In den Highlands ist die Hölle los

 

Es gibt beim Macbeth nochmal richtig Bambule an diesem Abend (am 18. 12. 2016 in der Bayerischen Staatsoper), und zwar auf allen Ebenen. Da lassen zunächst die Kartensucher vor der Gnadenpforte des Nationaltheaters Nahkampftechniken erahnen, die einem Robert the Bruce schon nahe kommen, dann geht es in dieser Oper ohnehin gut zur Sache, wenn Lord und Lady M., die aus dem „schottischen Stück“, das wir abergläubisch veranlagten Theatermenschen ja bekanntlich eher ungern beim Titel nennen, die Highlands aufmischen und schließlich brechen Teile des Publikums zu Beginn der Hexenszene auch diesmal wieder in Buh-Geheul und Beschimpfungen aus, da ihnen die szenische Lösung des Regisseurs Martin Kušej nicht konveniert… Hallo? Diese Inszenierung – übrigens nach wie vor eine der besten und suggestivsten im Spielplan der BSO – ist seit ACHT Jahren im Repertoire. Man könnte also durchaus schon vor dem Kartenkauf gewusst haben, wie das so ausschaut… Und falls nicht, sind Dr. Google und Prof. Wikipedia sicher gerne behilflich.

Alarmstufe Rot in Inverness herrschte in dieser, sorgfältig geprobten, Wiederaufnahme auf und vor der Bühne, Sänger, Dirigent und Orchester sorgten für eine Vollgasveranstaltung, wie man sie sich nur wünschen kann. Vor zweieinhalb Jahren (2014) hatte Anna Netrebko in dieser Produktion ihr Rollendebüt als Lady gegeben und seinerzeit schon durchaus überzeugt. Dies war jedoch nochmal eine ganz andere Nummer und wie sich Netrebko in der Zwischenzeit die Partie zu Eigen gemacht hat, ist beeindruckend. Die Stimme ist nochmal deutlich größer, schwerer und auch dunkler geworden, klingt über weite Strecken fast wie ein Mezzo. Mit erstaunlichen Kraftreserven bewältigt sie die lange und strapaziöse Partie und wer nach der fulminant herauskatapultierten Auftrittsarie leise Zweifel angemeldet hatte, ob sie diesen Kraftakt bis zum Ende durchstehen wird, durfte nachher feststellen: YES, she could. Dabei klingt sie in keinem Moment forciert oder angestrengt, auch in den Randlagen ist der Ton immer abgerundet, vollmundig und technisch einwandfrei, die Koloraturen kommen vielleicht nicht mehr ganz so leichtgängig wie früher, aber immer noch sehr souverän. Auch in Sachen Rollengestaltung ist der Fortschritt deutlich, zwar nicht vollkommen klischeefrei, aber doch mit einem ungleich breiteren Spektrum.

Nicht ganz so tiefgründig und psychologisierend wie zuletzt Simon Keenlyside, dafür saftiger und mit ausladender Stimmpracht präsentierte sich Franco Vassallo in der Titelpartie. Wie nur ganz wenige Kollegen vermag der Künstler, seinen opulenten und stilsicher auf Linie geführten Kantilenen noch jene entscheidende Prise vergifteter dolcezza unterzurühren, die den baritonalen Gesellen des frühen und mittleren Verdi ihre so charakteristische Befindlichkeit gibt. Der vermutlich beste Banco in dieser Inszenierung – und bei Licht besehen auch der beiden Vorgängerproduktionen – war mit Ildebrando D’Arcangelo aufgeboten, dessen samtig abgerundeter, balsamisch schwelgender Vortrag einen schier dahinschmelzen ließ. Das ging, bildhaft gesprochen, runter wie heißer Amaretto mit Sahnehäubchen. Gentilissimo Maestro Verdi – hätten Sie ihm nicht als Geistererscheinung noch eine kurze Stretta komponieren können? Zumindest heute hätten alle es Ihnen gedankt, diese wunderbare Stimme noch ein paar Minuten länger hören zu dürfen…! Für die Partie des Macduff galt allerdings das genaue Gegenteil: noch nie war ich so froh, dass dieser so wenig zu singen hat. Wenn Yusif Eyvazov einsetzt, erschreckt man sich als Hörer. Vor allem inmitten eines Ensembles solcher Luxusstimmen sticht Eyvazos reibeisenraues, stumpf und kehlig klingendes Organ auf geradezu sadistische Weise heraus, von technischer Sicherheit, Stil und Phrasierung mal ganz zu schweigen. Wie er sich mit brüchigem, gepresstem Vortrag durch die kurze, aber richtungsweisende Arie „O figli! – A la paterna mano“ im vierten Akt laviert, ist schlicht eine Zumutung. Wie eine solche Besetzungsabsurdität passieren konnte? Per ragioni che noi conosciamo tutti, aus Gründen, die wir alle kennen…

