Inszenierung fand nicht statt

 

Bellinis Norma gehört zu jenen Stücken im Opernrepertoire, die wegen des Librettos heutzutage schwer zu inszenieren sind. Man mag einwenden, dass diese Beobachtung auf die meisten Werke des 19. Jh. mit ihren absurden Plots zutrifft. Abgesehen davon, dass einige Textbücher durchaus schlüssig sind (man denke nur an Verdis Traviata), kann ein Regisseur meistens auf Abstrahierungen oder Verfremdungen zurückgreifen, die aus der Patsche helfen. Was kann man aber mit der Geschichte einer gallischen Priesterin anfangen, die insgeheim nicht eines, sondern gar zwei Kinder mit einem römischen Besatzungsoffizier zeugt, sie aus Rache erstechen möchte, dann aber sich selbst opfert und dabei auch den Vater der Sprösslinge in den Tod mitnimmt?

Norma fordert auch am Staatstheater Nürnberg die Spielleiter heraus, die gezwungen sind, Großes zu leisten oder kläglich zu scheitern. Stéphane Braunschweig (Regie und Bühne) und seine Mitarbeiter (Kostüme: Thibault Vancraenenebroeck; Choreographie: Johanne Saunier) wählten in dieser Koproduktion mit dem Théâtre des Champs-Elysées und Saint-Etienne, die in Nürnberg schon in der letzten Saison gezeigt worden war, einen bequemen dritten Weg: Die Inszenierung fand nicht statt. Dem Team fielen nur stereotype Gesten, graue Mäntel, ein römischer Offizier in Smoking und ein Betonbunker ein. Man wunderte sich, dass drei Theater sich vereinten, um diese Peinlichkeit zu produzieren. Dennoch muss man dem Regisseur dankbar sein. Da sich die Sänger kaum bewegen mussten (die schwierigste Handlung, die von Norma verlangt wurde, war es, dreimal einen Vorhang zu ziehen), konnten sie sich auf den Gesang konzentrieren.

Bellinis „Norma“ am Staatheater Nürnberg/ Szene/ Foto Staatstheater Nürnberg

Für zwei Vorstellungen dieser Reprise verpflichtete das Staatstheater die italienische Sopranistin Katia Pellegrino. Sie hat die Norma schon öfters gesungen (in Deutschland in Essen und Stuttgart). Aufgrund ihrer Erfahrung in dieser Rolle verwunderte ihre zum Teil unverständliche Diktion. Das eher spröde Timbre ist darüber hinaus zweifelsohne Geschmackssache. Unbestritten sind aber die Qualitäten dieses Soprans: eine sichere Stimmführung mit schönen filati und messe di voce sowie eine Beherrschung der vokalen Mittel, die in den Dienst einer Interpretation wie aus einem Guss gestellt werden. Ein Kenner der Szene formuliert es so: „Katia Pellegrino weiß, was sie tut“. Ich teile diese Wertung: Pellegrino bot stellenweise feinsten Gesang und hinterließ den Eindruck einer vokal versierten Sängerin, die der schwierigen Rolle (inklusive Casta diva) gerecht wird. Sie wurde an diesem Abend gut sekundiert. Ida Aldrian gab szenisch eine zurückhaltende, verunsicherte Adalgisa, die um die Tragik der Umstände Bescheid weiß, aber unfähig ist, etwas dagegen zu unternehmen. Ihre helle, weich geführte Stimme passte dazu ausgezeichnet. Ein Manko ist hingegen die Kraftlosigkeit des Organs, das in den Duos und Ensembles bisweilen kaum hörbar war. David Yim stellte nicht nur das ihm eigene schöne Timbre in den Dienst des Römers Pollione, sondern auch eine beachtliche vokale Stärke, die er allerdings meistens erfolgreich zähmte. Mächtig und voller Autorität trat Alexej Birkus als Oroveso auf, obwohl seine Kostümierung, die mehr an die irgendwie alternative Art eines Pariser Salonlinken als an das hieratische Aussehen eines Oberpriesters erinnerte, die entgegengesetzte Wirkung erzeugte. Da Tarmo Vaask den Chor des Staatstheaters wie bei ihm üblich meisterhaft vorbereitet hatte, waren Orovesos beide Szenen Höhepunkte des Abends. Yongesung Song (Flavio) und noch mehr das Mitglied des Nürnberger Opernstudios Theresa Steinbach machten das Beste aus ihren kleinen Partien. Volker Hiemeyer setzte mit der im Blech unsicheren, sonst tadellosen Staatsphilharmonie Nürnberg auf starke Kontraste und martialische Akzente. Nur die Zwischentöne gingen dabei bisweilen verloren. Das zahlreiche Publikum störte sich daran nicht und feierte alle Mitwirkenden (3. Oktober 2017/ Foto oben: Bellinis „Norma“ am Staatheater Nürnberg/ Szene/ Foto Staatstheater Nürnberg). Michele C. Ferrari