Kein Plädoyer

 

Noch heute ist der dicke gotische Rundturm am Ende des goldenen Gässchens in Prag nach dem berühmtesten Insassen als „Daliborka“ bekannt. In einer der Zellen war Dalibor von Kozojedy gefangen. Ende des 15. Jahrhundert unterstützte der Adlige Dalibor die Sache der aufständischen Bauern gegen seinen benachbarten Burggrafen, die diesen gezwungen hatten, sie aus der Leibeigenschaft zu entlassen. Der „Konkurrent“ klagte Dalibor vor dem König an, das Gericht in Prag befand ihn für schuldig, worauf ihn Vladislav II. auf dem Hradschin inhaftieren und später als Landfriedensbrecher hinrichten ließ.

Unklar, ob der Ritter aus Habgier oder aus Empörung über die despotische Tyrannei des Nachbarn handelte, auf jeden Fall erfuhr er eine romantische Stilisierung, die am prägnantesten aus Bedrich Smetanas am Abend der Grundsteinlegung des Tschechischen Nationaltheaters am 16. Mai 1868 uraufgeführtem Dalibor spricht. Den Stoff aus der tschechischen Geschichte fand er bei dem deutschböhmischen Schulrat Josef Wenzig, der die Legende von dem Ritter, der die Menschen durch sein Geigenspiel und seine Schönheit verzauberte, in den Mittelpunkt seines deutschsprachigen Textes stellte, den sein junger Schüler für Smetana ins tschechische übertrug. Dalibor ist kein Raubritter, sondern rächte seinen Freund, den Geiger Zdenek, der die Bauern unterstützte und dafür geköpft wurde. Mehr als an alles andere denkt Dalibor während der gesamten Oper an den toten Zdenko, dass die spätere Liebe zu Milada, der Schwester des ermordeten Tyrannen, recht unglaubwürdig wirkt. Wie Lohengrin beginnt Dalibor mit einer Gerichtsszene.

Bei Florentine Klepper findet an der Oper Frankfurt die Verhandlung, die nur Verlierer hinterlässt, bei „TV Tribunal“ statt. Vorausgegangen waren während der kurzen Ouvertüre und den Choreinwürfen Bilder von Auflehnung und Widerstand gegen die Staatsgewalt (Anna Henckel-Donnersmarck/ Kai Ehlers). „Fuck the system“, kritzelte die aufgebrachte Menge zuvor an die Halle von Studio 19, in der das gesichtslos gleichgeschaltete Publikum vom Moderator auf das kommende Geschehen eingeschworen wird. Der smarte Typ im Glitzeranzug weiß um die Wirkung einstudierter Gesten, wohl kalkulierter Bilder und Äußerlichkeiten und unterstützt Milada, die sich als Leidende entsprechend in Szene setzt. „Schuldig“ oder „Nicht schuldig“ geben die Leuchttafeln vor. Dalibor bekennt sich zu seinem Handeln, wird schuldig gesprochen, obwohl die Meinung zu seinen Gunsten umkippt. Auch Milada verliebt sich auf der Stelle in ihn und betreibt, zusammen mit der Dalibors Ziehtochter Jitka, seine Befreiung. Die mittelalterliche tschechische Ritter- und Befreiungsoper überträgt Florentine Klepper an der Oper Frankfurt in die Welt der manipulierenden Medien und des Überwachungsstaates. Zu schnell geht dem gut gemeinten Lehrstück die Puste aus, langweiligen die Stereotypen von Sprayflaschen, Überwachungsmonitoren, Pizzaschachteln und dem Coffee to go, den die als Gefängnisgehilfe verkleidete Milada durch die Schaltzentrale des Kerkers trägt; nach den Lohengrin-Motiven der anfänglichen Gerichtsszene drängen hier die Muster des Fidelio in den Vordergrund. Man ahnt, was Klepper will, doch die Umsetzung langweilt, ihre Figuren bleiben blutleer. Zweimal verdichtet sich Kleppers lasche Personenregie, wenn der Moderator von Kameras und Schweinwerfern eingekreist und gejagt und Opfer seines Systems wird, und Kerkermeister Benes, dem Thomas Faulkner mit ruhigem Bass anrührende Momente verlieh, sich als Gefangener in seinem Gefängnis beschreibt.

Die Nichtbeachtung seiner Oper schmerzte Smetana. Erst lange nach seinem Tod etablierte sich Dalibor als große tschechischen Nationaloper. Der Vorwurf des Wagnerismus, mit dem man Smetana zum unpatriotischen Außenseiter stempelte, greift nicht. Dennoch gibt es in der melodisch wuchernden Musik Keimzellen, die motivisch wirksam werden und das Stück durchdringen, wie Dalibors innige Erinnerungen an seinen geigenspielenden Freund, die dem passiven Helden eine Aura lohengrinscher Traumverlorenheit verleihen. Statt einer Geige überlässt Klepper ihrem Frankfurter Dalibor übrigens Kopfhörer, aus denen er die himmlischen Klänge vernimmt. Smetanas Dalibor ist weitaus besser als die uninspirierte Aufführung. Fast ohne Applaus ging man in die Pause. Höfliches Klatschen am Ende, ein paar Buhs für die Regisseurin. Viele waren vermutlich nicht unglücklich, dass die Musik auf zwei Stunden reduziert worden war. Stefan Soltesz dirigierte die Oper mit Drive und Wissen um die melodische Würde der Musik, fand aber mit dem Opern- und Museumsorchester in seiner wenig klangsatten Wiedergabe zu keiner rechten Form. Aleš Briscein, der Gast vom Prager Nationaltheater, sang den Titelhelden mit lyrischer Sanftmut und silbrigem Kern; weshalb sich einst Konya und Gedda auf die Partie einließen, konnte man schwer verstehen. Milada ist eine tschechische Leonore mit entsprechenden stimmlichen Anforderungen, denen Izabela Matula mit einer schönen Höhe in ihrer Arie im 2. Akt, aber wenig Feuer und hochdramatischem Fundament nur bedingt entsprach. Soubrettengrell und unbedeutend war die Jitka der Angela Vallone. Wenig Aufsehen machten Gordon Bintner als Moderator alias König Vladislav, der am Ende erschossen wird, und Simon Bailey als Pizarro-Pendant Budivoj. Nicht mehr viel zu tun hatte in der Fassung Jitkas Freund Vitek (Theo Lebow). Mit der deutschen Übersetzung Kurt Honolkas taten sich alle Sänger schwer (Foto oben: „Dalibor“/ Szene/ Foto Monika Rittershaus).   Rolf Fath