Jubiläum mit Tumulten

 

Das 40. Jahr seines Bestehens feierte das ROF in der Geburtsstadt des Komponisten mit einer Neuproduktion seines Belcanto-Hauptwerkes Semiramide. Erst zweimal wurde das Melodramma tragico an der Adria gezeigt – 1992 in einer Inszenierung von Hugo de Ahna und 2003 von Dieter Kaegi. Nun war der britische Regisseur Graham Vick, seit 1994 in Pesaro künstlerisch tätig, am Werk und sorgte mit seiner kontroversen Sicht auf das Geschehen für eine umstrittene Eröffnungspremiere am 11. 8. 2019. Nach eigener Aussage wollte er das Werk von allem orientalischen Pomp befreien und stattdessen  ein intimes Familiendrama zeigen. Erzählt wird dieses aus der Sicht des Kindes Ninia, Sohn von Semiramide und des von ihr und ihrem Liebhaber Assur ermordeten Königs Nino. Dafür hat Ausstatter Stuart Nunn die große Bühne der Vitfrigo Arena mit Kreidezeichnungen wie von Kinderhand ausgestattet – links eine Sonne, rechts über einem blauen Kinderbett zwei rote Vögel. Die szenische Mitte nimmt ein gefalteter Foto-Prospekt mit einem von tiefen Falten zerfurchten Gesicht ein, dessen Augen schreckgeweitet von erlittenem Unheil künden. Bühnenarbeiter klappen den Prospekt auf oder drehen ihn, was weitere Kinderzeichnungen sehen lässt – eine Frau mit einem blutigen Dolch in der Hand, ein auf dem Boden liegender toter König mit blutender Brust. Es sind traumatische Erinnerungen des Kindes an die schrecklichen Ereignisse, die Jahrzehnte zurückliegen.

An Doris Dörries Berliner Turandot-Inszenierung mit dem überdimensionalen Teddybären denkt man, wenn ein solcher auch hier zu sehen ist und die Bühne bis zum Schnürboden einnimmt, später auch er mit Blutspuren auf dem Bauch gezeichnet. Gänzlich befremdlich aber ist der Einfall, im Finale Primo ein Foto des langjährigen künstlerischen Leiters des ROF Alberto Zedda aufzuhängen, dessen Augen zunächst mit einem schwarzen Band verdeckt, später sogar mit einer Blutspur übermalt sind.

Wie heute üblich spannen auch in dieser Produktion die Kostüme den Bogen bis in die Gegenwart. Die Babylonier tragen schwarze Anzüge mit Schärpen und Krawatten, die bunt geschminkten, an Staatsflaggen erinnernden Gesichter sorgen für einen Verfremdungseffekt. Die Damen in eleganten schwarzen Kostümen und Hütchen scheinen geradewegs aus einem Chanel-Modeatelier zu kommen. Dienerinnen in schwarzen Lederröcken und futuristischen Gewändern wirken besonders bizarr, nicht weniger die Gruppe der halbnackten Magier mit Lendenschurz und Zottelhaaren, die gleich Angehörigen einer Sekte trancehaft in ihren Ritualen verharren.

