Intrigen im Museum

 

Charles Gounod komponierte seine Oper Cinq-Mars nach dem Roman von Alfred de Vigny nach einer schöpferischen Pause von zehn Jahren; 1877 erfolgte die gefeierte Uraufführung an der Pariser Opéra-Comique. Einige Monate später erlebte das Werk noch eine Wiederaufnahme in einer vom Komponisten veränderten Fassung, in der die vorher gesprochenen Dialoge in Rezitative mit Orchesterbegleitung umgewandelt worden waren – ein deutliches Zeichen der Hinwendung zur grand opéra. Danach geriet das Werk in Vergessenheit, und es ist daher der Oper Leipzig hoch anzurechnen, es nach 140 Jahren wieder an das Licht der Musikwelt gebracht zu haben. Eine entscheidende Rolle bei diesem Projekt spielte der Intendant und Generalmusikdirektor des Hauses Ulf Schirmer, der in Zusammenarbeit mit dem venezianischen Palazzetto Bru Zane, das sich der Pflege der französischen romantischen Oper widmet, 2015 mit dem Münchner Rundfunkorchester die Weltersteinspielung der Oper verantwortet hatte.

„Cinq-Mars“ an der Oper Leipzig/ Szene/ Foto Tom Schulze

Der konzertanten Aufführung von 2015 beim Rundfunkorchester München (die auch beim Hauslabel des Palazetto Bru Zane, Ediciones Singulares, herausgekommen und in operalounge.de ausführlich besprochen worden ist) folgte nun in Leipzig die erste szenische Realisierung seit 1877, welche von dem belgischen Dirigenten David Reiland musikalisch betreut wurde. Er ließ die Musik in ihrem festlichen Glanz, den lyrischen Aufschwüngen, der galanten Ballettmusik, den patriotischen Chören  – also in ihrer ganzen Vielfalt – aufscheinen. Das Gewandhausorchester zeichnete sich durch seidigen Streicherglanz, sonore Holzbläser und das wuchtig aufspielende Blech aus. Große Aufgaben fallen dem Chor in diesem Werk zu, und der Chor der Oper Leipzig in der Einstudierung von Alessandro Zuppardo erfüllte diese Herausforderungen höchst überzeugend. Vor allem der Racheschwur am Ende des 2. Aktes und die patriotische Hymne auf Frankreich überwältigten in ihrem heroischen Pathos.

Schauplatz der Oper um den Marquis Cinq-Mars, der mit Hilfe des Kardinals Richelieu zum Favoriten des Königs Louis XIII. aufsteigt, sich aus Liebe zur Prinzessin Marie de Gonzague aber mit einer Verschwörung des Adels gegen seinen Gönner wendet und dies mit dem Leben bezahlt, ist Lyon um 1642. Regisseur Anthony Pilavachi und Ausstatter Markus Meyer siedelten ihre Inszenierung genau in dieser Zeit an, erzählten sie in überwältigend schönen  tableaux vivant, worauf bereits der verschnörkelte Bilderrahmen auf dem Vorhang wie von einem impressionistischen Gemälde aus dem Pariser Musée d’Orsay verwies. Michael Röger schuf faszinierende Lichtstimmungen, welche berühmte Gemälde, wie Rembrandts „Nachtwache“, lebendig werden ließen. Im Hintergrund einer jeden Szene sah man Kunstwerke perspektivischer Malerei, wie sie auf unseren heutigen Bühnen kaum noch anzutreffen sind – Palast-Interieurs, eine nächtliche Mondlandschaft, den Vorhang und das Foyer der Pariser Opéra Garnier, eine Waldszenerie mit Soffitten wie in einem romantischen Ballett und schließlich das schmucklose Gefängnis für den gefangenen Marquis und seinen Freund, die am Ende nach einem patriotischen Duett gemeinsam zum Schafott schreiten. Die Ausstattungspracht gipfelte in den prachtvollen Kostümen im Stil der Zeit aus kostbaren Stoffen  – Seide, Samt, Satin, Brokat –, welche eine heutzutage für nicht mehr möglich gehaltene Augenweide boten.

Stellte sich das Team damit ganz in den Geist des Werkes, von wenigen ironischen Tupfern in der Zeichnung der Hofschranzen abgesehen, rutschte das zweite Bild des 2. Aktes beim Fest im Palais von Marion Delorme drastisch ab in die Niederungen der Parodie. Julia Grunwald versuchte in ihrer albernen Choreografie, den Pomp und die Grandeur der grand opéra vom Sockel zu holen. Szenisch war diese Szene der ästhetische Tiefpunkt der Aufführung mit einem überhöhten goldenen Thronsessel, eingerahmt von Gebirgsmassiven und garniert mit einem vergoldeten Pferdegeschwader. Auch gesanglich gab es hier Ärgerliches zu hören mit der schrill quietschenden Danae Kontora als Kurtisane Marion Delorme und der heiser klingenden Mezzosopranistin Sandra Maxheimer als deren Gewerbefreundin Ninon de Lenclos.

„Cinq-Mars“ an der Oper Leipzig/ Szene/ Foto Tom Schulze

Ein Glücksfall der Besetzung aber war der französische Tenor Mathias Vidal in der Titelrolle (Foto oben/ Tom Schulze), die er schon im Münchner Konzert gesungen hatte und somit als idiomatischer Interpret dieser anspruchsvollen Partie gelten darf. Die Stimme klang in der ersten Hälfte des Abends recht baritonal, anders als erinnert, und entfaltete tenoralen Glanz erst nach der Pause. Vor allem in seinem Solo „O chère et vivant image“ im 4. Akt  hörte man innig-zärtliche Töne, die sich bis zu trunkener Schwärmerei steigerten. Entscheidend aber war die Potenz des Sängers, die lange und fordernde Rolle bis zum Schluss mit nicht nachlassenden Reserven in imponierender Mühelosigkeit zu bewältigen. Auch für seine Geliebte Marie stand mit der Französin Fabienne Conrad eine ideale Besetzung zur Verfügung. Zu ihrer noblen Erscheinung korrespondierte der zarte, delikate Sopran, der in der Kavatine „Nuit resplendissante“ träumerisch-melancholische Stimmungen malte und im schwelgerischen Terzett „O Marie“ im 3. Akt mit Cinq-Mars und dessen Freund de Thou glanzvoll aufstrahlte. Diesen gab der englische Bariton Jonathan Michie mit markigem Timbre, der nur in seiner zunächst kantabel geformten Kavatine „Henri! Marie!“ an deren Ende in Bedrängnis geriet, in der letzten Szene mit Cinq-Mars im Gefängnis aber wieder zu energischer Verve fand. Die Besetzung ergänzte Mark Schnaible mit voluminösem Bass als intriganter Père Joseph.

Das Publikum der Premiere am 20. Mai 2017 honorierte die Leistung des Ensembles mit schier endlosen Ovationen, welche die Verwirklichung von Schirmers weiteren Wunschprojekten – darunter solchen Raritäten wie Fourdrains Vercingetorix und Gounods Jeanne d’Arc – nunmehr realistisch erscheinen lassen (Foto oben: „Cinq-Mars“ an der Oper Leipzig/ Szene mit Mathias Vidal/ Foto Tom Schulze). Bernd Hoppe