Aufführung selbst auf Malta gehört) mit dem Baldassare nicht richtig besetzt, die Stimme wird unruhig und ist für die Partie zu hell, aber er sang wie stets mehr als angenehm. Die junge Vivetta, unglücklich verliebt in Federico, war mit der abdunkelnden Mariangela Sicilia (zu oft das Kinn auf der Brust) angenehm, aber nicht aufregend besetzt. Seth Carico beeindruckte (ein wenig zu stentoral) einmal mehr als Nebenbuhler Metifio mit schönem Bassmaterial und guter Präsenz. Byung Gil Kim und die ganz reizende Meechot Marrero ergänzten in den kleinen Partien prägnant und nachhaltig.

Aber für mich kam der Abend eben nicht vom Boden hoch, blieb nur streckenweise interessant, musikalisch bruchstückhaft und gesanglich unereignisreich. Vielleicht ist mit zwei Konzerten auch alles gesagt, wenngleich eine atmosphärische Inszenierung solche Momente wie Abend- und Morgendämmerung, Dorfleben, enge soziale Kontrolle und weltumspannenden Liebesschmerz möglicher Weise herausgeholt hätte. Andererseits war´s sicher auch angesichts der regietheaterlichen Erfahrungen der jüngeren Zeiten gut so…(am 21. Februar 2018/ Foto oben: der junge Enrico Caruso aus der Sammlung der interessanten dänischen Caruso-Gesellschaft). G. H.