Konversationston

 

Jenö Hubay war mir bisher nur bekannt als  Komponist vierer gediegener Violinkonzerte und einer Unmenge von Hungaroton hingebungsvoll auf CD gebannter Literatur für Violine und Klavier, größtenteils elegante Salonstücke mit ungarischem Flair – oder was man eben vor Bartók (oder wenn man wie Hubay Bartók als Komponisten und Volksliedsammler kritisch gegenüberstand) „ungarisch“ nannte. In Bern gibt es nun die Möglichkeit einer Begegnung mit seiner 1918 komponierten und fünf Jahre später uraufgeführten Anna Karenina. Das musikalische Idiom galt 1923 zweifellos zu Recht als konservativ, andererseits ist die Partitur stilistisch aber auch avancierter als die Konzerte. Vergleiche mit Lehár und Puccini sind sicher nicht verfehlt, durch die Librettosprache Deutsch klingen für meine Ohren auch d’Albert und Korngold an, und Hungarismen fehlen auch hier nicht. Ein flüssig-melodischer Konversationston herrscht vor, in den ein- und mehrstimmige ariose Passagen eingelegt sind, im 3. Akt zwei markante Genrestücke, die Barcarole eines Gondoliere (Bareon Hong mit wiegender Italianità) und ein russisches (Pseudo-?)Volkslied für den heimwehkranken Vronskij, auf das auch sozialistisch-realistische Komponisten hätten stolz sein können.

Die Librettisten Alexander Góth und Andro Gabór haben, wie mir scheint, eine glückliche Auswahl aus Tolstojs epischem Roman getroffen. Anna und Vronskij rücken zwangsläufig exklusiver ins Zentrum als im Roman. Kitty und Lewin, das eigentliche Kontrastpaar, erhält wesentlich weniger Raum, aber hat doch Gewicht – nachdrücklich unterstützt durch die feinmaschige und plastische Personenregie von Adriana Altaras, die mit Körpersprache v.a. im 1. Akt vieles über den Findungsprozess dieses zwar nicht operettenartig komischen, aber heitereren Paares erzählt, was im Text nicht mehr zu finden ist. Lilian Farahani und Andries Cloete setzen das aber auch fabelhaft um, beide mit strahlendem und wendigem Gesang, sodass man sich nicht satthören und –sehen kann. Die Mischung aus stillem Glück und Mitleiden mit Anna im letzten Akt ist nicht minder geglückt.

Neben der intensiven Personenführung besticht die Inszenierung auch mit starken Bildern (Bühne: Christoph Schubiger); die Schauplätze wie die Kostüme von Nina Lepilina (von der Epoche inspiriert und zugleich einfallsreich und schön anzuschauen) folgen den Orten und Zeiten der literarischen Vorgabe und verblüffen und entzücken dennoch. Besonders raffiniert die Idee, den ersten Akt nicht auf einem Ball, sondern auf einer Eisbahn spielen zu lassen – statt Schlittschuhen kommen aber Filzpantoffeln zum Einsatz, die zu verblüffend ähnlichen Bewegungen bei allen Beteiligten führen. Auf so was muss man auch erst mal kommen, chapeau! Im zweiten Akt blickt das Rennbahnpublikum von der Tribüne ins Opernpublikum, was wunderbar funktioniert, im 3. Akt bewundern wir eine Mansarde vor venezianischem Kanalpanorama, und der fatale Zug am Ende des 4. Aktes ist mit Lichteffekten (Jürgen Nase) eindrücklich, aber nicht grob gestaltet.

Jenö Hubays Oper „Anna Karenina“ am Stastheater Bern/ Szener/ Foto Judith Schlosser

Einzig der Muschik (Bauer), dessen Tod unter einem Zug Anna miterlebt hat und der sie in Gedanken und Träumen verfolgt, war für meinen Geschmack zu dominant in Szene gesetzt. Nichts gegen die wirksame Darstellung von Carlos Nogueira – aber es handelt sich bei diesem Gespenst doch um eine Obsession Annas, nicht um einen echten Wiedergänger mit eigenem Willen und Handeln, der Annas Sohn mit Süßigkeiten und einer Spielzeuglok manipuliert und dessen Berührung die Kinderfrau im 4. Akt sogar wahrnehmen kann. Ein solcher eher hoffmannscher übersinnlicher Gegenspieler hat in Tolstojs Weltbild eigentlich keinen Platz. Aber sei’s drum, insgesamt kann man sich für eine Rarität ein solches Regieplaidoyer nur wünschen.

