Köstliches Möhrengemüse

 

Die Opéra de Lyon beschloss das Offenbachjahr mit einer Wiederaufnahme des Roi Carotte, und ein würdigeres Geburtstagsgeschenk ist kaum denkbar. Das seit 2015 vorliegende Stück und die Produktion von Laurent Pelly aus dem selben Jahr sind schon damals allerorten bejubelt worden, und da kann ich nur einstimmen (27.12.19). Was für ein  Vergnügen! Und was Offenbach und Sardou alles in das Stück mit der neugeschaffenen Gattungsbezeichnung Opéra bouffe-Féerie gepackt haben – Pompeji heute und vor dem Vesuvausbruch, Besuch in Ameisen- und Bienenstaaten, eine Hexe, die ihren Gemüsegarten zum Leben erweckt, wandelnde Rüstungen, Unzufriedenheit auf dem Markt, die in einer veritablen Revolution mündet – und das nur in 3,5 von den originalen 6 Stunden… Die Musik erweist sich als nicht minder vielfältig. Neben den nicht anders zu erwartenden spritzigen Couplets und mitreißenden Chören und Finali gibt es da z.B. einen Walzer in harmonischer Schräglage (der in der Ouvertüre noch besser zur Geltung kommt als in der erregten Ballszene), Gewittermusik für Hexe Coloquintes Zauberei, flirrende Insektenstücke, eine strenge Quartett-Ode ans verschüttete Pompeji (wenn sie nicht so ernst bliebe, könnte man an eine Troyens-Parodie denken), eine martialische Revolutionshymne, scharfe Orchestereffekte und Harmonien, die Pfiff und Bewegungen einer Eisenbahn illustrieren…

Apropos Züge: Das Lob der Eisenbahn, das Fridolin und Konsorten den antiken Pompejanern vorsingen, hatte für mich unerwarteten echt Offenbachschen Pfeffer, war doch erst 24 Stunden vor seinem Erklingen klargeworden, dass es trotz Streik eine alternative Zugverbindung statt der annullierten über Genf geben würde…

Mit Staunen entnahm ich dem Programmheft, dass von Offenbach mehrheitlich Szenenwechsel bei offenem Vorhang vorgesehen waren – die kurzen Zwischenaktmusiken dafür sind auch für heutige Bühnentechnik eine Herausforderung. In Lyon klappt es wie am Schnürchen. Chantal Thomas hat einen großen Raum als Rahmen geschaffen, der Bibliothek, Archiv und/oder Lager sein könnte und der sich mit größerem und kleinerem Mobiliar bildmächtig in die verschiedenen Schauplätze verwandelt (auch wenn Coloquinte zu Beginn im leeren Raum frustriert die Bühnenanweisung für die erste Szene vorliest, bis der Dirigent sie unterbricht). So bilden etwa einige rechtwinklig zur Rampe gedrehte Schränke urplötzlich eine pompejanische Ruinenkolonnade. Und in diesen Kulissen entfalten die phantasiereichen Kostüme von ebenfalls Laurent Pelly ihre erheiternde Wirkung, allen voran die köstlichen wandelnden Gemüse, aber auch die Ameisen mit ihrem Militärdikaturanstrich, die versifften Laborkittel der Studenten etc. etc.

Yann Beuron gibt einen knuffigen Fridolin, dem man seine Anfälle von Hallodritum nicht übelnehmen kann (das ist vielleicht der einzige leise Einwand – aufgrund der Kürzungen erleben wir keine von seinen Unzulänglichkeiten als Monarch, dabei verbündet sich seine gute Fee Robin-Luron ja nur darum mit der Hexe Coloquinte und schickt ihn auf eine Odyssee, um ihn zu einem guten König zu erziehen, während daheim die tyrannische Karotte regiert), und mit seiner vokalen Substanz und Agilität bringt er auch sängerisch alles für die Partie mit. Besonders gelungen das pseudotragische Duett mit seiner ehemaligen Verlobten Cunégonde (jetzt Mme la Reine Carotte), das seine Komik nicht aus parodistischem Gesang, sondern dem Kontrast aus der skurrilen Situation und dem seriösen (und schönen!) Ton der beiden bezieht. Und man versteht sie erst noch. Cathérine Trottmann ist ihm aber auch eine kongeniale, hinreißend raubeinige Prinzessin, in ihrer unköniglich direkten Art nie platt. Julie Boulianne (mit Haartolle und Lederjacke eine Art Tintin in einer Rockerphase) spielt die im kumpelhaften Studenten getarnte gute Fee Robin-Luron mit Witz und Energie; ihr Auftrittslied ist ihr allerdings (vielleicht nur an diesem Abend?) für Emission und Artikulation zu schnell, und sehr viel mehr Solistisches folgt in der Partie nicht mehr – immerhin hört man in den Ensembles, dass die Stimme durchaus Volumen und Saft besitzt. Christophe Mortagne hat 2019 in Lyon schon in Barbe-Bleue als (teil)oranger Despot brilliert und ist eine umwerfend garstige Titelrübe. Er kann seinen Tenor figurgerecht durchdringend einfärben und mit gestochener Diktion aufwarten. Natürlich ist das bucklige, erdverschmierte Kostüm schon die halbe Miete, aber auch wie Roi Carotte besoffen Walzer „tanzt“ und im letzten Akt vor sich hin fault, ist zum Quietschen komisch, sodass man es fast etwas bedauert, dass er am Ende zur Strafe in einem riesigen Passevite zu Karottensalat verarbeitet wird. Als Fridolins Erzfeindin Coloquinte waltet magistral Lydie Pruvot, urkomisch zwischen indigniert und rachsüchtig schwankend; Chloé Briot als Rosée-du-soir geht als Figur im Ensemble manchmal etwas unter, nicht aber in musikalischer Hinsicht dank ihrem klaren und leuchtenden Sopran. Ein großes Vergnügen sind Fridolins zwei verhältnismäßig treue Höflinge, der Polizeichef Pipertrunck (Boris Grappe, der in der Rolle vor allem als Rädelsführer der Revolution an Vittorio Gassmann erinnert) und der Nekromant Truck (Christophe Gay, seinerseits eher ein langhaariger Klaus Kinski), beide mit  gefälligem Bariton und guter Diktion. In den kleineren Rollen ebenfalls kompetent Grégoire Mour (Maréchal Trac), Florent Karrer (Dagobert und Psitt), Igor Mostovoï (Comte Schopp) und Louis de Lavignière (Baron Koffre) sowie eine lange Reihe ungenannter Chorsolist/-innen, die dem Kollektiv und seinem Chef Roberto Balistreri alle Ehre machen. Adrien Perruchon am Pult sorgte für Esprit und federnde Tempi, begleitete die Singenden aufmerksam und ließ die harmonischen und instrumentatorischen Kühnheiten des Werks hervortreten. Kurz: Muss man gesehen und gehört haben! Samuel Zinsli