Im Zickzack

 

Der vielbekrittelten Verzetteltheit von Zeit und Ort der Handlung in La forza del destino ist das Team der neuen Zürcher Produktion beherzt zu Leibe gerückt. Die Bühne von Hartmut Meyer bietet nicht lediglich ein Einheitsbühnenbild, sondern auch einen einheitlichen, abstrakten Spielort. Bilder und Akte können so nahtlos ineinander übergehen, was der inszenierende Intendant Andreas Homoki mit über Bildgrenzen hinaus anwesende Personen noch verstärkt. Das schafft Stringenz, führt aber auch dazu, dass z.B. Leonora zum Vorspiel des 3. Aktes auf dem italienischen Kriegsschauplatz bei Velletri anwesend ist, obgleich sie sich im 2. Akt in eine spanische Einsiedelei zurückgezogen hat. Nun ja, sie ist auch in Alvaros und Carlos Gedanken so präsent wie jene in ihren. Eindrücklich, wie am Ende des „Rataplan“ alle zu Boden fallen, sodass Leonora Padre Guardiano danach auf einem Leichenfeld trifft, ehe der Chor sich als hungrige Bettelmeute wieder erhebt.

Vier im Zickzack angeordnete Wände beherrschen die Bühne – die äußeren beiden können aus der Sicht weggeklappt werden, die inneren bilden entweder einen Keil Richtung Publikum oder eine Innenecke Richtung Hintergrund, in welchem Fall sie eine Vertiefung freigeben. Der Rest der Bühne ist breit schwarz und rot gestreift. Noch einige wenige Requisiten – ein Korb, Messer und Pistolen, ein Holzteller und Alvaros Truhe – mehr braucht’s nicht. Die titelgebende Macht des Schicksals wird (wenn ich recht verstanden habe) von einem als ihre Werkzeuge agierenden sehr präsenten Trio verkörpert, einer Frau und zwei Männern, im Kontrast zu den übrigen Soli wie der Chor farbenfroher, irgendwie leicht zirkushaft kostümiert und frisiert (wie die elegante Ausstattung der andern von Mechthild Seipel). Ob sie mutwillig oder gezielt mit den Schicksalen von Leonora, Alvaro und den andern spielen, bleibt wohltuend offen. J’Nai Bridges singt sowohl Preziosilla als auch Curra – Letztere wird im Programmheft nicht genannt, weshalb wohl die ganze Rolle als Preziosilla zu verstehen ist. Sie eignet sich schon von ihren Texten her als Spielmacherin, befördert sie doch aktiv Leonoras Affaire mit Alvaro und hetzt die Massen zum Krieg auf. Für „Rataplan“ und andere Schlachtgesänge braucht es einen sowohl großen, in allen Lagen durchschlagskräftigen als auch ausgesprochen wendigen Mezzo; Bridges kommt mit der schwierigen und rein stimmlich nicht wirklich dankbaren Partie gut zurecht, singt schwungvoll und weitestgehend präzis, wenn auch im Klang etwas hohl, gelegentlich leierig. Vielleicht lag das aber auch an der Premierentagesform nach einer intensiven Probenphase. Jamez McCorkle, ebenfalls den ganzen Abend über szenisch im lebhaften Einsatz, singt „nur“ den Trabuco, sorgfältig und mit tragfähigem hellem Tenor. Gleich drei Rollen fallen Gezim Myshketa zu – der Alcade, der Chirurgo und vor allem Fra Melitone, den er kratzbürstig-liebenswert als noch recht jungen, impulsiven Mann gestaltet. Die ausdrucksstarke Stimme mit  guten Höhen und Tiefen schadet der schwungvollen Figur natürlich auch nicht. Kaum zu glauben, dass er (in Zürich noch in bester Erinnerung aus den „Pazzi per progetto“) erst in den Endproben für den erkrankten Ruben Drole eingesprungen ist.

