Kein Wald nirgends

 

Ihr ansehnliches Britten-Repertoire bereichert die Deutsche Oper mit einer Neuinszenierung der 1960 in Aldeburgh uraufgeführten Oper A Midsummer Night’s Dream. Donald Runnicles hat zu dem britischen Komponisten eine besondere Affinität, die sich auch am Abend des 29. 1. 2020 bestätigte. Die Musik in ihrer filigranen Delikatesse mit den melodischen Inseln, zarten Gespinsten und witzigen lautmalerischen Effekten fand im Generalmusikdirektor des Hauses einen idealen Anwalt, der mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin sphärisch-flirrende Klänge zauberte und sich am Ende vom Publikum enthusiastisch gefeiert sah.

An Ted Huffmans Inszenierung aber dürften sich die Geister scheiden. Der Regisseur handelt das zwischen Traumwelt und Realität pendelnde Stück auf einer leeren Bühne (Marsha Ginsberg) ab. Das ist für den Beginn des Geschehens im Wald bei Athen, wo König Oberon und seine Elfenkönigin Tytania sich im Feenreich wegen des Sorgerechtes für einen Waisenknaben zerstritten haben, besonders überraschend. Denn hier erwartet der Zuschauer vom Produktionsteam märchenhaften Zauber und reiche Phantasie. Stattdessen sieht man eine minimalistische „Schattenwelt“ (Huffman) in weißen, grauen und schwarzen Farben, denn auch die Kostüme von Annemarie Woods sind so getönt. Die Elfen tragen Einheitskleidung wie in englischen Internaten, das Königspaar ist von ihnen kaum zu unterscheiden. Zweifellos ist diese Optik bestechend in ihrer Ästhetik, freilich auf Dauer auch eintönig in ihrer monochromen Anlage. Immerhin tragen die beiden Paare Hermia/Lysander und Helena/Demetrius farbige Kostüme in Brauntönen – die beiden Herren Armeeuniformen mit Käppis, die Damen Kleider in der Mode der 1950er Jahre. Im 3. Akt am Hofe von Theseus und Hippolyta weicht das helle Grau des Raumes gar einem leuchtenden Rot, das den Boden und die Wände überzieht.

In Oberons farblos-öder Welt sorgt der schottische Schauspieler Jami Reid-Quarrell als Puck für attraktive Einlagen. Wie ein Trapez-Artist schwebt er in der Luft, überschlägt sich mehrfach und imponiert mit seiner tänzerischen Agilität und stupenden Körperbeherrschung – in der Tat ein übermütiger Kobold, der für folgenreiche Konfusionen sorgt. Auch der Oberon von James Hall ist ein Ereignis, denn der Countertenor mit Kniebundhosen und Zylinder singt die Partie klangvoll und weich bis in die exponierte Lage. Seine androgyne Tytania mit Schnurbart in Herrenkleidung ist die australische Sopranistin Siobhan Stagg, die mit sanftem lyrischem Sopran betört und das virtuose Zierwerk der Partie souverän absolviert. Das exzeptionelle Niveau der Besetzung erfüllen auch die beiden Paare, deren emotionale Verwirrungen szenisch plastisch umgesetzt sind. Einzig der Tenor von Gideon Poppe als Lysander klingt etwas schmal, seine Hermia ist die Amerikanerin Karis Tucker mit Mezzo-Wohllaut. Prachtvoll und viril tönt der Bariton von Samuel Dale Johnson als Demetrius, seine Helena ist Jeanine De Bique mit reich timbriertem, leuchtendem Sopran. Im Quartett zu Beginn des 3. Aktes mit den bedeutungsvollen Worten „Mine own, and not mine own“ vereinen sich die vier Sänger zu einem homogenen Gesang von schöner Fülle.

„A Midsummer Night’s Dream“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto wie auch oben  Bettina Stöß

Prachtvoll komische Typen sind die Handwerker, angeführt von James Platt als Bottom mit sattem Bass, der sich bei der Erzählung über seinen seltsamen Traum auch als sattelfest im Falsett erweist. Sein nächtliches Erlebnis als Esel mit Tytania ist wie eine Varieté-Nummer inszeniert, denn die Elfenkönigin legt ihren grauen Anzug ab und trägt darunter eine schwarz-silberne Korsage, die ihr eine verführerisch-lasziven Anstrich gibt. Für die Aufführung von „Pyramus und Thisbe“  anlässlich der Hochzeit von Theseus und Hippolyta tragen die Handwerker mit Timothy Newton als Quince, Michael Kim als Flute, Patrick Guetti als Snug, Matthew Peña als Snout, Matthew Cossack als Starveling und Markus Kinch als Cobweb altmodische Badeanzüge, nutzen für die erzählte Geschichte zwei überlebensgroße Stabpuppen und sorgen für gebührend komische Effekte. Am Ende ihres Auftritts absolvieren sie noch den Bergomask Dance mit sprühender Vitalität. Für die Ehe des irdischen Paares darf man Bedenken anmelden, denn Theseus in Uniform mit Schärpe spricht reichlich dem Alkohol zu und torkelt mit der Flasche umher. Padraic Rowan singt ihn mit geschmeidigem Bariton von feinem Klang. Davia Bouley ist eine verwöhnte, exaltierte Hippolyta mit extravaganter Frisur und ebensolchem Kopfputz. Am Ende sind Oberon und Tytania wieder versöhnt, die Szene verwandelt sich zurück in die graue Einöde und Puck, von oben herab schwebend, richtet die letzten Worte an das Publikum – das mit Beifall für alle Mitwirkenden nicht spart. Bernd Hoppe