Köstliches mit Tiefgang

 

Über die geradezu detektivische Geschichte der Wiederauffindung aller Teile der Partitur von Offenbachs Fantasio hat operalounge.de schon mehrfach berichtet. Nun ist der verlorene Musensohn also auch erstmals in Genf auf der Bühne der Opéra zu erleben. Müssen die melodische Inspiration und der stilistische Abwechslungsreichtum dieser Opéra-comique noch gelobt werden? Aber ja, mindestens, bis jede fünfte Neuproduktion von Contes d’Hoffmann (die ich sehr liebe, man verstehe mich recht) durch einen Fantasio ersetzt ist. Das Libretto mag hier und da ganz ordentlich klappern und wackeln – aber auch nicht stärker als diejenigen mancher weit berühmterer Opern. Und es bietet mit Fantasio und Prinzession Elsbeth zwei komplexe Figuren, die das Märchenschema sprengen und sich am Ende nur andeutungsweise kriegen, daneben zwei zunächst „nur“ lustige Figuren – der Prinz von Mantua (Rigoletto grüßt) und sein aide-de-camp Marinoni –, die in je einer Arie überraschenden Tiefgang erhalten. Die beiden singen auch eine der komischsten Nummern, den Kanon, mit dem der als Prinz verkleidete Marinoni und der ihm permanent ins Wort fallende als Diener verkleidete Prinz (Cenerentola grüßt) der Prinzessin einen – pardon, zwei öffentliche Anträge machen.

„Fantasio“ am Grand Théâtre de Genève/ Szene/ Foto Carlole Parodi

Die effiziente Bühne von Thibault Fack verzichtet für Offenbachs reines Phantasiebayern wohltuend auf jegliches bayrisches Lokalkolorit: eine zentrale Treppe, an deren oberem Ende sich eine Iris öffnen und den Blick auf die Silhouette des Schlosses freigeben kann, links und rechts der Treppe je ein Podium, davor viel freie Fläche (zur Ouvertüre mit einer Schneeschicht bedeckt, die witzig weggeräumt wird), die mit fahrbaren, zu halben und ganzen Kreisen zusammenschiebbaren hohen und flachen Elementen bestückt wird, z.B. für Elsbeths Blumengarten oder Fantasios Kerker. Während die Bühne größtenteils schwarzweiß gehalten ist, bringen die abwechslungs- und phantasiereichen Kostüme von Sylvette Dequest Farbe ins Geschehen. Löst die Szenerie zweifellos die bekundete Absicht von Regisseur Thomas Jolly ein, das Poetische des Stücks zu betonen, tat ich mich mit der eigentlichen Inszenierung über manche Strecken schwerer. Vielleicht liegt es an unterschiedlichen Normen der Natürlichkeit auf der Bühne im frankophonen und im deutschsprachigen Theater; vielleicht haben auch akustische Gegebenheiten der Opéra des Nations dazu geführt, dass in den Dialogen fast ausschließlich mit erhobener Stimme trompetet wurde, zudem mit wenig Varianz in Tonfall und Tempo und fast ausnahmslos auf direkten Anschluss. Die Feinheit mancher Replik (das zugrundeliegende Theaterstück, aus dem doch viele Sätze übernommen sind, stammt immerhin von Alfred de Musset) ging für mein Ohr so verloren. Auch das sehr häufige Ins-Publikum-Sprechen (besonders penetrant bei Fantasios pazifistischer Ansprache im Finale) und der oft plakative nonverbale Humor (dass die Prinzessin im Kerker eine Maus wegkickt, ergab einen großen Lacher, passt aber m.E. nicht zur restlichen Figur) wirkten auf mich reichlich verstaubt – oder handelt es sich um einen authentischen Opéra-bouffe-Stil, der da die poetische Richtung und v.a. die Fragilität von Fantasio, Elsbeth und ihrer Romanze, in ihren Soli und Duetten sensibel ausgebreitet, in den Dialogen arg bedrängt? Immerhin ist das konsequent umgesetzt und weist immer wieder auch entzückende Details auf wie die Prinzessin und ihre Gouvernante, die die Schweizergarde im Kerker mit einem Zitat aus der Hoffmann-Barcarole in Schlaf singen.