Semiramide im schwarzen Hosenanzug und kurzer, sportlicher Frisur ist eine energische Business-Lady. Aber auch sie wird verfolgt von Erinnerungen an die blutige Tat und nähert sich immer wieder dem  Kinderbett, in welchem der kleine Sohn liegt. Die georgische Sopranistin Salome Jicia, in Pesaro bereits als Elena und Dorliska aufgetreten, zeichnet ein beeindruckendes Porträt dieser zwischen Schuld und Liebe gespaltenen Frau. Die dunkel und reich timbrierte Stimme meistert die Koloraturläufe imponierend, singt die große Kavatine „Bel raggio lusinghier“ sicher und mit starker Emotion. Ein paar Noten in der unteren Lage klingen matt, einige wenige in der exponierten Höhe grell. Aber insgesamt bietet sie eine überzeugende Leistung, erst recht in den beiden Duetten mit Arsace. Der junge Feldherr ist nach langer Abwesenheit nach Babylon zurückgekehrt und in Wahrheit Semiramides Sohn Ninia. Er liebt die junge Prinzessin Azema (Martiniana Antonie mit lieblichem Sopran), wird aber auch von Semiramide begehrt, die ihn statt Assur zum künftigen König ernennen will. Seltsamerweise erscheint er, von Sicherheitsbeamten begleitet, als Frau mit langen Haaren im schwarzen Hosenanzug mit tief dekolletiertem Jackett. Das gibt den Zwiegesängen zwischen Mutter und Sohn in ihrer innigen Zugewandtheit eine unfreiwillig homoerotische Dimension. Stimmlich ist die armenische Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan das Ereignis der Aufführung. Nach ihrem Malcolm 2016 beweist sie auch mit dieser Partie ihr großes Potential im Rossini-Gesang. Die Stimme ist in der Tiefe reizvoll guttural getönt, leuchtet in der Höhe und bietet bereits in der Auftrittskavatine, „Ah! quel giorno“ ein Feuerwerk an Bravour. Mit Energie und Aplomb wird der virtuose Schlussteil vorgetragen. Arsaces Arie im 2. Akt, „In sì barbara sciagura“, stattet die Sängerin mit existentiellen Tönen aus, welche den Konflikt der Figur plastisch schildern. Vom Coro del Teatro Ventidio Basso (Giovanni Farina) wird sie dabei bestens unterstützt und kann im mit Koloraturen gespickten letzten Teil („Sì, vendetta“) mit reichen Variationen und Verzierungen noch einmal ihre Klasse zeigen. Wunderbar mischt sich ihr Mezzo mit dem Sopran in den Duetten „Serbami ognor“ und „Ebben… a te“. In letzterem finden sich die Sängerinnen zusammen im Kinderbett wieder – beider innige Zuwendung ist berührend, aber eben von anderer Aussage. Zuvor hatte Semiramide, nun im schwarzen Kostüm mit keckem Federhütchen, mit Assur in einem Büroambiente auf der Couch eine intime Szene mit handfesten körperlichen Aktivitäten. Vehement stimmt Jicia das Duett mit ihm „Se la vita“ an, aber Nahuel Di Pierro kann Paroli bieten. Der argentinische Bass debütiert beim ROF mit potenter Stimme von viriler Kraft, lässt aber in seiner Arie „Deh… ti ferma“ auch kantablen Wohllaut hören.

Eine Institution in Pesaro ist der italienische Tenor Antonino Siragusa, bereits seit 1998 beim ROF tätig und dort inzwischen über zehnmal aufgetreten. Als indischer König Idreno, der in prachtvoller Gewandung um die Hand Azemas anhält, hat er eine geradezu unsingbare Partie zu absolvieren, deren Extremtöne das menschliche Maß zu übersteigen scheinen. Die Stimme mit ihrem hohen Metallanteil und der durchschlagenden Kraft bewältigt diese Noten sicher platziert und explosiv, freilich mit schmerzend grellem Klang. Die Auftrittsarie „Ah dov´è“ vermag er im Da capo kunstvoll zu variieren, das Solo im 2. Akt, „La speranza più soave“, sogar mit einigen zärtlichen Tönen auszustatten, aber immer wieder verbreiten seine gekrähten  acuti akustische Schrecken. Die Besetzung ergänzt mit machtvollem Bass Carlo Cigni als das Oberhaupt der Magier Oroe, der Arsace offenbart, dass er in Wirklichkeit Ninia ist, Semiramide seine Mutter und Nino sein ermordeter Vater. Diesen lässt die Regie nicht nur, wie vorgesehen, als Schatten erscheinen, sondern leibhaftig im hellblauen Anzug. Die rote Brille gibt ihm den Anflug eines Außerirdischen, der Gehstock macht ihn zu einem Verwandten des Grande Inquisitore.  Sergey Artamonov singt ihn mit grimmig dröhnendem Bass.

Am Ende schlägt Arsaces Vergeltung fehl: Statt Assur trifft der tödliche Stich in der Dunkelheit Semiramide, die im weißen Pyjama nachtwandelt und Nino um Vergebung bittet – eine von Vick  besonders hilflos inszenierte Szene. Oroe wirft sich vor Arsace auf den Boden, um ihn als den neuen Herrscher zu preisen. Ein triumphaler Schlusschor, „Vieni, Arsace“, bezieht auch das Volk ein. Michele Mariotti hatte Rossinis Hauptwerk bereits vor zwei Jahren an der Bayerischen Staatsoper München dirigiert. Nun bestätigt er mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI seine Führungsposition im internationalen Rossini-Geschehen, lässt schon bei der federnd und energisch genommenen Sinfonia aufhorchen und sorgt immer wieder mit aufregenden accelerandi für Höhepunkte. Viele Szenen lässt er mächtig, ja bedrohlich anwachsen und setzt starke dramatische Akzente. Das Klangbild ist farbig, bietet Pomp, aber auch fahle, düster ausgemalte Stimmungen. Ihm galt am Ende – neben den Sängern – dann auch der stärkste Jubel des Premierenpublikums, während das Regieteam deutliche Missfallensäußerungen empfing.

