KLEINFORMATIG

 

Das Publikum in Paris musste nach dem grandiosen Erfolg von Les Huguenots 1836 mehr als dreizehn Jahre auf ein neues Meyerbeer-Spektakel warten. Die dementsprechend großen Erwartungen wurden dann auch nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern ebenso durch noch nie gesehene Show-Effekte (Schlittschuhläufer-Ballett, „Prophetensonne“) mehr als erfüllt. So wurde die Uraufführung von Le Prophète am 16. April 1849 in der Salle Le Peletier ein Kulturereignis ersten Ranges, das auch die meisten Abgeordneten der gerade im Palais Bourbon stattfindenden Deputiertenversammlung nicht verpassen wollten und so ihre politische Institution nicht abstimmungsfähig machten.

Meyerbeers „Prophète“ am Aalto Theater Essen/ Szene/ Foto Matthias Jung

Eine solche fünfaktige Grand Opéra mit allen vom Komponisten und Librettisten verlangten szenischen und personellen Vorgaben auf die Bühne zu bringen, war gewiss zu keiner Zeit ein leichtes Unterfangen. So nimmt es auch nicht wunder, dass diese Produktion die erste aktive Auseinandersetzung des Aalto-Theaters Essen mit Meyerbeer darstellt. Hierfür hatte man mit Vincent Boussard einen Regisseur verpflichtet, der sich nach eigenem Bekunden noch nie mit diesem Repertoire befasst hatte. Leider merkte man dies seiner Inszenierung deutlich an, zu der Vincent Lemaire das im Kern einheitliche Bühnenbild bereitgestellt hatte. Aufragende schräg positionierte weiß-graue Wandsegmente, auf die der spiegelartige Boden wechselnde Lichtmuster wirft (darunter ein schwacher Abklatsch der „Prophetensonne“ im 3. Akt), stellen mit Hilfe einer übermäßig strapazierten Drehbühne die verschiedenen Räume und Spielorte dar, von nur wenigen Requisiten unterstützt: Jeans kärglich eingerichtetes Zimmer mit einer einzigen, nicht immer funktionierenden Glühlampe an der Decke, mit Waschbecken, Bett und E-Gitarre und dem Poster eines niederländischen Fußballstars (Ersatz für die Szenerie der friedlichen Landschaft um Dordrecht im 1. Akt ?); unzählige Kästen einer einheimischen Brauerei symbolisieren Jeans Schänke; ein langer Tisch bietet Platz bei Chorszenen; ein variabel eingesetzter Tresor, in dem die heute  „Täufer“ genannten drei „Anabaptisten“ geraubte Wertgegenstände horten; für besondere Anlässe (Krönungszeremonie im 4. Akt oder für den  2. Klarinettisten im 1. Akt zwecks „pastoraler“ Echowirkung) wird eine Tribüne hereingerollt. Hinzu kommen schwer nachvollziehbare Regieeinfälle wie die auf die Wände projizierten Regentropfen, die Berthe und Fidès im 4. Akt zum Einsatz von Regenschirmen animieren, oder die zwei Ballerinen im Tutu, die Graf Oberthal wie weibliche Amoretten begleiten (um seine einseitig erotische Ausstrahlung zu betonen ?). Diese geben im 3. Akt, nachdem man sie aus einer Klarsichtfolie befreit hat, zu der verkürzt dargebotenen berühmten Ballettmusik ein eher (gewollt?) jämmerliches Bild zweier Tänzerinnen ab. Hier gab es dann auch in der 2. Vorstellung ein verdientes Spontan-Buh aus dem Publikum.

So wirkt das ganze „Spektakel“ am 23. April 2017 wie eine kammerspielartige, im Aufwand reduzierte Abfolge von Szenen, die kaum etwas von der historischen Brisanz der dramatischen Handlung ahnen lassen, die die Protagonisten in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander in existentielle Krisensituationen treibt. Es schien, dass Boussard, der in Interviews den (zweifellos vorhandenen, aber nicht dominanten!) Aspekt des Buffonesken herausstellte,  um jeden Preis das „Grand“ an dieser Oper meiden wollte. Dazu passend waren die „Anabaptisten“, immerhin nach Ausweis des Libretto-Textes von Scribe/Deschamps „hommes noirs aux figures sinistres“(1.Akt), zwar uneinheitlich-dunkel gekleidet, strahlten aber – beispielsweise mit ihrem leitmotivartig vorgetragenen lateinischen Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ – wenig Bedrohlichkeit aus. Überhaupt blieben in der Personenführung  manche Wünsche offen, nicht zuletzt hinsichtlich der Individualisierung der Chormitglieder, die häufig starr und ohne große Gefühlsregungen ins Publikum blickten.

