Investigatives

 

Frankfurt ist eine Janáček-Stadt. Allein die tollen Jenufa-Aufführungen, die ich hier gesehen habe: in den späten 1970er Jahren unter Gielen mit Card, Mastilovic und Cervena, Mitte der 90er dann mit Häggander, Silja und Mastilovic auf dem Altenteil und schließlich zehn Jahre später mit Backlund, Secunde und inzwischen Card als alte Burya in Inszenierungen von Kirchner, Dresen und Knabe; oder die unvergessene Sache Makropoulos der Berghaus mit Silja, ja auch die Die Ausflüge des Herrn Brouček. 1994 gab es unter Cambreling und Mussbach. Aus einem Totenhaus, das nun neuerlich in Frankfurt von David Hermann betreten wird. Es ein wichtiges Jahr für Janáčeks letzte, erst ab Ende der 50er Jahre in ihrer Originalgestalt erkannten Oper, da sich nach der nahezu alle großen Bühnen bereisenden Chéreau-Inszenierung jetzt London in Kooperation mit Brüssel sowie München mit Inszenierungen von Castorf bzw. Warlikowski anschließen.

Janáčeks Oper „Aus einem Totenhaus“ an der Oper Frankfurt/ Szene mit Johannes Martin Kränzle/ Foto wie auch oben  Barbara Aumüller

Kein gesund gepflegter und von den Häftlingen in die Freiheit entlassener Adler, kein österliches Spiel über Liebe, Tod und Teufel, kein verröchelnder Mörder nach der Lebensbeichte seines Rivalen. Das Allgemeinmenschliche, das Leoš Janáček getreu des der Oper vorangestellten Mottos „In jeder Kreatur ein Funke Gottes“ an Dostojewskis autobiografischen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus nach seiner Internierung als politischer Häftling im sibirischen Zuchthaus fesselte, macht David Hermann im Redaktionsbüro oder Homeoffice des Petrowitsch konkret, von wo der Journalist überfallmäßig und gewaltsam von mehreren Eindringlingen wegzerrt wird. Hat Johannes Schütz den Schreibtisch, den Petrowitsch mit einer Partnerin teilt, noch ins blässliche Licht des Fotorealismus gestellt, so durchschreitet der Gefangene auf der mit Wänden und Türen grau bestückten Drehbühne gleichsam mehrere Stufen des Infernos. So zwingend der Auftakt nach dem von Tito Ceccherini etwas zu filmhaft weichgezeichneten Vorspiel, so beiläufig das Folgende. Zwar drücken sich die Häftlinge brutal und lauernd, Opfer und Täter zugleich, entlang der Wände, stürzen sich geifernd auf jede Schwäche, erleidet Petrowitsch auf dem Operationstisch Qualen, wo ihm der zum sadistischen Lagerarzt avancierte Mithäftling Luka Kusmitsch genüsslich die Hände zertrümmert, doch im Grunde agieren die von Michaela Barth in blaue, mit artigen Flecken beklebte Anstaltsuniformen gesteckten Häftlinge wie Straßengangs, die nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft. Immer wenn die aus dem umfangreichen Roman herausgeklaubten Episoden und Erzählungen eine Vertiefung ermöglichten, bewegen sich die Räume weiter, weicht Hermann zwischen Krankenzimmer und dem mit einem Kreuz gezierten Büro zu Bildern aus, die sich nicht wirklich zur realistisch ausgemalten  Marter fügen: die Vitrine, in die Petrowitsch während des „Theaterspiels“ gesteckt wird, der Rad schlagende Koch, die tänzelnden Hexen, das Brautpaar und der Pope als burleske Schlenker oder die verschenkte Möglichkeit, die Liebe des Petrowitsch zu Aljeja, dem Karen Vuong jungfrische Stimme aber nicht die jünglingshafte Erscheinung des jungen Tataren gab, zu zeigen. Die Erzählungen dreier Mörder stehen im Zentrum: Vincent Wolfsteiners zwischen Charakter- und Heldentenor changierender Filka, eine Vorwegnahme des Tambourmajors, AJ Glueckerts tenoral schwärmender Skuratow – eigentlich auch Peter Marshs mit seinen kurzen Einwürfen als eindrucksvoller Schapkin – und Johannes Martin Kränzle in der großen, innerhalb der 95minütigen Oper fast schon eigenständigen Riesenszene des Schischkow, in der er die Ermordung seiner Frau schildert, weil diese noch immer den widerlich brutalen Rivalen liebt. Mit gemilderter Stimme, doch suggestiver Gestaltung der verschiedenen, am damaligen Drama beteiligten Personen hebt Kränzle diese Szene aus der Oper heraus, die einzig befremdlich wirkt, weil er sie im grauen Anzug vor einem aufgetürmten Berg von Tischen und Stühlen erzählt. Am Ende wird sich Schischkow bewusst, dass der soeben sterbende Mithäftling kein andrer als ebenjener Rivale ist. Janáček legt dazu dem alten Häftling die Zeile in den Mund, „auch ihn hat eine Mutter geboren“. Bei Hermann lebt Luka weiter und setzt sein sadistisches Werk als Operateur fort, indem er sich Schischkow mit einer Zange nähert. Petrowitsch wird frei gelassen, kehrt, durch alle Türen zurückschreitend, zu seiner Partnerin in den verwüsteten Raum zurück, was aber bei weitem nicht so hoffnungslos und trostlos scheint, wie der unerbittliche Marsch der Gefangenen, die neben dem Einzelschicksal weggeblendet scheinen. Neben dem sanftbaritonal beobachtenden Petrowitsch von Gordon Bintner tragen die ausgezeichneten Chorherren und vielen Kleinstpartien zum geschlossenen Eindruck bei. Im Lauf der Aufführung (6. April) lassen Ceccherini und das Museumsorchester die motorische Kraft dieser stöhnenden und ächzenden Musik, die rhythmischen Ostinati und die aus den Sprachmelodien entwickelten Kurzformeln fast spätromantisch aufleuchten, verleihen den orchestralen Aufsplitterungen aber hinreichend Klangschärfe. Rolf Fath