Da wäre der hellstimmige Dean Power, diesmal als Malcolm im Einsatz, mit Sicherheit eine seriösere Besetzung gewesen. Auch sonst zeigte sich das Hausensemble in Gestalt von Selene Zanetti (Kammerfrau), Krystof Klorek (Arzt) und Sean Michael Plumb (Diener und Mörder) in gewohnter Verlässlichkeit, ebenso wie der Staatsopernchor in der Einstudierung von Sören Eckhoff; die eine oder andere kleine Schwankung wird sich in den beiden Folgevorstellungen sicher korrigieren lassen.

Richtig Glut aus der Tüte holt auch Paolo Carignani, der schon beim Netrebko-Lady-Debüt 2014 den Takt angegeben hat. Die anfängliche Zurückhaltung und Vorsicht in den heiklen Anschlüssen der Chorszenen war schnell verflogen und Dirigent und Orchester gingen aufs Ganze, energiegeladen, dramatisch erhitzt und doch wunderbar austariert. Momente wie das große Finalensemble des ersten Aktes mit seinen grandiosen Steigerungsbögen oder die irrlichternd schwerelos besungenen Luftgeister gelangen ebenso atemberaubend wie die große melodramatische Geste, die dem frühen Verdi seine unverwechselbare, mitreißende Vitalität gibt.

Bei dieser Gelegenheit ist eine kurze Ansage fällig; und zwar an den Vollpfosten im dritten Rang, der meinte, ausgerechnet in die herzzerreißende und mit Hochspannung musizierte Orchestereinleitung des Flüchtlingschors „Patria oppressa“ hineinbuhen zu müssen. Sind Sie vielleicht Anhänger von AfD, Pegida oder anderer hirnamputierter Rassisten und ertragen keine Flüchtlinge auf der Bühne, nicht mal wenn es sich eigentlich um den Bayerischen Staatsopernchor handelt? Dann sei Ihnen Ihr Bauchschmerz gegönnt. Oder hatten Sie eine nette Bunte-Gala-Dingsbumms- Home Story mit Anna & Yusif erwartet und mochten nicht sehen, was hier im Stück steht? Pech gehabt, das hier war eine Opernaufführung und da wurde eine Geschichte erzählt. Und ja, diese Geschichte ist krass, sie ist grausam und sie ist beängstigend. If you don’t stand the heat, keep out of the kitchen. Was immer Ihnen durch den Kopf gegangen ist, oder auch nicht, es interessiert kein Schwein.

„Macbeth“ an der Bayerischen Staatsoper/ Wilfried Hösl fotografierte das Ensemble/ fabiuskulturschockblog

In der Zeit zwischen ihren Auftritten hat Anna Netrebko übrigens für die Petersburger Edel-Manufaktur Imperial Porzellan ein Kaffeeservice namens Aida designed, in der „Exclusive Limited Edition“ zum Listenpreis von etwas über 9.000 Euronen erhältlich…  Fabian Stallknecht (Foto oben: „Macbeth“ an der Bayerischen Staatsoper/ Anna Netrebko/ Szene/ Foto Wilfried Hösl; den Artikel entnahmen wir – wie stets mit Dank – dem Blog des Autors: fabiuskulturschockblog)