Meyerbeers „Prophète“ am Aalto Theater Essen/ Szene/ Foto Matthias Jung

Musikalisch war es aber ein großer Abend! Giuliano Carella hatte offensichtlich mit den Essener Philharmonikern gründliche und idiomatische Vorbereitungsarbeit geleistet, sodass unter seiner leidenschaftlichen Leitung  das Orchester seine Vorgaben zu Dramatik und Transparenz brillant umsetzen konnte und des Komponisten farbenreiche Instrumentierung wunderbar zur Geltung kam (incl. der von Meyerbeer spät geänderten Passagen für Solosaxophon in Jeans Pastoralarie und Berthes Sterbeszene). Der von der Regie so statisch behandelte Chor hätte gelegentlich (Aktschlüsse) etwas mehr dramatische Verve hören lassen können, während der Kinderchor  für anrührende Momente in der Krönungsszene des 4. Aktes sorgte und zwei Mädchen ihr so noch nie gehörtes Duett erfreulich kräftig und klangschön präsentierten. Überhaupt bot diese Produktion wohl die bisher vollständigste Version dieser großdimensionierten Oper, wozu sicherlich auch die Tatsache beigetragen hat, dass Matthias Brzoska, der verantwortliche Herausgeber ihrer historisch-kritischen Ausgabe, Professor an der nahegelegenen „Folkwang Universität der Künste“ ist. Erfreulicherweise wird es dank großzügigem Kultursponsoring eine CD-Aufnahme dieser verdienstvollen Essener Aufführung von Le Prophète geben. Dann wird man noch einmal überprüfen können, welch glänzende, ja überragende vokale Leistungen hier zu erleben waren: Was John Osborn als Jean de Leyde bot, war schlicht „Weltklasse“: gesangliche Finesse (Einsatz der Voix mixte), absolute Höhensicherheit – die sind wir bei ihm ja von seinen Belcanto-Rollen in Guillaume Tell, I Puritani u.a. gewohnt –, aber auch überzeugende dramatische Gestaltung dieses typischen Meyerbeer-„Helden“. Ihm ebenbürtig war als seine Mutter Fidès Marianne Cornetti, deren Mezzo furchtlos und stimmgewaltig Tiefen wie Höhen bruchlos und souverän durchmaß, sodass ihre große strichlos gesungene Szene „Ô prêtres de Baal“ (5. Akt) zu einem Höhepunkt der Aufführung wurde und sie am Ende auch im Beifalls-Ranking knapp vorne lag. Lynette Tapia als Berthe beeindruckte schon in ihrer Auftrittsarie mit sicheren Koloraturen und wunderschön angesetzten Piano-Tönen und bewies nach dem leider etwas gekürzten Terzett der drei Protagonisten (5.Akt), in dem sie von einem ländlich-idyllischen Leben zu dritt träumen, auch dramatische Gestaltungskraft. Absolut überzeugende Leistungen hörten wir von Karel Martin Ludvik als mit einem Zylinder ausstaffierten Comte d’Oberthal sowie von den drei „Anabaptisten“ Albrecht Kludszuweit, Pierre Doyen und Tijl Faveyts, wobei letzterer  als Zacharie die „dankbare“ Aufgabe hatte, sein Couplet im 3. Akt auf einem Spielzeugpferdchen balancierend singend zu dürfen – die er mit Bravour meisterte.

Nach der 25. Vorstellung in Paris schrieb August Gathy in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ Nr. 197 vom 16.07.1849:Le Prophète enthält bei eigenthümlicher Instrumentirung, welche hohe Meisterschaft verräth, poetische Schönheiten ersten Ranges, und außer der reizenden Ballettmusik der schönen Melodien gar manche, die jedoch erst bei mehrmaligem Anhören aus der vorherrschenden modulatorischen Behandlung der Motive […] faßlicher hervortreten.“

Hiervon kann und sollte sich jeder Opernfreund bis 14. Mai am Essener Aalto-Theater selbst ein Bild machen – oder auch im Juni in Toulouse bei einer weiteren Neuproduktion von Le Prophète (wieder mit John Osborn !). Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf die (nach den Brüsseler Les Huguenots) zweite Meyerbeer-Regiearbeit von Olivier Py an der Deutschen Oper Berlin ab 26.  November dieses Jahres. Vielleicht steht dann ja auch schon die erwähnte CD-Aufnahme aus Essen zur Verfügung … Walter Wiertz