Genauso wie Anna Magdalena Hofmann für die Titelpartie. Eine lange Rolle. In der sich bis fast zuletzt Dramatisches und elegante Konversationskantilene abwechseln. Und das kann sie, beides. Bis zum Schluss. Ihr Sopran spricht in allen Lagen gleichermaßen natürlich an, die hohe Lage schwingt in allen dynamischen Stufen frei; stimmliche Expressivität verbindet sich mit Intelligenz der Textbehandlung und Darstellung zu einem façettenreichen Rollenportrait, das der Romanheldin im Opernrahmen vollauf gerecht wird. Die Verzweiflung im 4. Akt steuert beklemmend auf den finalen Selbstmord zu (den Hubay als pucciniwürdig effiziente Klimax komponiert hat); womöglich noch besser hat mir der 3. Akt gefallen, Annas und Vronskijs Exil in Venedig, was so subtil inszeniert und gespielt ist, dass das fesselnde Auffächern des allmählichen Bröckelns ihrer Beziehung über den ganzen Akt hinweg dauert. Hier wie überhaupt erweist sich Zurab Zurabishvili als kongenialer Partner, dessen Vronskij sicher einfacher gestrickt ist als Anna, aber keineswegs uninteressant, sein dominanter Charme wird ebenso greifbar wie seine gut übertünchten Unsicherheiten. Zurabishvili setzt seinen prachtvollen, hellen Heldentenor überaus vielfältig ein, völlig souverän in Stimmumfang und Ausdauer, dabei mit hörbarer Freude am Einsatz von Zwischentönen. Exemplarisch dafür das erwähnte russische Lied im 3. Akt. Mit besonderer Freude stellte ich auch fest, dass der Sänger, den ich bisher nur im russischen Repertoire gehört hatte, beinahe akzentfrei und sehr gut verständlich Deutsch singt. Überhaupt zeichnet sich die ganze Besetzung durch gute bis hervorragende Diktion aus, ich habe lange nicht mehr so wenig auf die Übertitel geachtet. Der Komponist mag daran auch seinen Anteil haben, ganz sicher der Dirigent, aber das größtenteils nichtmuttersprachliche Ensemble verdient höchstes Lob dafür.

Vielleicht am meisten verliert im Vergleich mit dem Roman der gehörnte Gatte Karenin; in der Oper tritt er nur in den ersten beiden Akten in öffentlichen Situationen auf und erhält damit wenig Raum für die kalte intellektuelle Ironie des Romanvorbilds; die auch ohne Vronskij verfahrene Ehe wird nur indirekt gezeigt. Young Kwon bleibt denn in der Rolle auch (vielleicht ja auch gewollt) eher blass-unangenehm, singt seine Machtworte angemessen metallisch. Iyad Dwaier verleiht Fürst Serpukovskij und Oberleutnant Machotin optisches und vokales Profil, Todd Boyce zeichnet mit warmem Bariton den Hallodri Oblonskij, und unter den übrigen Comprimari ragen Nazariy Sadivskiy als Jaschwin mit lebhaftem Spiel und präsentem Tenor und Samuel Thompson als diskreter Domestik Wladimir heraus, aber auch die übrigen – Franka Friebel und David Park als Kittys Eltern, Ulrike Schneider als liebenswürdige Kinderfrau und Jinsook Lee als Dolly – tragen zum gelungenen Abend bei, ebenso der individuell geführte und gut durchhörbare Chor. Kein Wunder, stand doch am 16.1. der Chorleiter Zsolt Czetner am Pult – nun mangelt es mir zwar an Vergleichsmöglichkeiten, doch da hörte ich präzise gebaute Spannungsbögen, eine funkelnde und abwechslungsreiche Orchestrierung und sorgfältige Gestaltung gerade auch der Stimmungsumschwünge. Schon in der Pause konnte man im Foyer vielerorts hören, das sei eine lohnende Wiederentdeckung – da kann ich mich nur anschließen und Konzert Theater Bern wünschen: Weiter so (Jenö Hubays Oper „Anna Karenina“ am Stastheater Bern/ Szener/ Foto Judith Schlosser)! Samuel Zinsli