Können und Wollen

 

 

Im Rahmen seiner Promotion-Tour für The Händel Album gab Philip Jaroussky am 11.11.2017 ein beeindruckend gutes Konzert im Festspielhaus Baden-Baden. Der sympathische Franzose hat seine Fans auf beiden Seiten des Rheins, zahlreich strömten sie in die badische Kurstadt und ließen sich begeistern, es gab mehrfach stehende Ovationen. Jaroussky sang 11 der 13 Arien seines Albums, er verzichtete auf „Sussurrate, onde vezzose“ aus Amadigi und „Agitato da fiere tempeste“ aus Riccardo primo, ergänzte dafür als Abschluss mit „Ombra mai fu“ aus Serse. Höhepunkte waren die gedeckten Arien, die Jaroussky im Raum des großen Festspielhaus zum dunklen Leuchten brachte, bspw. „Ombra Cara„, „Deggio morire, o stelle„, „Stille amare“.

Philip Jaroussky mit seiner Händel-CD bei Erato (The Händel Album, Erato/Warner 0190295774455)

Positiv überrascht konnte man von den extrovertierten, koloraturreichen Arien sein, die live besser gelangen als in der Konserve: bei „Vile! Se mi dai vita“ zog Jaroussky das Tempo an und sang buchstäblich mit Körpereinsatz,  auch „Sì, la voglio“ gab er körperlichen Nachdruck, indem er bspw. mit dem Fuß auf den Boden stampfte, bei „Rompo i lacci“ schaltete er auf Attacke um und meisterte die Koloraturen mit sicherer Technik. Jaroussky zog das Publikum in den Bann der Affekte, die Standing Ovations waren hochverdient.  Marcus Budwitius

 

 

Zuviel Hype? Teodor Currentzis dirigierte Puccinis La Bohème im Festspielhaus beim Herbstfestival Baden-Baden: Er nimmt den Mund gern ein bisschen voll. Im Vorfeld der Boheme, für die das Festspielhaus nach seinem letzten Kooperationspartner, der Met in New York, fast genauso viele Kilometer gegen Osten reiste und sich das Opernhaus in Perm aussuchte, erklärte dessen künstlerischer Leiter und zugleich seit Beginn der Spielzweit Erster Gastdirigent des SWR Südwestfunkorchesters, „Meine persönlichen Erlebnisse sind extremer als jene in dieser Oper. Seit ich lebe, bin ich ein Bohemien.“ Äußerlich demonstriert er das schwarz in schwarz, in Hemdbluse, engen Jeans und Stiefeln – diese als Markenzeichen mit roten Schürbändern versehen. Nun ist Teodor Currentzis angetreten, den angeblich so missbrauchten Puccini, für den sich von Karajan über Bernstein bis Sinopoli und Muti nicht unbedeutende Kollegen einsetzten, neu zu entdecken. Denn „die Musik ist so großartig, und wenn man sie in der Qualität hört wie wir sie spielen, wird man sie neu entdecken.“ Selbstsicher „Es gibt niemanden, der meine Interpretation hört und nicht berührt sein wird.“ Selbststilisierung, „Wenn Sie auf eine Party von mir kommen, befinden Sie sich mitten im Setting der Bohème. Das ist keine Performance. Es ist mein Leben.“