Die Szenen zwischen den beiden Erzfeinden in Incognito Alvaro und Carlo strotzen nur so von Posen und Reaktionen des Machismo, in (zumindest in meiner Wahrnehmung) ständigem Hin und Her zwischen authentisch und lächerlich. Ehre, Stolz und die große Geste spielen da die Hauptrollen. Vielleicht spiegelt das aber auch nur das Libretto wieder. Marcelo Puente als Alvaro hinterlässt bei mir einen gemischten Eindruck: Ja, er hat Höhe, Volumen und Stamina für die Partie, gute Diktion und achtet auf Phrasierung. Und doch erkenne ich den imposanten Paolo Malatesta aus „Francesca da Rimini“ an der Opéra du Rhin kaum wieder, zu gestemmt klingt hier alles, selbst im (für meinen Geschmack zu selten eingesetzten) Piano noch unter Druck, mit schnellem Vibrato und nicht allzu edlem Metall im Klang. Auch szenisch bleibt er oft etwas unbeholfen (ebenfalls ganz anders als bei Paolo), was vielleicht aber auch an der Partie liegen kann – und daran, dass auch er wohl erst im Verlauf der Probenzeit den ursprünglich angesetzten Kollegen ersetzt hat. Bei George Petean als Carlo bleiben einmal mehr einfach kaum Wünsche offen. Als Schauspieler wie als Sänger setzt er nie auf den spektakulären Einstieg, sondern baut fast unauffällig sorgfältig auf – sparsame Gesten, aber stets auf dem Punkt. Mit traumhaftem Legato und noblem Timbre gestaltet er Steigerungen und Rücknahmen in allen Lagen gleichermaßen souverän, auch die wütende Cabaletta im 3. Akt vermittelt Rachelust mit den Mitteln kultivierten Gesanges. Von der fabelhaften Diktion und Textgestaltung ganz zu schweigen. Im ersten Bild, in Leonoras Zimmer, ist Carlo bei der Unterredung mit dem Vater auch anwesend, vergöttert die Schwester offensichtlich, engt sie aber mit seiner Sorge und (wenigstens brüderlichen) Liebe auch ein. Die Balance zwischen dem knabenhaften selbsternannten Beschützer und dem streitbaren erwachsenen Rächer gelingt Petean glaubwürdig. Glücklicherweise kann seine Schwester auf dem Niveau rundum mithalten. Auf Hibla Gerzmava, in Russland in wenigen Jahren zum Star geworden, war ich besonders gespannt gewesen, und kein Zweifel, diese Leonora ist eine Entdeckung. Einen Sopran, der dermaßen alles mitbringt, was ich mir für eine große Verdipartie wünsche, habe ich sehr lange nicht mehr gehört. Mit schier endlosem Atem formt sie die Kantilenen, mit einer leuchtenden Stimme, die ganz schlank geführt werden und im nächsten Moment raumgreifende Fülle entfalten kann. Die beiden Arien werden so natürlich zu den Höhepunkten, zu den Divenmomenten, die wir uns wünschen – aus einer verblüffenden Sicherheit heraus gestaltet, die dennoch alles an Verzweiflung gibt und in schlicht spektakulären Spitzentönen gipfelt. Ganz ähnlich fesselt vom ersten Moment an ein Bühnencharisma, das oft Gelassenheit ausstrahlt, aber keineswegs Phlegma oder Ausdrucksarmut. Die lebhafte Mimik scheint von der Arbeit des Gesangs völlig unbeeinflusst. So genießen wir eine emanzipierte Leonora, die sich gegen das Schicksal auflehnt – und eine grandiose Sängerin.

Oper Zürich: „La forza del destino“/ Szene/Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Anders als beim Schicksalstrio sind bei Christof Fischesser im Programm beide Rollen, die er singt, genannt, Padre Guardiano und Leonoras Vater, der Marchese di Calatrava. Seltsam, denn der Guardiano trägt auch Calatravas Zivilkostüm. Man könnte sich noch zusammenreimen, dass es sich dabei um Leonoras Sicht handelt, dass sie bei einer anderen Vaterfigur Vergebung für den mitverschuldeten Unfalltod des Vaters sucht. (Darauf könnte deuten, dass Guardiano in seiner ersten Szene mit Leonora zweimal an der selben Stelle und genau wie Calatrava zu Boden fällt, als sei er auch erschossen worden.) Aber Alvaro? Der dürfte doch im Finale vor dem eigenen Abt nicht erschrecken, als hätte er ihn nie gesehen. Und reine Halluzination der beiden Liebenden kann Guardiano nicht sein, denn auch Melitone spricht mit ihm. Und wie deuten wir die Schlussszene, wo in der Vertiefung der tote Carlo auftritt und die ebenfalls tote Leonora sowie Guardiano – der damit endgültig zum Vater wird!? – zu ihm gehen und das Familienbild des Anfangs mit kniendem Bruder und umarmendem Vater um die Heldin herum stellen? Hier wirft die Inszenierung für mich die größte Frage auf. Auf die ich keine Antwort weiß. Das mag gegen die Regie oder gegen mich sprechen.

Fischesser wirkt – und das hat mir gewiss auch nicht geholfen – als Guardiano merkwürdig neutral, weniger beteiligt (anders als Calatrava zu Beginn), bleibt auch im Umgang mit Melitone z.B. völlig humorfrei. Natürlich singt er beide Partien hochkompetent; wo es an gelassener Fülle (noch) fehlt, drückt er gelegentlich etwas nach, doch alles stets mit guter Linie und Diktion.

Der Chor unter seinem neuen einen Chordirektor Janko Kastelic singt differenziert und ist ungewöhnlich engagiert bei seinen vielfältigen szenischen Aufgaben (auch wenn manche Auf- und Abgänge, sollten sie nicht rein pragmatischen Gründen folgen, etwas rätselhaft sind), mal Mitgestaltende des Schicksals, die Wände bewegen, mal werden sie vom Trio herumdirigiert.

Das alles wird aus dem Graben unwiderstehlich vorangetrieben durch Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich, fieberhaft und transparent, mit einer reichen Farbenpalette (die namentlich für die komischen Momente in den Lagern nochmal neue Klangnuancen bereithält) und epischem Atem.

Während der Ouvertüre ereignete sich ein kleines Missgeschick – die eine der beiden Mittelwände blieb auf dem Weg zur hinteren Position stecken. Das wäre nicht der Rede wert, hätte nicht der Hausherr und Regisseur mit viel Humor in einer kleinen Ansage darauf reagiert („Fabio, du musst nicht rausgehen, aber ich würde vorschlagen, wir fangen einfach nochmal an.“) – und wäre die Zürcher Forza so nicht unverhofft zu einer zweiten Leonoren-Ouvertüre gekommen, noch intensiver, noch packender, den Bogen von Cherubini zu Wagner schlagend musiziert. Samuel Zinsli