 

Jubiläum mit Jubel: Die zweite Neuinszenierung dieses Sommers galt Rossinis frühem Dramma giocoso L´Equivoco stravagante, das in Pesaro erst einmal zu sehen war (2002 in der Inszenierung von Emilio Sagi). Nun versuchte sich das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier an dieser turbulenten Geschichte um Ernestina, Tochter des neureichen Bauern Gamberotto, die in ihrer Zuneigung zwischen dem reichen, aber einfältigen Buralicchio und dem jungen, aber armen Ermanno schwankt. Das Dienerpaar des Hauses, Rosalia und Frontino, verhilft mittels eines Briefes, der Buralicchio zugespielt wird und davon kündet, dass Ernestina in Wahrheit ein kastrierter Junge sei, Ermanno und Ernestinas zum finalen Glück.

Die 1811 in Bologna uraufgeführte Oper unterlag schnell dem Eingriff der Zensur, welche die Handlung als frivol empfand. Die beiden Regisseure verstehen ihre Inszenierung als Beitrag zur aktuellen Gender-Problematik. Warum sie allerdings die Figuren sämtlich mit Spitznasen zu Karikaturen in der Manier von Honoré Daumier verzeichnet haben, bleibt ihr Geheimnis. Ohnehin wirken sie in ihrem überdrehten Bewegungsgestus gelegentlich wie Aufziehpuppen. Dabei hat ihnen Agostino Cavalca zauberhafte Kostüme in biedermeierlichem Stil zugestanden. Auch die Bühne von Christian Fenouillat ist gediegen und elegant, worauf bereits der Vorhang aus grauer Seide mit royalen Ornamenten in einem goldenen Bilderrahmen einstimmt. Dann sieht man eine gefaltete Tapetenwand, an der ein in Gold gerahmtes Gemälde mit einer bäuerlichen Szene hängt. Die darauf zu sehenden Kühe auf einer Wiese am Waldrand werden später sogar lebendig und wandern aus dem Bild. Ironie ist omnipräsent in dieser Inszenierung und prägt auch die Führung der Personen.

Gamberotto ist eine Paraderolle für den Rossini-Haudegen Paolo Bordogna, der sein zwanzigjähriges Jubiläum beim ROF feierte. Sein Bassbariton ist handfest robust und gebührend grimmig im Ausdruck. In seiner Arie „Il mio germe“ kurz vor Schluss trumpft er energisch auf und gefällt mit schönem Fluss der Koloraturen. Der italienische  Bariton  Davide Luciano kann nach seinem gefeierten Figaro im Vorjahr auch als Buralicchio imponieren. Die Stimme strotzt vor Kraft und Energie, so dass man bedauert, dass die Partie mit der Auftrittskavatine „Occhietti miei vezzosi“ nur ein einziges Solo für ihn bereithält. Sein Konkurrent Ermanno, der russische Tenor Pavel Kolgatin, beginnt dagegen schwach. Die Stimme klingt schmal und quäkend, lässt auch bei „Sento da mille furie“ zu  Beginn  des 2. Aktes den nötigen Nachdruck vermissen. Mit schmeichelndem Klang weiß er dagegen „D´un tenero ardore“ auszustatten, findet hier endlich zu den nötigen tenore di grazia-Tönen.

Vokales Zentrum der Aufführung ist die römische Mezzosopranistin Teresa Iervolino als Ernestina mit kultivierter, delikater Stimme und reizvollen contralto-Tönen. Deren gurrender Klang ist von hoher Sinnlichkeit und inspiriert auch den Tenor im gemeinsamen Duett „Sì, trovar potrete“ zu pulsierendem Gesang. Claudia Muschio als Dienerin Rosalia hat mit „Quel furbarel d´amore“ eine sorbetto-Arie, die sie mit lieblichem Sopran und leichtfüßiger Tongebung vorträgt. Weniger gefallen kann der Diener Frontino von Manuel Amati, der bei seinem Solo „Vedrai fra poco“ mit  schmalem Buffotenor und plärrendem Klang in der Höhe aufwartet.

