Kurt Weills „Wintermärchen“

 

Der Silbersee: Ob das Eis trägt? Ob der Silbersee im Frühling überhaupt zugefroren ist? Kaum möglich. Doch es trägt, denn „Wer weiter muss, den trägt der Silbersee“. Ein Märchen in harten Zeiten, ein Traum von einer besseren Gesellschaft, mit dem Kurt Weill seine deutsche Karriere beendete. Einen Monat nach der erfolgreichen Uraufführung in Leipzig, Erfurt und Magdeburg saß er bereits im Auto und floh nach Paris, zwei Jahre später in die USA, seine Werke wurden verbrannt. Der Silberssee nach Georg Kaisers gleichnamigem Drama, das den Heine und Shakespeare evozierenden Untertitel Ein Wintermärchen trägt, ist ein sperriges Werk, das wegen seiner anspruchsvollen Partien und mehrerer kleiner Rollen für Schauspieler nicht häufig auf die Bühne findet. Am Theater Pforzheim hatte Thomas Münstermann mit der Dreigroschenoper und Street Scene den Weg dafür geebnet. Wenn am Ende die neuen Freunde Severin und Olim zum Silbersee  gehen, ihnen Fennimore in einer Engels-Gloriole erscheint, Chor und Kinderchor schwärmen, stellt sich in diesem Märchen so etwas wie Ergriffenheit beim Publikum ein. Ein großer Abend für das kleine Theater (5. Mai 2018).

Severin gehört zu der Armee von Arbeitslosen und Hungernden, die vor dem Silbersee leben. Obwohl die Burschen den Hunger begraben und den Gürtel enger schnallen, wird der Hunger übermächtig und sie überfallen ein Lebensmittelgeschäft. Auf der Flucht wird Severin durch eine Kugel des Landjägers Olim verwundet. Auf der Wachstube gerät Olim gerät ins Grübeln, als er sieht, dass der Verwundete einzig eine Ananas bei sich trug, und er will seine Tat gut machen. Ein Lottogewinn versetzt ihn in die Lage, das Schloss der Frau von Luber und des Barons Laur zu kaufen, wo er Severin pflegt, der nicht ahnt, dass Olim jener Mann ist, der auf ihn geschossen hat. Frau von Luber benutzt ihre Nichte Fennimore, um die neuen Besitzer zu verführen und auszuspionieren. Severin erfährt, wer auf ihn geschossen hat. Er vergibt Olim. Nachdem sich Frau von Luber das Schloss wieder angeeignet hat, fliehen Olim und Severin an den Silbersee, der unter ihren Füßen gefriert und sie, wie Fennimore es prophezeite, sicher trägt.

Ein Traum von einer demokratischen Entwicklung, der nur auf der Bühne trug. Weills am 18. Februar 1933 uraufgeführter Silbersee war erfolgreich. Bald kam es zu Nazi-Demonstrationen, nach dem Reichtagsbrand fanden die Silbersee-Aufführungen ein jähes Ende. Weill gelang die Flucht, dem Dirigenten der Leipziger Aufführung, Gustav Brecher, gelang diese nicht und er brachte sich um; der Regisseur wurde als Douglas Sirk zu einem der herausragenden Exponenten des Hollywood-Kinos der 1950er Jahre.

Weills „Silbersee“ am Theater Pforzheim/Szene/ Foto wie oben Theater Pforzheim/ Trailer youtube

Das Volk spielt die Hauptrolle. Das hätte den Autoren vermutlich gefallen. Bereits bei der Anfahrt zum Theater trifft man auf die Blaumänner, die Kernaussagen des Stückes vor sich hertragen, „Nur die Haltung, nur die Haltung darfst du nicht verlieren“. Für das Märchen vom Silbersee hat Intendant Münstermann ehrenamtliche „Kultur Schaffer“ rekrutiert, denen sich vor jeder Vorstellung Interessierte anschließen können, um auf der Bühne die Utopie bis hin zum zugefrorenen See szenisch umzusetzen. Sie tragen die Preisschilder im Laden, stellen Bäume dar, illustrieren Vogelgezwitscher, hantieren mit langen Stöcken, aus denen sie den Schnee rieseln lassen. Das 1953 in Karlsruhe erstmals seit seinem Verbot aufgeführte Stück hatte Münstermann bereits 2002 in Osnabrück erprobt. Auf der nahezu leeren Bühne findet er einen gut gangbaren Weg aus Stilisierung, Reduktion, Wir-spielen-Theater („peng, peng, peng“) und satirischer Überzeichnung, der so sicher trägt wie der auf wundersame Weise zugefrorene See im Frühling. Ein paar Striche bei Kaisers umfangreichen Texten und vor allem eine nachdrücklichere Akzentuierung der Gesangstexte wären schön gewesen. Freilich fällt es den Sängern nicht durchgehend leicht, über die bläserstarke und schlagwerkintensive Instrumentation von Weill zu dringen, die Florian Edl gleichwohl souverän steuerte.

Wie Weill Kaisers Sozialanklage umsetzt, ist von oftmals hintergründiger Schlagkraft. Unter den 16 Nummern finden sich alle operntypischen Formen: von der Grablegungsszene zweier Arbeitsloser, die entsprechend Weills Ideal einer Volksoper Verwandte von Mozarts Geharnischten aus der Zauberflöte sind, über Gassenhauer-Märschen, wie „Schnall deinen Gürtel enger um ein Loch“, bis zum besagten Chorfinale. Schauspiel und Oper mischen sich auf so selbstverständliche Weise, wie es wohl nie wieder gelang, der der Songstil der Dreigroschenoper findet zur großen Form. Die Partitur bietet markante Inseln, darunter die ohrwurmhafte Walzermüdigkeit der Verkäuferinnen (gut besetzt mit Elisandra Melián und Natasha Sallés), die Tangoparodie des Lotterieagenten (rossinisüß Dannis Marr), Fennimores harfenbegleitete, auf Hitler gemünzte Ballade von Cäsars Tod (eindringlich Stamatia Gerothanasi), ihr Bananentanz als Referenz an Chaplin und Josephine Baker, die vom trompetenhaften Tenor Philipp Werners gestählte Odysseus-Arie des Severin, das obszöne Duett der alte Zustände herbeisehnenden und sich im Schlaraffenland suhlenden Adeligen (mit der sprachgewaltigen Lilian Huynen und Klaus Geber) und die melodramatischen Erkenntnisse des Olim (Tomas Möwes hat nicht viel zu singen). Rolf Fath