Fantasio, gelangweilter Student und geistreicher Anführer seiner Kommilitonen (die ihn erwarten wie ihre Pendants in Luthers Kneipe ihren Hoffmann), findet eine vorzügliche Inkarnation in Katia Dragojevic mit beweglichem, im Timbre leicht androgynem Mezzo; einige Töne liegen für sie zumindest am 11.11. 2017 unangenehm hoch, ohne dass das an der Gesamtleistung zu rütteln vermöchte. Die schwedische Sängerin macht Fantasios melancholisch-euphorisches Charisma glaubhaft und steht der muttersprachlichen Restbesetzung an Verständlichkeit und Flüssigkeit auch in den Dialogen kein bisschen nach.

Melody Louledjian bietet ihr rundum Paroli (was ihr ebenso Ehre macht wie der Troupe des jeunes solistes en résidence, dem Opernstudio der Opéra de Genève, das solche Hauptrollen so fabelhaft besetzen kann) als eigensinnig verträumte Prinzessin Elsbeth (die mit der roten Perücke verblüffend Grace Adler ähnelte; aber konnte das Uraufführungspublikum 1872 anders als an eine andere Prinzessin Elisabeth in Bayern denken, die 19 Jahre zuvor verheiratet worden war?). Mit leuchtenden Höhen und sehnsüchtig gezogenen Bögen begeistert sie von der Auftrittsromance an und legt in der Arie im 2. Akt noch eine geschmeidige Koloraturenkette obendrauf. Einziger leicht korrigierbarer Abstrich: Im Gesang (nicht im Dialog) werden ihre „j“ im Anlaut stimmlos.

„Fantasio“ am Grand Théâtre de Genève/ Szene/ Foto Carlole Parodi

Sodann ist unverzüglich Loïc Félix zu nennen als erfrischender Marinoni, den er mit flexiblem Tenor von Schmelz und Kern nicht nur expressiv, sondern auch hochmusikalisch singt. Auch die Diktion ist, wie bei fast allen, ausgezeichnet. Zudem ist er der einzige, der jederzeit völlig natürlich agiert. Ein Kabinettstückchen sein Unbehagen an den sichtlich zu kleinen Schuhen und der ganzen aufgedrängten Prinzenrolle, die er (anders als Dandini in Cenerentola) nicht gerade überzeugend spielt. Pierre Doyen zeichnet mit magistralem und wendigem Bariton einen hübsch egozentrischen Prince de Mantoue und lässt in der erwähnten Arie bitter hinter die Fassade blicken („Je ne saurai donc jamais aimé pour moi-même„); Boris Grappe klingt noch majestätischer, als sein gutmütiger König von Bayern agiert – und warum er wohl mit dem charakteristischen Bart so verblüffend – nein, nicht Offenbach, sondern Saint-Saëns ähnelt? Héloïse Mas, ebenfalls jeune soliste, ist mit pastosem Mezzo eine besorgte, etwas fahrige Gouvernante Flamel, Philippe Estèphe erfreut als Freund Fantasios mit einem mitreißend gesungenen Lob der Narrheit, als die drei weiteren Studenten machen Fabrice Farina (Hartmann), Fernando Cuellar (Facio) und Jaime Caicompai (Max) Spaß. Bruno Bayeux stellt Wandlungsfähigkeit in drei Sprechrollen unter Beweis, wobei der königliche Sekretär Rutten mehr eine Brüllrolle ist – dass er lauter ist als die Studentengruppe, die er zu Ruhe vor dem Palast anhält, zählt für mich zu den schwächeren Pointen, aber Bayeux spielt das so patent wie den exaltierten Schneider und den überfressenen Schweizergardisten (dessen Deutschschweizerparodie für die koproduzierenden Häuser in Rouen, Montpellier und Zagreb gewiss uminszeniert werden muss). Schließlich lassen zwei prächtige Bässe aus dem Chor aufhorchen, Dimitri Tikhonov als Passant und Harry Draganov als gravitätischer Anführer der Pénitents, die den alten Hofnarren zu Grabe tragen (Don Carlo grüßt). Sie stehen exemplarisch für eine großartige Leistung des Chors (Alan Woodbridge), musikalisch wie in der Formung einer ganzen Reihe köstlicher Typen.

Ein Glücksfall auch das Orchestre de la Suisse Romande unter Gergely Madaras, die das Werk mit großer Sensibilität und einer schier unerschöpflichen Palette an oft auch kammermusikalischen Farben angehen, kleine Übergänge ebenso intensiv und sorgfältig gestalten wie einprägsame Melodien und selbst einfache Begleitfiguren spritzig klingen lassen – ein klares Plädoyer für ein Werk, das mit der Fantasio eigenen Unbeirrbarkeit seinen Weg ins Repertoire machen möge („Fantasio“ am Grand Théâtre de Genève/ Szene/ Foto Carlole Parodi)! Samuel Zinsli