Der Coro del Teatro Ventividio Basso (Giovanni Farina) sorgt als Hausangestellte und Soldaten für munteres Treiben auf der Szene und stimmt am Ende beherzt den Schlussgesang „ Che dolce momento!“ an. Carlo Rizzi am Pult des Orchestra Sinfonica della RAI hält von der lebhaften Sinfonia mit ihrem heiteren Hörnerklang bis zum Finale den musikalischen Fluss flott und pulsierend lebendig. Das Publikum in der Vitrifrigo Arena am  13. 8. 2019 nahm die Premiere mit lautstarkem Jubel auf.

 

Ein Jahr nach dem Equivico wurde in Rom das Dramma serio Demetrio e Polibio uraufgeführt, welches David Livermore 2010 in Pesaro inszeniert hatte und das am 12. 8. 2019 im Teatro Rossini seine Wiederaufnahme erlebte. Der italienische Regisseur hatte das Geschehen um den König der Parther Polibio und den der Syrier Demetrio nebst deren Heiratsplänen für ihre Kinder in eine Theaterwelt verlegt. Die Ausstattung von der Accademia di Belle Arti di Urbino erlaubt dem Zuschauer den Blick hinter die Kulissen, zeigt die Bühnenarbeiter bei ihrem Umbauten, Sänger und Tänzer beim Applaus, an Kleiderstangen aufgehängte Kostüme und viele Turbulenzen auf der Hinterbühne. Die surreale Atmosphäre der Aufführung bestimmen über die Bühne und den Zuschauerraum schwebende und wandernde Kerzen sowie die Einführung von rätselhaften Doubles für jede Rolle.

Das Personal wird angeführt von Polibios Tochter Lisinga, mit der Rossini seine erste große Primadonnenrolle komponiert hat. Der Anspruch an deren Interpretin ist enorm. Bei der Uraufführung war es die gefeierte Ester Mombelli, in Pesaro stellte sich Jessica Pratt dieser Herausforderung. Die australische Sopranistin ist eine Ikone beim ROF, sang dort bereits Adelaide di Borgogna, Amira im Ciro, Zenobia im Aureliano und die Didone. Ihre große Arie „Sempre teco“ am Ende des 1. Aktes mit den höllischen Spitzennoten und schier unsingbaren Koloraturattacken war dann auch als Primadonnenauftritt an der Rampe inszeniert. Der Nummer folgte ein brava-Tumult aus dem Publikum, der wohl der übermenschlichen gesanglichen Bewältigung der Partie galt. Ich empfand die Stimme im Timbre eher gewöhnlich, in der Höhe schmerzend schrill und in den lyrischen Teilen gejault. Trumpf der Besetzung war für mich Cecilia Molinari als Demetrios gleichnamiger Sohn, der unter dem Namen Siveno an Polibios Hof aufgewachsen und dessen Tochter Lisinga zugeneigt ist. Die italienische Mezzosopranistin sang äußerst kultiviert, tupfte im Auftrittsduett mit Polibio die Töne delikat und ließ in ihrer Arie „Perdon ti chiedo“ feine Triller und emphatischen Ausdruck hören.

Auch der syrische König Demetrio tritt unter falschem Namen auf. Als Eumene will er Siveno in das Vaterland zurückholen will, was Polibio zurückweist. Der argentinische Tenor Juan Francisco Gatell, seit 2012 in Pesaro beschäftigt, erfreute mit schmeichelnder Lyrik und schwärmerischem Ausdruck, ließ auch in der unteren Lage reiche Substanz hören. Riccardo Fassi als Polibio sorgte für das Bassfundament mit viriler, energisch auftrumpfender Stimme. Kantabel formte er seine Arie zu Beginn des 2. Aktes, „Come sperar riposo?“ und fand im furiosen Schlussteil, „Or tutte le furie“, zu enormer Vehemenz.

Der Coro del Teatro della Fortuna M. Agostini ließ in der Einstudierung von Mirca Rosciani Präzision vermissen und auch die Filarmonica Gioachino Rossini konnte unter der Leitung von Paolo Arrivabeni im orchestralen Niveau nicht an die Vorabende anknüpfen. Da fehlte es zu oft an Brio, Glanz und Delikatesse. Bernd Hoppe

 

Das 41. Rossini Opera Festival in Pesaro findet vom 8. bis 20. 8. 2020 statt und bringt drei Neuinszenierungen: Moise et Pharaon; Elisabetta, regina d´Inghilterra; La cambiale di matrimonio