„La Bohéme“ in Baden-Baden/ Szene/ Foto Andrea Kremper

Wenn er sein ihm treu folgendes musicAeterna-Ensemble mit schmetterlingszarten Bewegungen streichelt und mit den Fingern tupft, entlockt er dem Orchester tatsächlich Töne von atemberaubender Delikatesse, ein Klangschwelgen im Pianobereich als fallen Schneeflocken. Das kommt den Szenen der Liebenden zugute, die Currentzis so zärtlich umhüllt, als könne ihre Liebe jeden Moment zerbrechen. Bei aller Fürsorge saugt er dem Drama auch ein wenig den Lebensatem aus. Denn Leonardo Capalbo, wohl sowieso eher der vorsichtige, schmale Tenor, singt so gebremst, folgt den tröpfelnden Tönen mit derart bibbernd-bebendem Einsatz, dass er sich nicht mal am Ende seiner Arie aufschwingende Töne zutraut. Auch Zarina Abaeva hat Mühe, über Currentzis‘ endlos breiten-feinen Tempi die Näherin Mimi zu gestalten. Das gelingt ihr am besten in „Donde liet usci“, wo ihr patenter Sopran bei aller ruhigen Bedächtigkeit noch fassliche Klanglichkeit bewahrt. Die narkotisierende Behutsamkeit von Currentzis erweist sich in den intimen Momenten, doch im gleichen Maß, wie er dem Stück seinen vorgeblichen Kitsch austreiben will, lässt er auch das Drama versanden. Bei aller Bewunderung, wie sich die Sänger zurechtfinden und das Ensemble musicAeterna Puccinis Musik zelebriert – wirklich anrühren mag die Aufführung (10. November) nicht. Am Ende gehen die Bohemiens einfach weiter, wie es Henri Murger in seinen Scènes de Bohème beschrieb. Mimis Tod bleibt eine Episode. Die 68er blicken einem bürgerlichen Leben entgegen. Der Kampf geht weiter. Mit „La lutta continue“, „La police attaque Université“ und ähnlichen Parolen hatten sie vor dem Café Momus noch bessere Studienbedingen und politische Veränderungen gefordert und die „Revolution essentielle“ ausgerufen.

Philipp Himmelmann hat in seiner bereits im Mai in Perm gezeigten Inszenierung Murgers Szenenfolge aus der Ära des Bürgerkönigs in der Zeit der Studentenunruhigen versetzt. Es muss eine gute Zeit gewesen sein. Die jungen Leute gerieren sich als Künstler und Rebellen, genießen in Kathis Maurers schicken Samtsakkos und Schalkrawatten, weiten Hosen und engen Pollovern ihr Dandytum. Das kalte Dachstübchen gehört zum selbstgewählten Außenseitertum. Ausgelassen tanzen sie durch den Tag. Nicht nur Dichter Rodolfo, ein schmaler blasser Jüngling aus dem Jahrzehnt des Existentialismus – irgendwo klebt tatsächlich ein Satre-Foto – schwenkt seine Decke so dekorativ als drapiere er einen Salon. Vor allem der in allen Tanzstilen fitte Musiker Schaunard wiegt sich und turtelt selbstverliebt und gewinnend durch den Winter, bis man bedauert, dass der kernige Bassbariton Edwin Crossley-Mercer, der neben seiner Ausbildung am Conservatoire in Clermont-Ferrand und in Berlin irgendwo auch noch Tanzstunden genommen haben muss, keinen Tanzpartner findet. So ganz mag man nicht glauben, dass Näherin Mimi ihren Nachbarn wegen einer Kerze angeht. Nachdem sich die eiskalten Händchen gefunden haben, lässt Raimund Bauer das Quartier-Latin-Stübchen nach oben abheben. Das darunterliegende Lager aus Altmöbeln, das wie ein Kellergeschoss wirkte, lässt er von ein paar müden Kellnern flugs für das weihnachtliche Gedränge vor dem Café Momus herrichten. Die anschließend mit Kisten vollgerumpelte Szene wird zur Barriere d’ enfer, wo sich die Nachfalter treffen, der aufgescheuchte Transvestit, der klagende Veteran Parpignol, die Straßenmädchen, bevor sich abermals die wie ein Riegel über der Szene lastende Stube heruntersenkt. Bühnentechnisch fein. Dazu rieselt durchgehend der Schnee. Man fröstelt ein wenig. Currentzis dirigiert das Winter- und Schneestück mit feinnervig klirrender Präzision, doch ohne großen Bogen, weder im Momus-Akt noch im Quartett des 3. Aktes. Sofia Fomina singt die Musetta hinreichend lasziv und sinnlich, doch auch sie sprengt nicht das Ensemble, zu dem Gary Agadzhanian als Alcindoro sowie Benoît gehört, Konstantin Suchkov als dezenter, höhenstarker Marcello und Nahuel di Pierro, dessen Abschied von Mantel wohl so lakonisch ausfällt, weil er sich gleich um die Ecke einen neuen kaufen wird. Rolf Fath