Import aus St. Petersburg

 

130 Jahre nach der Uraufführung sorgte nun das Teatro San Carlo in Neapel für die italienische Erstaufführung von Tschajkovskijs Tcharodjeka (dt. fälschlich meist mit Die Zauberin übersetzt wird, das italienische L´Incantatrice und vor allem das englische The Enchantress kann die Mehrdeutigkeit besser retten). Dafür hatte man sich sowohl die Sängerinnen und Sänger als auch die Inszenierung von David Pountney aus dem Petersburger Mariinskij-Theater eingeladen, wo Letztere sich seit über 10 Jahren bewährt hat, gewiss eine gute Idee. Tschajkovskijs drittletzte, auch in Russland nicht übermäßig häufig gespielte Oper gab es im Westen in letzter Zeit (abgesehen von einem Mariinskij-Gastspiel in Baden-Baden 2005) in Antwerpen und Erfurt sowie am Theater an der Wien zu sehen. Im Vergleich mit diesen beiden Produktionen (Gürbaca und Loy) wirkt Pountneys Inszenierung, die das Stück schlüssig in der Entstehungszeit der Oper ansiedelt (prächtige Kostüme von Tatjana Noginova zeigen es sofort), unaufgeregter; abgesehen von einzelnen Szenen (vor allem in der ersten Hälfte), die in der Ausführung etwas phlegmatisch wirkten – was auch mit der Übernahmesituation zusammenhängen kann –, ist sie gut gealtert. Die Bühne von Robert Innes-Hopkins zeigt einen klassizistischen weißen Saal, der in den 4 Akten nicht völlig unverändert bleibt: Die Decke kann für eine Spähgalerie angehoben werden; im 4. Akt stehen die Wände nicht mehr bündig, ein toter Baum ragt ins zentrale Wasserbecken, hinter dem eine Schuttmoräne liegt. Zu Beginn und zu Ende der ganzen Oper entsteht um den Esstisch im Zentrum eine Art Familienaufstellung, unbehaglich steif zu Beginn, am Ende Mutter und Sohn tot, Vater wahnsinnig, die Vertraute der Mutter hysterisch lachend und der gedemütigte Mamyrov ob seiner geglückten Rache triumphierend. Die Titelheldin, die zwischen die Fronten dieser dysfunktionalen Familie geraten ist, ist verschwunden – das leuchtet ein und macht betroffen.

Tschaikowskis „Zauberin“ am Teatro San Carlo Neapel/ Szene/ Foto L. Romano, Teatro San Carlo di Napoli

Die Besetzung besteht mit Ausnahme der Fürstin und Mamyrovs aus Mitgliedern der Mariinskij-Akademie, was diesem Opernstudio und seiner Leiterin Larissa Gergieva einmal mehr ein hervorragendes Zeugnis ausstellt. In Sankt Peterburg liefen gleichzeitig mit einem Großteil des regulären Ensembles (darunter wiederum ehemalige Akademiemitglieder) eine komplette Serie Ring des Nibelungen nebst Chovanschtschina und Aida dazwischen…

Marija Bajankina (24.2. 2017) ist eine ideale Titelheldin Kuma – sie ist (unklischiert) verführerische wie freimütige Wirtin zugleich (hier nicht einer volkstümlichen Wirtschaft am Fluss, sondern eines eleganten Amüsierlokals, höchstwahrscheinlich mit Séparées hinter den Kulissen) und strahlt sowohl die Integrität aus, mit der sie den sie heftig bedrängenden Fürsten abweist, wie die Intelligenz, mit der sie ihr Etablissement führt. Mit cremigem, helltimbriertem Sopran berückt sie in ihren beiden Arien und den übrigen lyrischen Passagen durch schlichte Intensität und dominiert in den dramatischen Szenen dank guter Fokussierung mit gleichbleibend schönem Klang, ohne zu forcieren. Schönes Legato und eine Gestaltung in weitgespannten Bögen tun ein Übriges für eine gebührend bejubelte Glanzleistung. Den Fürsten Nikita, der sich bei einer Inspektion des suspekten Lokals in sie verliebt, gibt Jaroslav Petrjanik mit derart ausgereifter vokaler wie szenischer Autorität, dass man gut versteht, dass der junge Bariton im Mariinskij mit zusehends wichtigeren Aufgaben betraut wird (etwa wie Alexej Markov ca. zehn Jahre zuvor). Im 1. Akt entfaltet er abwechselnd Charme (Kuma gegenüber) und Arroganz (im Umgang mit Mamyrov), schillert zwischen Jovialität und Süffisanz; die volle egoistische Gewaltbereitschaft der Person deutlich zu machen, spart er sich aber für die Auseinandersetzung mit der Fürstin im 2. auf. Mit frischem, kernigem Timbre von saftiger Resonanz strömt die Stimme im Arioso des 2. Akts und den Duetten balsamisch; im Konversationston, der im 1. Akt vorherrscht, lässt er immer wieder mit klarer Diktion und markanter Textbehandlung aufhorchen. Am Ende der fordernden Rolle (und der langen Oper, nach einem Trauerchor, wie er die spätere Pique Dame beschließen wird) steht aber noch eine Wahnsinnsszene vor dem orchestralen Hintergrund eines Sturms, vielleicht dem wildesten, entfesseltsten Stück Musik, das Tschajkovskij je geschrieben hat – und das singt Petrjanik nicht nur unangefochten und machtvoll, sondern auch noch ohne Bellen oder Brüllen auf Linie, gekrönt von expressiven, aber akkuraten Hochtönen! Diesem Sänger dürfte bei weiterer gesunder Entwicklung eine große Karriere bevorstehen. Seiner betrogenen und aus Rache zu Gift greifende Fürstin leiht Ljubov Sokolova ihren großformatigen, pudrigen Mezzo mit Attacke in allen Lagen. Liebe zum Sohn, Wut und Verzweiflung über die Demütigung durch den Gatten gestaltet sie plastisch; verglichen mit anderen Rollenvertreterinnen, die ich erlebt habe, fehlte lediglich eine letzte Prise – Temperament? Charisma? Nuancenreichtum? -, um aus ihr die vierte Hauptfigur des Stücks zu machen. Nikolaj Emcov als fürstlicher Sohn Jurij entwickelt sich in der Begegnung mit Kuma sehr schön vom Sohn der Mutter zum Geliebten der „Zauberin“; dass er in deren Todesszene seltsam passiv ihr nicht zu Hilfe eilte, erklärte sich nach und nach aus seiner Zerrissenheit zwischen der (ihn packenden) Mutter und der Geliebten und der generell kühlen Inszenierung von Kumas Tod (auch ihre vier Verehrer agieren resigniert und legen den Leichnam pietätvoll in den Brunnen, über den die erwähnte Familientafel gestülpt wird); etwas mehr emotionale Anspannung auch in der Gelähmtheit hätte es aber sein dürfen, zumal er bis dahin Ausdrucksfähigkeit bewiesen hatte. Sein heller, expansionsfähiger Tenor sitzt relativ weit hinten und besitzt eine etwa halsige Farbe, ist aber nicht trocken und wird wendig geführt; einige nicht ganz sauber sitzende Töne mögen der Tagesform zuzuschreiben gewesen sein.

