Im Rollstuhl

 

Heiße Juli-Abende laden auch in Franken zu entspannenden Vergnügungen ein. Man mag dicke Wälzer liegen lassen und zu einem Comic greifen. So es nach übertriebenem Klamauk gelüstet, kann man sich eine deutsche Komödie im Fernsehen oder auf DVD zu Gemüte führen. Oder doch Lust auf beides? Dann empfiehlt sich aktuell ein Besuch im Staatstheater Nürnberg, wo Verdis Attila veralbert wird. Regisseur Peter Konwitschny und sein Team (Bühne und Kostüme: Johannes Leiacker, Licht: Thomas Schlegel) entdeckten im draufgängerischen Jugendwerk (Uraufführung 1846 in Venedig) „völlig überdrehte Musik“ und Duette „wie aus einem Comic“. Schon war das Konzept geboren: pubertierende Hunnen zuerst, dann Mafiosi im Anzug, und schließlich die Protagonisten als Greise im Rollstuhl. Wie das zusammenhängt? Gar nicht. Eine Auseinandersetzung mit dem Text findet kaum statt (der ist nämlich überhaupt nicht lustig). Aber das ist nicht das Schlimmste. Was hier wahrlich nicht zum ersten Mal staunen lässt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die selbstgefällige Weigerung, Text und Musik ernst zu nehmen, als Akt der intellektuellen Auseinandersetzung verkauft wird. In Wirklichkeit geht es indes nur um seichtes Entertainment. Unter diesen beklagenswerten Umständen leistete das Ensemble Ausgezeichnetes.

„Attila“ am Opernhaus Nürnberg/Szene/ Foto Jutta Missbach

An erster Stelle muss Nicolai Karnolski genannt werden, der Attila seinen virilen, schön timbrierten Bariton lieh. Durch das hanswurstige Bühnengeschehen unbeeindruckt, verband er die edle Stimmführung eines echten Verdi-Sängers mit hervorragender Textverständlichkeit. Nicht ganz dieses Niveau erreichte Mikolaj Zalasinski als Ezio, doch konnte auch er mit mächtiger, wenn auch an Stellen wenig fokussierter Stimme und durchgehend hervorragender Diktion überzeugen. Ihm war der szenische Tiefpunkt der Inszenierung vorbehalten: er musste mehrmals seine Cabaletta unterbrechen, weil er jeweils von Schüssen aus dem Off getroffen wurde. Er meisterte diese sängerfeindliche Peinlichkeit mit Würde und Können. David Yim kam mit der Rolle des Foresto zurecht. Sein schön timbrierter Tenor verfügte über die ihm eigene italianità, doch wirkte er diesmal gelegentlich angestrengt und matt. Bleibt Odabella. Was war die Niedersächsin Sophie Löwe denn für eine Sängerin, für die die Rolle geschrieben wurde? Die Partie verlangt einerseits schon Spinto-Qualität, andererseits muss die Stimme wendig sein und in der schönen Arie „Oh! Nel fuggente nuvolo“ lyrisch expandieren. Manche Bühnengröße ist an diesen Anforderungen gescheitert. Klára Kolonits tat ihr Bestes, um der Rolle gerecht zu werden, und sang z.B. die Romanze mit ergreifendem Ton. Anderswo klang die Stimme allerdings rauh und angestrengt (vor allem in der Höhe), und im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen verstand man kaum ein Wort dessen, was sie sang. Rollendeckend interpretierten Yongseung Song (Uldino) und Wonyong Kang (Leone), beide Mitglieder des Internationalen Opernstudios Nürnberg, ihre Rollen. Gábor Kális Dirigat zeichnete sich durch Robustheit und Drive aus, was dem nervösen Zucken der Musik angemessen war. Dieser Verdi kam dafür nicht gerade federleicht daher, eher teutonisch marschierend, aber dafür fesselnd. Die lustvoll aufspielende Staatsphilharmonie Nürnberg und der wie immer phantastisch von Tarmo Vaask vorbereitete Chor des Staatstheaters (hier unterstützt durch den Jugendchor des Lehrergesangvereins Nürnberg unter der Leitung von Klaus Bimüller) trugen zum Erfolg des musikalischen Teils bei. Wer sich an diesem Abend für einen Comic oder eine DVD statt für einen Opernbesuch entschieden hatte, traf trotz verfehlter Inszenierung zweifelsohne die falsche Entscheidung (Foto oben: „Attila“ am Opernhaus Nürnberg/Szene/ Foto Jutta Missbach; besuchte Vorstellung am 9. Juli 2017). .Michele C. Ferrari