IN DER LIEBESGROTTE

 

Manchmal findet man etwas anderes, als man sucht. Columbus wollte Indien entdecken, landete aber in Amerika. Und die italienischen Renaissance-Dichter und Musiker wollten die antike Tragödie wiederbeleben, erfanden aber – die Oper. Ein früheres überlieferte Werk der neuen Gattung ist L´Euridice von Jacopo Peri. Das Werk erlebte seine Uraufführung am 6. Oktober 1600 im Palazzo Pitti in Florenz. Der Textdichter, Ottavio Rinuccini, verfasste auch das Libretto zu  Marco da Gaglianos Oper La Dafne von 1608 („An earlier version of the libretto had been set to music in 1597–98 by Jacopo Peri, whose Dafne is generally considered to be the first opera“, weiteres zum Werk findet sich bei Wikipedia/ G. H.).

Und dieses frühe Opernexemplar wurde jetzt vom Maggio Musicale Fiorentino (der ja sonst eher Mainstream-Repertoire pflegt) in verdienstvoller Weise endlich wieder einmal aufgeführt. Und zwar am Platz vor der Grotta del Buontalenti (so hiess der Architekt) im Giardino di Boboli.Schon allein dieser Spielort hätte die Anreise nach Florenz und den Abend gelohnt. Denn diese Grotte ist eine der bizarrsten und phantastischen Hervorbringungen des menschlichen Erfindungsgeistes, ein manieristisches Gesamtkunstwerk der Sonderklasse. Alles ist hier in höchstem Maße artifiziell: von den falschen Stalagmiten und Stalaktiten angefangen bis zu den Muscheln, den Wasserfontänen, den Fresken, den Gemälden (früher hingen sogar vier Michelangelos)und den Skulpturen(die nackte Venus !), alles steht hier im Zeichen des Eros, wenn naturgemäss im mythologischen Mäntelchen. Insgesamt also die absolut perfekte Kulisse für diese Dafne.

Den historischen Usancen und der schillernden Figur Marco da Gaglianos (er war nicht nur Musiker, Sänger und Komponist, sondern in erster Linie auch Zeremonienmeister sprich: Eventmanager am Hof der Medici) Rechnung tragend, hat Federico Maria Sardelli der Originalpartitur,so wie es damals üblich war, sechs Festtänze von Lorenzo Allegri hinzugefügt. Sardelli ist es auch, der sein Orchester Modo Antiquo zu Höchstleistungen antreibt. Hier federt, vibriert, tänzelt und „fetzt“ es,  dass es nur so eine Freude ist. Dem Sängerensemble wiederum hat er den „recitar cantando“ – modus exemplarisch nahegebracht. Dem Primat da Gaglianos, dass die Wortdeutlichkeit im Vordergrund stehen muss, wird hier voll nachgekommen, besonders von Leonardo Cortelliuzzi (Apollo), Francesca Boncompagni (Dafne), Cristina Fanelli (Venere), Silvia Frigato (Amore) und Alessio Tosi (Tirse).

Die Regie von Gianmaria Aliverta wurde etwas angefeindet, zu Unrecht meiner Ansicht nach. Denn obwohl sie moderne Einsprengsel aufwies (na gut, die obligaten Krankenhausbetten hätte er sich sparen können), blieb sie doch in jedem Augenblick respektvoll dem Geist und dem Rhythmus der Musik verbunden. Eigentlich vorbildlich in dieser Hinsicht. Das Auge erfreuend : die wunderschönen Kostüme von Sara Marcucci und die tolle grottenadäquate Beleuchtung von Alessandro Tutini.Ganz hervorragend auch die sechs Tänzer/innen, choreographiert von Silvia Giordano. Ein für mich absolut einzigartiger und unvergesslicher Abend (27. Juni 2018). Robert Quitta