Tschaikowskis „Zauberin“ am Teatro San Carlo Neapel/ Szene/ Foto L. Romano, Teatro San Carlo di Napoli

Pountney besetzt den prüden, geld- und machtgierigen Mamyrov, der beim Fürsten Kuma denunziert, dann aber im 1. Akt von jenem in ihrer Anwesenheit gedemütigt wird, und den im Wald lebenden Zauberer Kud’ma, der im 4. Akt der Fürstin Gift verkauft, mit ein und dem selben Sänger. Alexej Tanovickij ist in der Doppelrolle abgesehen von seinem pracht- und klangvollen, raumgreifenden Bass auch ein Glücksfall durch seine imposante Größe ­­– er überragt das restliche Ensemble aber nicht nur, sondern setzt diesen Umstand auch wirksam ein, z.B. im erzwungenen ungeschlachten Tanz wie in der Bedrohlichkeit Kud’mas, sodass er im bereits beschriebenen Schlussbild mit Recht als Kumas und des Fürstenhauses böser Feind triumphiert. Seine Schwester Nenila, Gesellschafterin der Fürstin, erhält in dieser Produktion viel Ambiguität – beobachtet sie das Geschehen nur, schürt sie die Katastrophe unmerklich oder ist sie vor Entsetzen handlungsunfähig? Ljudmila Gradova spielt die rätselhafte Figur einprägsam und steuert fruchtige Mezzotöne bei. Kumas Angestellte Polja (Anna Barhatova) und Mascha (Chormitglied Gloria Vardaci) sind ihrer Herrin würdige Soprane; Savva Chastaev ist als Paisi ein wuseliger, nur auf den ersten Blick harmloser Bettelmönch und Spion Mamyrovs mit für die Figur fast schon zu wohlklingendem und leuchtendem Tenor; durchwegs Luxusbesetzungen für Kumas Gäste/Verehrer sind die Tenöre Artjom Melichov (Balakin) und Vitalij Dudkin (Lukasch), der Bariton Lev El’gardt (Potap) sowie der Bass Jurij Evchuk als wuchtiger Boxer Kitschiga und Denis Beganskij als Kumas Onkel Foka. Besonders aufhorchen lässt Grigor Verner in seinen wenigen sonoren Phrasen als Jurijs Vertrauter Zhuran, tadellos Chorsolist Rosario Natale (ein Gast). Überhaupt klang der Chor des San Carlo unter Marco Faelli trotz gelegentlichen Koordinationswacklern bei Einstiegen erfreulich idiomatisch, und namentlich die Herren legten im 4. Akt mit dem erwähnten Trauerchor Ehre ein.

Zaurbek Gugkaev am Pult des hauseigenen Orchesters dirigiert sensibel und detailreich, aber auch klar strukturiert; die Kontraste zwischen lieblichen Genre- und Liebesszenen und packender Dramatik lassen nichts zu wünschen übrig, und er hält die vielen Beteiligten sicher zusammen – oder bringt sie mit klarer Schlagtechnik wieder auf Linie. Dem Werk, das stilistisch sicher (durchaus bewusst) heterogener als Onegin oder Pique Dame gehalten ist und bis zu einem gewissen Grade auch als Reaktion auf Erfolge des „Mächtigen Häufleins“ auf der Opernbühne gesehen werden kann, vermag er die nötige Geschlossenheit zu verleihen. Am Mariinskij dirigiert er viele konzertante Opernaufführungen der Akademie, aber auch reguläre Aufführungen, und er ist (wie der nunmehrige Chefdirigent des Bolschoj, Tugan Sochiev) ein Beleg dafür, dass es an der Petersburger Oper selbstverständlich neben Gergiev für andere tolle Dirigenten Platz hat (Foto oben:Tschaikowskis „Zauberin“ am Teatro San Carlo Neapel/ Szene/ Foto L. Romano, Teatro San Carlo di Napoli). Samuel Zinsli